Befragt man Meyer heute nach seiner Farbenlehre, sagt er als Erstes, dass der Bundestagswahlkampf noch längst nicht begonnen habe und er sich dazu nicht äußern könne. Er sagt aber auch: "Man müsste wohl das Blau wieder stärken. Die Zeiten sind nicht mehr so orange."

Nie zuvor sind in der Bundesgeschäftsstelle der CDU so viele Beschwerden eingetroffen. Manchmal meldet sich ein aufgebrachter Anhänger, brüllt ins Telefon und legt auf. Es ist die Zeit des Protests gegen die Eliten, die Zeit der Drohungen und Wutanfälle. "Lügner, Heuchler und Täuscher", schreiben verbitterte Bürger der CDU, "Deutschland wird untergehen." Von August bis Dezember ist die Zahl der Parteiaustritte von rund 1300 auf fast 3200 im Monat gestiegen. Meyer sagt: "Heute ist die politische Lage in Deutschland viel konfliktreicher als 2013. Das Thema Sicherheit ist viel wichtiger geworden."

Wenn eine Partei zu zerreißen droht, kann es sinnvoll sein, sich als Politiker vorab in zwei Persönlichkeiten zu spalten. So macht das Stefan Hundt, der 57-jährige Bürgermeister von Lennestadt im Sauerland, Nordrhein-Westfalen. Hundt, ein schlaksiger Kahlkopf, läuft in die von Menschengemurmel erfüllte Schützenhalle, die westfälische Variante des Bierzelts. Er hat eine Bürgerversammlung einberufen, jetzt sehen ihm 350 Augenpaare zu, wie er sich ein Mikrofon nimmt, zunächst "die Vertreter der Geistlichkeit" begrüßt und mit sonorer Raucherstimme sagt: "Ich hatte Ihnen ja versprochen: Ich informiere Sie regelmäßig über den Stand der Dinge."

104 Prozent Belegungsquote

Der Stand der Dinge in Lennestadt: Auf gut 25.000 Einwohner kommen 586 Asylbewerber. Nach Berechnungen des Bürgermeisters bedeutet das "104 Prozent Belegungsquote". Die Stadt ist voll, ihr Haushalt ist tief ins Minus gerutscht. 875.000 Euro haben die Flüchtlinge im vorigen Jahr gekostet, so viel wie alle freiwilligen Ausgaben für Musikschule, Bäder, Sportvereine zusammen. Deshalb hat der Bürgermeister jetzt mit dem Stadtrat eine "Überlastungsanzeige" verabschiedet – das heißt: Die Stadt weigert sich, neue Flüchtlinge aufzunehmen, bevor nicht mehr Geld von Land und Bund kommt. Die Obergrenze, in Lennestadt ist sie erreicht.

Das ist der eine Stefan Hundt.

Der andere Stefan Hundt redet fast wie die Kanzlerin. Er wirbt darum, freie Wohnungen an Flüchtlinge zu vermieten. Sich als Pate zu engagieren. Er spricht von einem "dynamischen Prozess, von dem niemand weiß, wie er in zwei, drei Monaten aussieht".

Seit sieben Jahren ist Hundt Bürgermeister, jüngster Thronfolger einer langen CDU-Dynastie. Im Herbst hat sich Hundt geteilt, in ein Politwesen, halb Merkel, halb Seehofer. Da schrieb er mit 214 anderen Bürgermeistern aus Nordrhein-Westfalen einen Brief an die Kanzlerin, der so begann: "Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel, wir wenden uns in großer Sorge um unser Land ... Anlass ist der massive und in erheblichem Umfang auch unkontrollierte Zustrom von Flüchtlingen." Unter den Unterzeichnern viele Peters, Heinrichs und Josefs. Die westdeutsche, katholische, männliche CDU.

Die CDU mag eine Frau an ihrer Spitze haben, sie hat eine weibliche Spitzenkandidatin in Rheinland-Pfalz, sie stellt eine Verteidigungsministerin – aber außerhalb der großen Stadt, dort, wo die Politik den Menschen sehr nahe kommt, haben es sehr wenige Frauen auf die entscheidenden Posten geschafft. Es ist kein Zufall, dass in diesem Text über die CDU kaum Frauen auftauchen – außer der einen, an der sich all die Männer abarbeiten.

Wie viele noch?

Bevor er zur Schützenhalle fuhr, hatte Stefan Hundt erzählt, wie es zu diesem Brief gekommen war. Den ganzen Sommer über war es ihm gelungen, neue Flüchtlinge unterzubringen. Er hatte mit Schützen-, Sport- und Gesangsvereinen gesprochen, hatte hier eine freie Wohnung, dort einen leer stehenden Gasthof gefunden. Aber irgendwann antworteten die Menschen auf seine Fragen mit Gegenfragen: Wie viele noch? Wie soll das weitergehen?

Die CDU war stets die Partei mit dem Motto "Keine Experimente" – aber die Politik der Kanzlerin sei noch nicht mal mehr ein Experiment, findet Hundt: "Ein Experiment mache ich ja mit dem klaren Willen, ein Experiment zu machen." Merkels Satz "Wir schaffen das" trage er nicht mit. "Dazu müsste ich wissen, was ›das‹ ist." Als Hundt in seinem Maileingang den Brief an die Kanzlerin fand, unterschrieb er sofort.

Heute, fast ein halbes Jahr später, ist nur noch schwer zu sagen, wer in der CDU eigentlich Populist ist und wer Pragmatiker. Der Seehofer in Hundt leistet Widerstand auf dem Post- und Amtsweg. Die Merkel in ihm kommt vor Publikum ohne jedes Ressentiment aus. Den Abend in der Schützenhalle hat Hundt durchgeplant wie ein Regisseur, auf allen Stühlen Infoblätter mit Statistiken auslegen lassen. Der größte Teil der Asylbewerber stamme aus Syrien, die Mehrzahl seien Männer, unter den 586 Menschen fänden sich 167 Kinder. Hundt lässt einen Mann der Agentur für Arbeit reden und einen Polizisten von "strafrechtlich relevanten Vorgängen mit Zuwanderungsbezug" berichten. Bislang in diesem Jahr: vier Ladendiebstähle und ein Schwarzfahrer. Nach einer guten Stunde greift der Bürgermeister wieder zum Mikrofon und sagt: "Sie haben sicherlich Fragen. Feuer frei!"

Im Publikum springt ein Mann auf. Gescheiteltes graues Haar, Schnauzbart, Lederblouson. "Ich komm gern nach vorn", ruft er. Der Mann ist Mitglied in der Allianz für Fortschritt und Aufbruch (Alfa), die Bernd Lucke nach seinem Austritt aus der AfD gegründet hat. Kaum hält der Grauhaarige das Mikrofon in der Hand, hallt seine Tirade durch die Halle: "Die Polizei kann die Bürger nicht mehr schützen ... Kosten, die für uns Bürger anfallen ... liebe Lennestädter Mitbürger, deshalb frage ich ..." Stöhnen im Saal, Augenrollen, Pfiffe. Hundt beugt sich hinab zum Mikrofon und sagt langsam und leise, so souverän, wie man es einem CDU-Politiker kaum mehr zutrauen würde: "Ich darf um Ruhe bitten." Kann sein, dass Stefan Hundt, ein Gegner Merkels, gerade Merkels Macht sichert.

Austritte von Mitgliedern

Es war im Spätsommer vergangenen Jahres, als auch das CDU-Mitglied Karl-Hermann Bolldorf aus der hessischen Kleinstadt Biedenkopf einen Brief schrieb. Nicht an die Kanzlerin, wie die Bürgermeister aus Nordrhein-Westfalen, sondern nur an seinen Kreisvorsitzenden. Bolldorf berichtete zunächst von kleinen Dingen. Davon, dass er bei der Kommunalwahl auf einem schlechten Listenplatz gelandet sei. Das habe ihn gekränkt. Dann kam er auf die großen Dinge. Darauf, dass die Kanzlerin die Grenzen nicht für alle Flüchtlinge hätte öffnen dürfen. Und auf die übertriebene Willkommenskultur. Deshalb, so schrieb er, "möchte ich aus der CDU austreten".

Karl-Hermann Bolldorf ist 67 Jahre alt. Als er in die CDU eintrat, war er 23 und hatte gerade seine Prüfung zum Verwaltungsbeamten bestanden. "Ich bin konservativ, ich konnte mich einfach gut mit der Partei identifizieren", sagt Bolldorf.

Während er davon erzählt, wie er anfangs bei Kommunalwahlen von Tür zu Tür gelaufen sei und wie er später in Fußgängerzonen gestanden habe, lenkt er seinen Wagen über die hügeligen Landstraßen rund um Biedenkopf. "Hier ist der Kaufland, da habe ich mitgeholfen, dass der hierherkommt, dort das Ärztehaus, da das schönste Freibad im Land." Dann sagt er: "Und hier, in dem Zimmer mit dem Balkon, war mein Amtszimmer." 18 Jahre lang war Karl-Hermann Bolldorf Bürgermeister von Biedenkopf. Dann verlor er. Gegen einen Mann von der SPD. Das war 2010.

Von nun an musterte er seine Partei kritischer. Zuerst war es nur das vage Gefühl, dass die CDU, seine CDU, sich veränderte. Seit Angela Merkel Kanzlerin ist, sei die CDU immer weiter nach links gerückt. "Irgendwann fand ich, dass die Partei ein Einheitsbrei mit der SPD war." Es kamen ihm Zweifel, doch die Beziehung hielt. Wie in einer Ehe, sagt Bolldorf. Am Anfang stelle man fest, dass einen kleine Dinge ärgerten, man fühle sich verletzt. Trotzdem trenne man sich nicht. Dann kam die Flüchtlingskrise.

Zur AfD übergelaufen

Zunächst sprach Bolldorf darüber nur mit Bekannten, "du, das ist nicht mehr meine CDU". Hinter vorgehaltener Hand hätten ihm viele Parteimitglieder recht gegeben. Die anderen arrangierten sich mit der Verunsicherung, Bolldorf zog seine Konsequenz. Der Austritt, sagt er, sei schlimmer als eine Scheidung gewesen. Bolldorf muss es wissen. Er hat zwei Ehen hinter sich.

Die meisten aus der CDU hätten sich von ihm abgewandt, erzählt Bolldorf. Vielleicht wären sie mit ihm befreundet geblieben, wäre er nicht drei Monate nach seinem CDU-Austritt zur AfD übergelaufen. Bei einem Glas Wein unterhielt er sich mit einem Kommunalpolitiker der AfD. Nach einem weiteren Glas beschloss er einzutreten. Das sei nicht geplant gewesen, sagt Bolldorf. Aber, um ehrlich zu sein: "Mir war langweilig, und meiner Lebensgefährtin gehe ich zu Hause nur auf die Nerven." Vieles, was er an seiner CDU früher geschätzt habe, finde er jetzt bei der AfD. "Das Konservative, das Hochhalten der deutschen Kultur."

Inzwischen, meint Bolldorf, korrigiere Merkel ihren Kurs. Fluchtursachen würden bekämpft, das findet er gut. "Wenn die Kanzlerin gleich so reagiert hätte ...", sagt er. Den Satz vollendet er nicht. Was dann? Wäre er dann nicht ausgetreten?

"Vielleicht. Ich glaube, dann hätte sich die Frage für mich so nicht gestellt." Bald ist Kommunalwahl in Hessen. Karl-Hermann Bolldorf steht auf Platz zwei der Kreisliste. Für die AfD.

Die CDU, das war stets die Staatspartei, die Rechtspartei, die Ordnungspartei, die Realitätspartei. Zu ihrem Selbstverständnis gehörte es, unverrückbar in der Wirklichkeit zu stehen. Störungen dieses Selbstbilds wurden nicht zugelassen. Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, verstieß zwar mit seinen schwarzen Parteikassen gegen das Gesetz, aber seine Partei wischte diese Irritation mit dem Hinweis weg, dass er an allen historischen Wendepunkten richtiggelegen habe: Westbindung, Europa, deutsche Einheit. Was war schon der Trickser Kohl gegen den Europäer Kohl?

Schonungsloser Machtpragmatismus

Die Linken, das waren die mit den schöneren Träumen und Ideen – nur leider völlig unrealistisch. Die von der Union, das waren Menschen, die recht behielten. Und die, bei denen auch die schwierigsten Aufgaben klappten. So sah man sich, als Handwerksmeister der Macht.

Es war nie ganz klar, ob das Parteivolk der CDU, all die Bürgermeister und Kreisräte, die Beisitzer und Schatzmeister, Merkels Politik wirklich begrüßten. Aber das war nicht wichtig, solange das Wahlvolk zur Kanzlerin hielt. Merkel sicherte der CDU die Macht, und das schützte sie gegen Grundsatzkritik. Eine Rebellion wäre ein sinnloser Aufstand gegen den Erfolg gewesen. Doch mit jedem Wähler, der die Partei verlassen könnte, sinkt jetzt die Ergebenheit der Funktionäre.

In die Geschichte der CDU wird Angela Merkel als die Kanzlerin eingehen, deren Amtszeit nicht christdemokratische Grundsatztreue, sondern schonungsloser Machtpragmatismus auszeichnete. Dieser Pragmatismus, das Funktionieren, wurde zum Ideologieersatz. So entstand rechts von der CDU der Raum für eine neue Partei, in der die Ideologie über dem Pragmatismus steht. Die AfD.

In der Partei des Funktionierens dagegen scheint jetzt nichts mehr zu klappen, und das im Allerheiligsten der Konservativen: dem Staat. Von Staatsversagen ist die Rede, seit die Kanzlerin im Fernsehen erklärte, dass sie die Grenzen nicht schließen könne. Von allen Zumutungen der letzten Monate war das für viele in der CDU die schlimmste. Eine Todsünde.

Inzwischen kommt es vor, dass Angela Merkel durch Albträume von CDU-Mitgliedern geistert. Michael Barz schlief tief und fest daheim in Greifswald, als sein Unterbewusstsein in irgendeinem Gebirge unterwegs war, sehr steil ging es bergauf. Barz war mit seiner Frau auf Wanderschaft, aus unerfindlichen Gründen war auch die Kanzlerin dabei. Barz erinnert sich, dass Merkel und seine Frau viel schneller aufstiegen. "Es war schrecklich", sagt er, "ich kam nicht hinterher."

Heißt das, er kann der Kanzlerin nicht mehr folgen?

Barz sitzt in Greifswald im ersten Café am Platze, gotisches Gemäuer. Der Marktplatz vor den Fenstern sieht ganz so aus, als habe Helmut Kohl sein Versprechen der blühenden Landschaften eingelöst. Bunt geschminkte Häuser, Fischbuden, Wimmelbuch-Leben. Für den 57-jährigen Barz steht fest: All das gibt es nur dank des "Weitblicks" der Christdemokraten. Barz trägt einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd, ihm gehört hier das größte Versicherungsbüro, bis 1990 hat er im Greifswalder Atomkraftwerk gearbeitet. Barz wurde in den fünfziger Jahren geboren, wie Merkel. Er ist ostdeutsch, wie Merkel. Er ist 1990 in die CDU eingetreten, wie Merkel. Und er gehört demselben Kreisverband an wie Merkel.