Die Ereignisse der Kölner Silvesternacht sind aus den Nachrichten verschwunden, geblieben ist die Ansicht, dass der arabische Mann ein Frauenproblem hat. In unserer Vorstellung trägt er Jogginghose und Gelfrisur, und alles Weibliche überfordert ihn. Viele haben Angst vor ihm, manche verachten ihn. Wie wäre es aber, wenn wir versuchen würden, den arabischen Mann zu verstehen?

Man würde wohl damit anfangen, diejenigen zu befragen, die ihn gut kennen: die arabischen Frauen.

Man trifft sie in Marokko. Sie öffnen einem ihre Wohnzimmer, Küchen und Büros und erzählen in glasklaren Worten von ihrer Welt: Für sie ist der arabische Mann keine Gestalt, die in ihren Gedanken oder in den Fernsehnachrichten lebt – sie wohnen mit ihm unter einem Dach. Er ist ihr Ehemann, ihr Sohn, ihr Bruder oder Vater.

Weil dies aber eine Geschichte aus dem Morgenland ist, werden darin auch eine schöne Prinzessin und ein König von sagenhaftem Reichtum auftreten. Die Erzählung beginnt an einem Sonntagnachmittag im Februar mit einem Esel.

Er grast unter einer Palme auf dem Mittelstreifen einer frisch asphaltierten Straße, die zwischen vertrockneten Feldern hindurchführt. Die Wohnsiedlungen etwas außerhalb von Rabat, der Hauptstadt von Marokko, wurden mitten in die Landschaft gebaut.

Fatima Outaleb sieht dem Esel vom Fenster ihres Wintergartens aus zu. Jemand habe das Tier ausgesetzt, sagt sie. Sie gibt ihm manchmal altes Brot. Das Gras ist trocken, weil es seit Monaten nicht geregnet hat, und der Esel ist schon ganz mager.

"Wie kann man so ein Tier einfach sich selbst überlassen?", fragt Outaleb. Sie füttert auch die verdreckten Katzen, die im Gebüsch vor der Garage leben, sagt ihnen zärtlich Guten Tag, wenn sie nach Hause kommt, und verabschiedet sich, wenn sie zum Einkaufen fährt. Die Leute in der Siedlung halten sie deshalb für eine Verrückte. Niemand sonst beachtet die Tiere. "Die Nachbarn respektieren mich, aber sie denken, ich sei nicht normal."

Sie fügt hinzu: "Sie haben vielleicht nicht ganz unrecht."

Es begann damit, dass sie als Schulmädchen einen Wutanfall bekam, als ihre Mutter sie dazu bringen wollte, die schmutzigen Socken ihrer Brüder nach dem Fußballspiel zu waschen. Ihre Schwestern fanden nichts dabei. Aber Fatima fing an zu brüllen: Warum muss ich das tun? Warum waschen die nicht selbst ihre Socken? Warum darf ich nicht Fußball spielen?

Fatima wuchs in einem Bergdorf auf, ihre Eltern waren beide Analphabeten. Niemand hatte ihr je etwas von Frauenrechten erzählt. Manche akzeptieren das, was sie umgibt, andere sind mit einem Übermaß an Empathie und Wut ausgestattet. Sie blicken durch die Normalität hindurch und entdecken Ungerechtigkeit.

Die Wut überfällt Fatima Outaleb jetzt noch manchmal. Am Morgen hat sie in die Tastatur gehackt und auf Facebook gepostet: "Ich bin angewidert und entsetzt über die Ungerechtigkeiten, die in meinem Land geschehen!!!!" Es ging um einen besonders drastischen Fall von Korruption.

Traditionalisten wollen, dass alles so bleibt, wie es angeblich immer war. In Marokko lautet die Argumentation ungefähr so: Menschenrechte sind ein Westimport, Frauenrechte sowieso. Individuelle Freiheit wird der arabisch-islamischen Kultur immer fremd bleiben. In diesem Punkt ist man sich mit den Arabophoben des Westens einig, wobei die einen ihr Urteil abschätzig meinen und es für die anderen ein Kompliment ist.

Auch unter Wohlmeinenden ist die Ansicht verbreitet, die Araber und uns trenne nicht das Meer, das zwischen uns liegt, sondern etwas ganz und gar Unüberwindbares, was wir Kultur nennen. Doch heute, da sich so viele Menschen auf den Weg machen und Grenzen überwinden, könnte man auch mal Begriffe auf die Reise schicken: Man könnte versuchen, das EU-Nachbarland Marokko mit genau den Begrifflichkeiten zu beschreiben, mit denen wir sonst uns Europäer beschreiben.

Da wäre zum Beispiel das Wort Patriarchat.

Bei uns ist es zugegebenermaßen aus der Mode gekommen, aber es hat uns über Jahrzehnte dazu gedient, uns selbst besser zu verstehen. Es ist auch viel präziser als der Begriff "Kultur", der annimmt, das Frauenbild einer Gesellschaft sei nicht etwa ein hochkompliziertes Politikum, sondern eine Frage von Geschmack und Sitte: So wie die Araber gern geschmortes Kamelfleisch essen, unterdrücken sie auch ihre Frauen.

Drei Gesetzesentwürfe

Vielleicht können uns die Diskussionen über Männer und Frauen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten geführt haben, dabei helfen, die arabischen Gesellschaften zu verstehen. Wir könnten nüchterner auf diese Weltregion blicken – weder aggressiv noch naiv.

Gehört es zum Arabischsein dazu, Frauen zu unterdrücken? Nach Ansicht von Fatima Outaleb führt diese Frage geradewegs vorbei an den konkreten Problemen eines arabischen Frauenlebens hinein ein Dickicht gegenseitiger Vorwürfe, die das Verhältnis zwischen dem Westen und den Arabern bestimmen. Sie selbst hat mit ihrer feministischen NGO "Union de l’Action Féminine" drei Gesetzesentwürfe erarbeitet.

1. Sexuelle Nötigung im öffentlichen Raum und häusliche Gewalt sollen Straftatbestand werden. Zu Letzterem gehört Vergewaltigung in der Ehe.

2. Es soll verboten werden, seine Töchter als Hausangestellte zu verkaufen, was so weit verbreitet ist, dass diese Kinder einen Namen haben: petites bonnes, "kleine Hausmädchen".

3. Für das Parlament und die politischen Parteien soll es eine Frauenquote geben.

Damit sind allerdings nur einige Lücken und Probleme des marokkanischen Rechts benannt. Weitere sind: Eine Frau erbt nur die Hälfte dessen, was ein Mann erbt. Bei Wiederheirat verliert eine geschiedene Frau das Sorgerecht für ihre Kinder.

In Marokko leiten Frauen heute Milliardenkonzerne und werden YouTube-Stars. Doch bei Ehe- und Familienfragen gelten die Prinzipien der Scharia, die bekanntlich Männer bevorzugt. In anderen Rechtsbereichen gibt es längst Fortschritte. Das Strafrecht beispielsweise folgt säkularen Normen. Doch es hat für die allermeisten Leute keine große Bedeutung. Wenige Menschen werden kriminell, während sehr viele heiraten und Kinder bekommen. Darin könnte die Erklärung liegen, warum die religiöse Tradition sich gerade im Familienrecht so hartnäckig hält: Beim Familienrecht geht es wirklich um etwas. Und zwar um Macht.

Solange das Gesetz so aussehe, sagt Fatima Outaleb, sei es kein Wunder, dass viele marokkanische Männer Frauen wie Menschen zweiter Klasse behandelten – ob in Marokko oder Köln: Warum sollte ein Mann eine Frau achten, wenn ihr diese Wertschätzung auf dem Papier nicht zusteht?

Zu jedem Zeitpunkt der Geschichte und in jedem Land dieser Welt haben Männer Frauen schlecht behandelt, wenn das Recht sie nicht davon abgehalten hat. Auch in Westeuropa traten Männer nicht aus Einsicht ihre Privilegien ab. Sie gaben nach erbitterten Kämpfen auf. Bis dahin ließ sich ihr Widerstand mühelos kulturell begründen. Schließlich war es noch fast jedem Denker des Abendlandes ein Anliegen gewesen, die Minderwertigkeit der Frau zu belegen: Platon, Augustinus, Darwin, Max Weber. Nur wenn man beide Augen zudrückt, kann man behaupten, die Gleichberechtigung sei ein Fundament der westlichen Zivilisation. Statt darüber nachzudenken, warum arabische Männer ein Problem mit Frauen haben, könnte man also fragen, warum europäische Männer es offenbar halbwegs überwunden haben. Welche glücklichen Umstände mussten zusammenkommen? Und lässt sich irgendwas davon auf die arabische Welt übertragen?

Rabat ist eine Stadt der Friedhöfe und Moscheen. Der morbide Prunk scheint auf die Bewohner eine einschläfernde Wirkung zu haben. Verkäufer dösen in ihren winzigen Läden, in denen sie einzelne Schrauben anbieten. Ein Möbelhändler beugt sich tief über ein Tischchen, auf das er in aufreizender Langsamkeit ein kompliziertes Muster malt.

In einem Büro gleich neben einer Moschee, im Zentrum für Frauenforschung, arbeitet Asma Lamrabet. Sie telefoniert im Stehen. Als sie aufgelegt hat, redet sie weiter. Sie wirft die Arme hoch und sticht mit dem Finger in die Luft.

Ihr Anliegen erscheint von vornherein aussichtslos: Woher sollen die Leute so viel Energie nehmen, wie sie ihr offenbar zur Verfügung steht? Wie sollen sie aus der Kraftlosigkeit finden, in die ihr mühevolles Leben sie drängt?

Der Islam müsse von innen heraus reformiert werden, erklärt Lamrabet. Man müsse eine feministische Lesart der Texte etablieren. Die Lesart sei so wichtig, weil den Koran selbst sowieso kaum jemand lese. Von Bedeutung seien die Interpretationen, und die kämen seit Jahrhunderten von Männern.

Deren Auffassung nach sind Mann und Frau grundsätzlich komplementär, werden ihre Rollen "nicht vermischt", wie der marokkanische Ministerpräsident es ausdrückt. Im idealen Patriarchat sorgt der Mann für seine Frau, die ihm im Gegenzug ergeben ist.

Der Islam ist in Marokko also die Rechtfertigung dafür, dass Frauen den Männern rechtlich nicht gleichgestellt sind. Asma Lamrabet will, dass es genau andersherum ist. Der Islam solle die Frauen befreien, so wie er auch sie selbst befreit habe. Als sie das sagt, sieht sie aus wie jemand, der einen besonders unwahrscheinlichen Zaubertrick angekündigt hat.

Wie soll das gehen?

Man müsse den Koran wie einen offenen Text lesen, sagt sie, ihn im Sinne der Menschenrechte verstehen. Die Botschaft des Korans sei in etwa folgende: Die Menschenwürde ist ein Geschenk Gottes. Der Rest ist Verhandlungssache.

Manche erkennen in der islamischen Befreiungstheologie die Merkmale des Stockholm-Syndroms: Die islamischen Feministinnen richten sich in den Bedingungen des Unterdrückers ein, um das Beste daraus zu machen.

Aber Asma Lamrabet sagt: Zu den vielen Dingen, die das Patriarchat den Frauen vorenthält – sexuelle Freiheit, ökonomische Unabhängigkeit –, gehört auch religiöse Spiritualität. Frauen sind die Adressaten der kleinlichen Regeln der Religion. Die philosophische Dimension von Gott zu erfassen ist immer Männersache. Spiritualität aber brauche der Mensch, sagt Lamrabet, auch die Frau. Oder man lande eben bei Yoga, Homöopathie und Horoskopen.

Religion ist nicht nur das, was Menschen im Herzen glauben. Religion ist ein Mittel der Politik. Für den König Marokkos, Mohammed VI., ist Religion das wichtigste Machtinstrument.

Er ist ein König wie aus dem Märchen. Nicht nur hat er eine Prinzessin geheiratet, deren honigfarbene Augen alle verzaubern. Auch teilt er seine Macht mit niemandem: Judikative, Exekutive, Legislative, alles seins. Das Parlament, vom Volk gewählt, darf das Wort Budget nicht einmal erwähnen. Die Minister ernennt der König, die Richter kontrolliert er.

Seine Investmentfirma hält Mehrheitsanteile an Dutzenden Firmen aller Branchen – Energie, Bergbau, Finanzdienstleistungen, Telekommunikation, Immobilien, Kosmetik, Tourismus, Logistik. Mohammed VI. gehört zu den fünf reichsten Männern Afrikas. Sein Land zählt der IWF zu den ärmsten der Welt.

Die Religion hindert die Leute daran, über diese Ungerechtigkeit in maßlose Wut zu geraten. Mohammed VI. hat nicht nur die weltliche Macht, er nennt sich auch Oberhaupt der Gläubigen. Er ist für die Marokkaner, was der Papst für die Katholiken ist. Der Personenkult hat ähnliche Ausmaße. Wenn der Hof vermeldet, dass der König einen Schnupfen habe, quellen die sozialen Netzwerke über mit Genesungswünschen.

Mohammed VI. zu widersprechen ist praktisch nicht möglich. Aktivisten und Journalisten werden abgehört, erpresst und eingesperrt, Websites werden lahmgelegt und Computer gestohlen, Filme und Bücher verboten, Wissenschaftler werden von Vortragsreisen abgehalten. Wenn die Leute über ihn sprechen, senken sie die Stimme, sodass man kaum noch versteht, was sie sagen. Sie sehen sich nach allen Seiten um, verstummen mitten im Satz und gucken ihr Gegenüber aus Europa unglücklich an.

Vielleicht ist es so: Der Gehorsam wird Kindern in Marokko in die Wiege gelegt. Sie lernen schon von ihren Eltern, dass nicht alle Menschen gleich viel wert sind. Das Wort des Vaters zählt mehr als das der Mutter. Ein Mädchen muss die Socken ihrer Brüder waschen. Dass die Regeln mehr oder weniger willkürlich sind, verstärkt nur ihre Wirkung: Es geht darum, sich zu fügen. Dieses Prinzip bestimmt jede Begegnung zwischen Mann und Frau. Sie sind nicht gleich, sondern König und Untertan.

Die jungen Männer von Rabat sitzen am Nachmittag auf den Mauern an der Strandpromenade. Sie haben Kopfhörer im Ohr, rauchen Joints und starren auf die haushohen Wellen des Atlantiks, die sich an den Felsen brechen. Wenn Frauen vorbeikommen, rufen sie ihnen etwas hinterher. Oder sie zischen, säuseln, murmeln, zwinkern, winken. Das Repertoire scheint unerschöpflich. Ist es Anmache oder Einschüchterung? Vielleicht wird gar nicht unterschieden. Im Patriarchat geht es beim Sex weniger um Intimität, Lust oder Sympathie. Auch beim Sex geht es um Unterwerfung und Dominanz.

Was wäre, wenn Frauen und Männer selbst entscheiden dürften, wie sie sich lieben wollen? Wenn nicht Furcht, Wut und ungerechte Gesetze zwischen ihnen stünden, sondern Solidarität sie verbände? Der König befürchtet wahrscheinlich zu Recht, dass er machtlos wäre gegen die Kräfte, die so entstünden.

Die arabischen Männer von Köln haben gelernt, dass eine Frau weniger wert ist als ein Mann. Manche von ihnen werden sich bei uns von dieser Vorstellung befreien. Zumindest haben sie die Gelegenheit dazu. Hier gibt es keinen König, dessen Herrschaft auf der Ohnmacht der Frauen beruht. Hier gibt es eine Kanzlerin.