Kann man mit einer einzigen Zahl beschreiben, wie wichtig die Arbeit von Myriaden Bienen, Schwebfliegen, Mücken, Fledermäusen und Kolibris ist, wenn sie von Blüte zu Blüte fliegen? Wenn sie nach Nektar suchen, Pollen verteilen und damit die Grundlage dafür legen, dass wir leben können? Kann man ein Preisschild auf die Bestäuber kleben, auf die Äpfel, Kakao, Mangos und Raps so dringend angewiesen sind? Ja, sagen die Autoren des allerersten Berichts des Weltrates für Biodiversität: Zwischen 235 und 577 Milliarden Dollar bringt die tierische Bestäubungsarbeit jährlich ein, immerhin fünf bis acht Prozent des landwirtschaftlichen Ertrags.

Seit Montag ist der Bericht öffentlich. Er ordnet den Wust von Daten und Studien, damit Politiker eine allgemein akzeptierte Grundlage haben, wenn sie Entscheidungen treffen wollen. So ähnlich, wie es auch der Weltklimarat IPCC versucht. Der Report, koordiniert vom UN-Weltrat für Biodiversität (IPBES), ist deutlich in seiner Aussage: Den Bestäubern dieser Welt geht es schlecht, und wir täten gut daran, etwas gegen ihren Rückgang zu unternehmen, und zwar schnell. Obwohl der Report die globale Situation bewertet und damit so verschiedene Systeme wie die Maiswüsten Brandenburgs, die Regenwälder Amazoniens oder die Savannen Afrikas gleichzeitig betrachtet, lässt sich der weltweite Rückgang der Bestäuber auf einige Faktoren zurückführen, die sich überall auf der Erde ähneln.

Weltweit verändern Menschen Ökosysteme. Sie bauen Straßen, legen Felder an, ziehen Städte hoch. Mit steigender Bevölkerungszahl muss die Produktion von Nahrungsmitteln zunehmen. Eine intensivierte Landwirtschaft, deren Ergebnis die riesigen Anpflanzungen von Ölpalmen in Indonesien, Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste oder Sojafelder im Mittleren Westen der USA sind, lässt immer weniger Nischen übrig, in denen Bienen, Mücken oder Fliegen überleben können. Mehr Pestizide werden auf den Äckern verspritzt, und wo genveränderte Pflanzen wachsen, haben es Bestäuber schwer. Außerdem machen ihnen Arten, die aus anderen Erdteilen eingewandert sind, sich ausbreitende Krankheiten und der Klimawandel zu schaffen.

Die Aufzählung der Schwierigkeiten liest sich wie das Inventar eines vom Menschen gemachten Kabinetts des Schreckens. Doch wenn man dem Bericht vorwirft, fahrlässig Weltuntergangsstimmung zu verbreiten, tut man ihm Unrecht. Tatsächlich steht es um die Biodiversität auf der Erde schlecht, Experten schätzen, dass Arten heute tausend Mal so schnell aussterben wie in vorindustriellen Zeiten. Von dem Ziel, den Verlust der Lebensräume, Arten und der genetischen Vielfalt bis 2020 aufzuhalten, wie es die Vereinten Nationen formuliert haben, entfernen wir uns von Jahr zu Jahr mehr.

Der IPBES-Report ist eine gut fundierte Datengrundlage. Auch wenn sie für Asien, Afrika oder Südamerika noch längst nicht vollständig ist. In der finalen Verhandlungsrunde, die am Freitag vergangener Woche in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias, zu Ende ging, haben nicht nur Wissenschaftler diskutiert, sondern auch Politiker aus mehr als 120 Staaten. Das macht den Bericht zu einem politischen Instrument – und zwar einem, das sein Wissen nicht nur aus den vornehmlich englischsprachigen Fachjournalen rekrutiert, sondern auch von den Erfahrungen indigener Gruppen erzählt. Wer im Report blättert, findet Anekdoten darüber, wie Stämme in Papua-Neuguinea imkern, Völker in Mexiko Bienenstöcke aus Ton bauen oder Sammler in Äthiopien wilden Honig ernten. "Das mit einzubinden war nicht ganz einfach", sagt Josef Settele vom Umweltforschungszentrum in Leipzig. Er verhandelte in Kuala Lumpur mit und war einer von vier deutschen Wissenschaftlern, die den Report mitverfasst haben. "Wir sollten zeigen, dass es möglich ist, auch anekdotisches Wissen in solch einen globalen Report einfließen zu lassen", sagt Settele.

Dass die Misere schon längst da ist, daran hat Josef Tumbrinck keine Zweifel. Tumbrinck ist Vorsitzender des nordrhein-westfälischen Landesverbands der Naturschutzorganisation Nabu, und er ist Hobbyforscher im Entomologischen Verein Krefeld. Seit 1984 stellen seine Mitglieder Insektenfallen in die Heiden und Wälder Deutschlands, die aussehen wie Gardinen. Jedes Jahr wiegen die Insektenfreunde, wie viel Getier ihnen in die Netze gegangen ist. An einigen Standorten sei das Gewicht des jährlichen Fanges um bis zu 80 Prozent, bei den mehr als 80 Standorten gebe es keine Ausnahmen vom Negativtrend: "Überall sind die Zahlen im Keller", sagt Tumbrinck. Und die Hobbyforscher haben weitere Pläne. Im Dachgeschoss des Vereinsheims liegt ihr Datenschatz: Jedes zwischen 1984 und heute gefangene Tier wurde in Krefeld in Alkohol eingelegt. Jetzt wollen die Freizeit-Wissenschaftler gemeinsam mit Universitäten und einem Museum die Arten bestimmen, Individuen auszählen und konkrete Angaben darüber machen, welche Gruppen von Insekten wie stark zurückgegangen sind.

Genau an dieser Art von Langzeitstudien fehle es, sagt Alexandra-Maria Klein, Professorin an der Universität Freiburg und Mitautorin des IPBES-Berichtes. "Doch trotzdem haben wir genügend Daten, um sagen zu können, dass Bestäubervielfalt mit zunehmendem Verlust an natürlichen Lebensräumen überall auf der Welt zurückgeht." Klein forscht vor allem zu Ökologie von Bestäubern, und ihre Arbeiten haben Erstaunliches gezeigt. Arten wie Äpfel profitieren davon, wenn mehr Wildinsekten in der Plantage unterwegs sind. Diese werden angelockt, wenn es viele verschiedene Blütenarten, Nistplätze und Verstecke gibt. Die wilden Insekten stören die domestizierten Bienen, die dann den Baum wechseln und so die Pollen zwischen den einzelnen Sorten hin- und hertragen. Eine Kernaussage von Kleins Arbeit: Insekten-Multikulti zahlt sich aus, im besten Fall auch wirtschaftlich.

Das zeigt genauso der Bestäuber-Bericht, wenn auch in viel größerem Maßstab. Und er betont zusätzlich den kulturellen, spirituellen und ästhetischen Wert der Vielfalt. Den Teil also, der sich nicht mit einer Zahl bemessen lässt.

Korrekturhinweis vom 16. Januar 2018: In der ursprünglichen Version dieses Artikels war die Zahlenangabe zum Gewichtsverlust falsch. Wir haben das geändert. Die Redaktion