Dieser Text entstand kurz vor den Landtagswahlen im März, bei denen die AfD in die Parlamente von Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz einzog.

Bernd Lucke geht schnell und zielstrebig, bis ihm auffällt, dass er den Weg nicht kennt. Brüssel am Nachmittag, heiter bis wolkig auf der Rue du Luxembourg, mitten auf dem Gehsteig stoppt Lucke plötzlich. "Stanhope Hotel. Eigentlich war ich da schon ein paar Mal", sagt er und furcht die Stirn. Er schaut sich um, die Rechte in die Hüfte gestemmt, in der Linken lässt er seinen Abgeordnetenausweis am Bändsel rotieren wie ein Schulkind den Schlüssel, dann stellt er sich dem nächsten Passanten in den Weg. "Monsieur, où est le Stanhope Hotel?" Lucke verzichtet auf jede Begrüßung, er hat es eilig. Der Passant umständlich, als Tourist sei er leider ... "Merci", unterbricht ihn Lucke und wendet sich ab. Er ruft seinen neuen Assistenten Ravel Meeth an, Meeth geht nicht ans Telefon. Lucke entdeckt das Hotel Leopold, geht hinein und fragt ungeniert, wie er zur Konkurrenz kommt.

Im Stanhope Hotel will Lucke mit uns YouTube-Videos gucken, das ist der Plan. Lucke, wie er die AfD gründet, Lucke gegen Claus Kleber, Lucke, wie er von der eigenen Partei ausgebuht wird. Bilder seiner Karriere. Das war nicht seine Idee, sondern unsere. Wir wollen hören, wie er sich fühlt, wenn er diese Bilder sieht. Jetzt, wo er mit der AfD gebrochen hat und das große politische Spiel von der Seitenlinie verfolgt. Für eine Weile glitt dieser Mann ja beinahe wöchentlich aus irgendeiner Talkshow in unsere Wohnzimmer. Erschuf erst diese Partei und ließ uns dann, als sein Geschöpf uns immer mehr beunruhigte, mit ihm allein.

2013 war er plötzlich aufgetaucht. Ein Hamburger Professor für Volkswirtschaftslehre in Pullovern aus Opas Schrank. Gründete die Alternative für Deutschland, mit der er das Land vor einem für ihn klar sichtbaren Abgrund retten wollte. War kurz ein Politikstar, Lucke Skywalker gegen das EU-Imperium, bis seine Partei sich weigerte, ihn zum Alleinherrscher zu machen. Die AfD danach: immer dämonischer, Pegida, Schießbefehl, hoch in den Umfragehimmel, Lucke liegen geblieben am Wegesrand der Historie, sozusagen vom eigenen Auto überfahren. Eine Art Frührentner der Zeitgeschichte.

Interessiert ja die wenigsten, dass er weiter als Abgeordneter in Brüssel lebt, in Ausschüssen sitzt, hartes Brot der Tagespolitik. Und wie hieß noch mal diese komische neue Partei, die er gegründet hat? Alfa, ach ja, richtig. Sein Versuch, das doch noch alles irgendwie zu korrigieren.

Am liebsten hätten wir ihn zu Hause besucht, die Clips mit dem Privatmann, dem Bürger Lucke in seinem Wohnzimmer gesehen. Wollte er aber nicht. Wo geht Herr Lucke hin, wenn er mal einen Wein trinken will? Herr Lucke trinke sehr selten Wein, hieß es, und gehe auch nicht aus, er sei meist im Büro oder zu Hause. Also dann vielleicht wenigstens ein Club, so etwas muss es für die Abgeordneten doch geben, oder ein Restaurant mit Separee?

Luckes Assistent wählte schließlich die Lobby des Stanhope, so ziemlich das Gegenteil von einem Separee. Hell beleuchtet, weißer Marmor und ausladende Plüschsofas, Filmmusik unter dem Gerede wichtig aussehender Menschen. Lucke, für diesen Teil des Gesprächs gekleidet in einen Lucke-Pullover, schwarz mit halbherzigen Streifen, checkt die Lage mit Feldherrenblick, setzt sich dann ohne zu zögern auf eins der Sofas. Das mit den Clips findet nicht seine Begeisterung, aber er hat sich darauf eingelassen, und jetzt macht er das auch. Fokussiert, kein Blick fortan mehr für seine Umgebung. Der Reporter hat den Laptop auf dem Schoß, Lucke beugt sich zu ihm rüber. Immer wieder merkwürdig, dass Politiker auch Körperwärme haben.

Der erste Clip: heute, nach dem Gründungsparteitag. Die Partei sprintet los. Im Filmchen zu sehen Lucke, wie er redet, zu dem Thema, das die Partei überhaupt möglich machte: "Wenn der Euro scheitert, dann scheitert doch nicht Europa. Wenn der Euro scheitert, dann scheitern Angela Merkel, Wolfgang Schäuble!" Frenetischer Jubel der 1.500 Anwesenden. Gesetzte Bürger, Schlips und Kostüm, absolut in Ordnung schienen die größtenteils. Kennen Sie den Film, Herr Lucke? "Nein", sagt er. "Wie Sie vielleicht wissen, besitze ich keinen Fernseher." Stolz in der Stimme, für TV hat der Professor aus intellektueller Selbstachtung wenig übrig. Aber er sieht das wohl gern, er lächelt leise. "Mir ist das natürlich sehr präsent", sagt er. Er bedauert nicht, diese bürgerliche Partei gegründet zu haben.

Wenn Zweifel mitschwingt, höchstens ein ganz leiser. Lucke ist schon bewusst, dass an dem Tag ein Monster geboren wurde. Den "Schwefelgeruch" nehme er auch wahr, sagt er. "Ich wünsche mir, dass die AfD scheitert." Aber damals habe er das alles nicht ahnen können.