Berlin im Winter. Eisiger Wind weht an diesem Sonntagmorgen. Ein mürrisch dreinblickender Herr öffnet die Tür und führt den Besucher ins Wohnzimmer, Kaffee und Brötchen sind aufgetischt. Die Frage, wie es ihm geht, beantwortet er kurz und bissig: "Schlecht, die Lage gibt Anlass zur Depression. Wie soll es einem in solchen Zeiten schon gehen, bei der Regierung und all den Problemen?" Henryk M. Broder, wie man ihn kennt; mit Kritik hält der Autor nie hinterm Berg. Er ist berüchtigt für seine Streitlust. Doch heute soll es nicht um Politik gehen, sondern um Broder selbst. Um eine Krankheit, die ihm schwer zugesetzt hat. Wie geht es einem, der ständig Konfrontation sucht, wenn die Angriffe nicht von außen kommen, sondern aus dem eigenen Körper? Ein Gespräch mit dem Psychologen Louis Lewitan.

ZEIT Doctor: Herr Broder, Sie sind ein unermüdlicher Autor. Wie viele Stunden am Tag schreiben Sie?

Broder: 12 bis 16 Stunden, ich bin ein echter Workaholic und könnte jeden Tag fünf oder zehn Geschichten schreiben. Ich arbeite eigentlich immer, ich arbeite im Zug, ich arbeite im Café, ich arbeite in der Hotellobby. Loriot hat mal gesagt, ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos, und so geht es mir mit der Arbeit. Ich bewundere Leute, die ohne Arbeit auskommen. Es ist mir völlig egal, wie viele Autos oder Häuser andere besitzen, aber ich beneide Leute um das, was ich als "peace of mind" bezeichnen würde. Ich werde schon nervös, wenn ich drei Tage nichts produziert habe. Ich schaue dann sofort, wann mein letzter Artikel veröffentlicht wurde. Und wenn das länger als drei Tage zurückliegt, denke ich, mein ganzes Leben ist vertan, ich bin ein Versager.

ZEIT Doctor: Wer nicht loslassen kann, der lebt in einer Daueranspannung.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Broder: Ja, die merke ich auch. Mein Arzt fragt immer: "Wann haben Sie zum letzten Mal nichts gemacht?" Dann antworte ich: "Das war kurz vor dem Abitur."

ZEIT Doctor: Warum gelingt es Ihnen nicht, eine Distanz aufzubauen zu dem, was draußen passiert?

Broder: Sie sprechen wahrscheinlich das Grundproblem meiner Existenz an: Ich nehme alles persönlich. Wenn im Iran eine Frau gehängt wird, weil sie ihren Vergewaltiger erstochen hat, dann nehme ich das sehr persönlich. Wenn Herr Steinmeier wenig später in den Iran fährt und dem Obermörder dort das Händchen drückt, nehme ich das sehr persönlich. Weil es der gleiche Herr Steinmeier ist, der zwei Wochen vorher in einem ehemaligen KZ in Dachau oder Sachsenhausen zum Jahrestag der Befreiung eine Rede gehalten hat, wie man sich dem Unrecht in den Weg stellen muss. Diese Form der Heuchelei nehme ich sehr persönlich. Ich weiß, es ist absurd, und für einen 69-Jährigen ist es doppelt absurd.

ZEIT Doctor: Wie gut können Sie denn überhaupt schlafen?

Broder: Ich schlafe schlecht, fast immer.

ZEIT Doctor: Was träumen Sie während der kurzen Nächte?

Broder: Wenn ich Ihnen jetzt sage, was ich träume, werden Sie mich sofort einweisen. Es sind Gewaltorgien, Kämpfe, Auseinandersetzungen. Ich fliehe vor irgendjemandem, oder ich setze jemandem nach.

ZEIT Doctor: Sie laufen Amok in Ihren Träumen.

Broder: Ja, ich laufe Amok. Meine Arbeit ist ein Amoklauf. Die Leute sagen immer, das Essen sei der Sex des Alters. Ich finde, das Schreiben ist der Sex, nicht nur des Alters, sondern der eigentliche Sex des Lebens. Du kreierst etwas, du erschaffst etwas. Ich gerate wirklich in leichte Überzustände, wenn ich schreibe. Mein vorletztes Buch Die letzten Tage Europas habe ich am Stück geschrieben, in genau sechs Wochen.

ZEIT Doctor: Es gab eine Phase, in der Sie Ihrer Arbeit nicht ungestört nachgehen konnten. Sie erkrankten an Colitis ulcerosa, einem entzündlichen Darmleiden. Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

Broder: Ich weiß es nicht mehr, ich bin ein großer Verdränger. Wann es losging, kann ich ungefähr sagen, aber ich vermute, dass ich die Krankheit schon länger mit mir herumgetragen habe. Aktiviert wurde sie nach dem 11. September 2001, da wurde es akut. 2003 wurde ich dann operiert. Ich kann mich genau an diesen Tag erinnern, es war der Tag, an dem die Amis in Bagdad einmarschierten.

ZEIT Doctor: Das ist es, woran Sie sich erinnern?

Broder: Ja, ich kann mich noch genau an das Interview erinnern, das der Pressesprecher von Saddam Hussein dem Sender CNN gegeben hat. Er sagte, die Amerikaner seien gerade vernichtend geschlagen worden, und hinter ihm sah man schon die amerikanischen Panzer rollen. Ich glaube, diese Szene hat wesentlich zu meiner Heilung beigetragen.

ZEIT Doctor: Sie glauben also, es bestünde ein Zusammenhang zwischen 9/11 und Ihrer Colitis ulcerosa?

Broder: Ja, Sie als Psychologe müssten mir das doch erklären können. Jedenfalls war der Zusammenhang auffällig, ich habe mich wahnsinnig aufgeregt, ich habe Tag und Nacht ferngesehen, Radio gehört, war im Internet, ich habe alles gesammelt und dann innerhalb weniger Wochen das Buch Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror geschrieben. Ich fand es damals so ungeheuerlich, wie deutsche Intellektuelle diesen Anschlag rechtfertigten, dass es bei mir vermutlich eine heftige körperliche Reaktion ausgelöst hat. Ich weiß, das ist Küchenpsychologie, aber sie dürfte hier stimmen.