Vielleicht liegt das Rezept gegen die steigende Arbeitslosigkeit hinter einer quietschgelben Gründerzeitfassade. Die Villa Kunterbunt in der Grazer Vorstadt erinnert auch im Hochparterre mehr an eine Studenten-WG denn an ein Büro. Agnes Fogt fährt den Rechner herunter. Es ist 14 Uhr, das Arbeitspensum der Marketingmanagerin ist erledigt. "Sechs Stunden reichen völlig aus", findet die junge Frau mit den bunten Steinchen, die vom Ohrreifen baumeln. Ihr Chef steht daneben und nickt. Michael Wihan, 35, Geschäftsführer des Mate-Eistee-Produzenten Makava, hält es selbst genauso: im Schnitt sechs Stunden am Tag, ergeben 30 pro Woche. "Ist schon cool", grinst er und zieht das Käppi zur Seite. "Voll chillig", sagt Agnes Fogt und nimmt den letzten Schluck vom gelbgrünen Getränk mit der lachenden Sonne am Etikett. 2002 haben Wihan und sein Studienkollege Jan Karlsson mit der Entwicklung des hippen Drinks begonnen, heute verkaufen sie gut drei Millionen Flaschen im Jahr und beschäftigen elf Mitarbeiter. Keiner arbeitet mehr als 30 Stunden pro Woche. "Fauler Sack", feixt der Unternehmer: Solche Kommentare höre er oft.

Denn Österreich ist ein Land des Fleißes: 43 Stunden pro Woche verbringen Vollzeitbeschäftigte hier laut Eurostat im Job, nur in Griechenland sind es noch mehr. Deutschland liegt mit 41,5 Stunden im EU-Mittelfeld, während Dänen schon nach 37,8 Stunden ins Wochenende gehen.

Im europäischen Spitzenfeld lag Österreich lange Zeit auch mit seiner niedrigen Arbeitslosenquote. Das hat sich geändert. Am Dienstag hat das Arbeitsmarktservice AMS die neuen Zahlen veröffentlicht. 475.931 Arbeitslose im Februar: Damit ist schon mehr als jeder zehnte Erwerbsfähige im Land ohne Job. Und die Prognosen bleiben düster.

Das führt zum Comeback einer alten Idee: Arbeitszeit kürzen, um Arbeitsplätze zu schaffen. Die größte Teilgewerkschaft GPA-djp forderte schon vergangenen Sommer eine 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Kurz nach seiner Angelobung erklärte SP-Sozialminister Alois Stöger: "Es wäre wichtig, die Arbeit vernünftiger zu verteilen. Wir leisten uns den Luxus, dass manche überhaupt nicht arbeiten, während sich andere vor Arbeit gar nicht erwehren können."

Das seien "gefährliche Retro-Ideen", warnt hingegen die Wirtschaftskammer. Für "unverantwortlich" und "geradezu absurd" befindet auch die Industriellenvereinigung jede Diskussion über eine Verkürzung, die angesichts der angespannten Konjunktur vielmehr Arbeitsplätze vernichten würde.

Beide Positionen erinnern an die Debatte, wie sie im langen Weg vom 16-Stunden-Tag des 19. Jahrhunderts bis zur Einführung der 40 Wochenstunden vor 40 Jahren geführt wurde. Und beide verkennen: In der neuen Arbeitszeitdebatte geht es um mehr als nur um die Frage, wie viele Jobs es gibt.

Schuld an der überlangen Arbeitszeit sind 300 Millionen Überstunden pro Jahr

In der Grazer Vorstadt boomt das Geschäft mit dem Mate-Getränk. Die Verkaufszahlen haben sich in den vergangenen Jahren jeweils verdoppelt. Um die Nachfrage zu bedienen, ist auch das "Sunshine-Team", wie sich die junge Firma nennt, gewachsen. Je zwei neue Mitarbeiter wurden in den letzten drei Jahren eingestellt. "Wenn alle länger arbeiten würden, bräuchten wir statt elf nur sechs oder sieben Angestellte", rechnet Geschäftsführer Wihan vor.

Schon eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden würde zu einem Beschäftigungwachstum von drei bis sieben Prozent führen, sagt eine Wifo-Studie. Das hieße: bis zu 100.000 neue Jobs. "Damit könnte die Beschäftigung zumindest stabilisiert werden", sagt Studienautor Markus Marterbauer.

"Man kann Jobs und Arbeitszeit nicht verteilen wie einen Kuchen", kontert Wirtschaftskammer-Referent Rolf Gleißner. Er verweist auf Frankreich, wo im Jahr 2000 die 35-Stunden-Woche eingeführt wurde. "Die Arbeitskosten haben sich für die Unternehmen dadurch massiv erhöht. Frankreich hat stark an Wettbewerbsfähigkeit verloren, damit hat sich auch die Beschäftigungslage negativ entwickelt." Eine 30-, 32- oder 35-Stunden-Woche wäre Gift für die österreichische Wirtschaft, ist Gleißner überzeugt.