Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Leider ist es so, dass in einer Verpackung ebenso wie in Flaschen und sogar in Menschen nicht immer das drinsteckt, was außen draufssteht. Eine alte Weisheit, die stets neue Urständ feiert. Das beginnt bei banalen Beispielen etwa im Bereich der Lebensmittelindustrie. In den USA wurde Parmesan verkauft, der mit Holzzellstoffen gepimpt war. Ein Material, das in Europa vornehmlich als Dämmmaterial verwendet wird. Bei geriebenem Käse war überhaupt nur 40 Prozent des Käses wirklich Käse.

Nun ist man diese Art von Laktatderivat aus der Ernährungsbranche gewohnt. Vermutlich gibt es auch schon, ohne dass man davon erfährt, Butter, die nur zur Hälfte aus Butter und zur andren aus Motoröl besteht.

Bei der Sprache ist es ähnlich, der PC-Sprech dieser Tage besteht ja auch nur zu einem geringen Teil aus Inhalt. Die alte Lebensweisheit, Sprache forme Denken, wird im digitalen Jargon elegant außer Kraft gesetzt.

Wenn man zum Beispiel von "Menschen mit besonderen Bedürfnissen" spricht, dann wird diese Bruchstück-Sprache auch von keinerlei gedanklichen Kräften geformt. Die dieser Wortformation zugesetzten Dämmstoffe bestehen bei der Fast-Food-Sprache der modernen Kommunikation zu 80 Prozent aus Nichtverstehen, das wie Verständnis dahertrabt. Eher keimt der Verdacht auf, dass die Erfinder dieses Wordings selbst besondere Bedürfnisse haben – nämlich, eigene Behinderungen zu kaschieren.

Diesbezüglich bedarf es einer gesunden Portion Disziplin, um nicht einem besonderen Bedürfnis nachzugeben und laut aufzujaulen. Wie aber sieht es mit dem Bedarf jener Menschen aus, deren Bedürfnisse nicht besonders sind? Da kommt wieder die Lebensmittelbranche ins Spiel. Wer keinen Käse im Käse erwartet, wird dann auch nicht enttäuscht sein, wenn offenbar wird, dass tatsächlich keiner in der Käsepackung steckt. Wer sich hingegen Sprache mit Bedeutung erwartet, wird zunehmend zu einem Menschen mit ganz besonderen Bedürfnissen.