Sie heißt Jenny Aaron. Sie ist blind und die deutsche Antwort auf James Bond. Hauptfigur in Andreas Pflügers Thriller Endgültig. Es ist wirklich lange her, dass ich ein Buch mit derart nägelkauender Spannung gelesen habe. Fast nichts ist schwerer, als nur mit Worten Action so zu beschreiben, dass in der Fantasie des Lesers filmische Szenen entstehen. Denn den Worten fehlen Sound, Bild, Licht, Dunkel, nervenfetzende Musik – alles unmittelbar die Sinne Erregende und Aufpeitschende.

Andreas Pflüger ist Drehbuchautor. Die Liste der von ihm geschriebenen Tatorte ist ellenlang. Nach Operation Rubikon von 2004 – eine der eindringlichsten Darstellungen deutscher Geheimdienstabgründe – ist Endgültig erst sein zweiter Roman.

Es beginnt in Barcelona. Aaron und Kvist, Top-Agenten der "Abteilung", die noch geheimer, hinterhältiger und kampferprobter ist als die GSG 9, geraten bei einer Lösegeldübergabe in eine mörderische Schießerei. Jenny Aaron lässt ihren Geliebten Kvist schwer verletzt zurück. Verfolgungsjagd. Bei 260 km/h schießt ihr der Supergangster Holm in den Kopf. Eine Szene, so schlicht, dass nicht einmal der mit den längst zur Masche gewordenen Krimi-Prologen vertraute Leser vermutet, dass in ihr der Schlüssel zum Konflikt verborgen ist. Pflüger versteckt Sinn in Handlung.

Fünf Jahre später schüttet die ehemalige Top-Agentin, jetzt Vernehmungsspezialistin beim BKA, im Flugzeug ihrem Sitznachbarn versehentlich Kaffee über die Hose. "Sind Sie blind?", flucht der. "Ja." Eine geniale Plot-Idee: Im Dunkel der Blindheit haben die Leser mehr Angst als die Heldin. Und eine Heldin ist sie: schön, schlau, kampfstark wie Peter O’Donnells Modesty Blaise, fitter als James Bond – und leidgeprüft. Gemessen wird Jenny Aaron an ihrem Vater, dem besten Mann der GSG 9; Kontur gewann sie, indem sie sich verwundet aus dem Keller eines Serienmörders befreite. Jetzt stößt sie in Berlin, als sie den Tod einer Gefängnispsychologin untersuchen soll, auf Spuren, die in ihre Vergangenheit zurückführen. Nach und nach schält sich ihr Widersacher aus den Schlieren des Vergessens. Denn Jenny schießt und kämpft zwar trotz ihrer Blindheit besser als alle anderen – es gibt bewundernswert choreografierte Szenen, darunter eine Verfolgungsjagd auf gefrorenen Straßen, bei der Jenny den Wagen nach den Anweisungen eines schwer verletzten Kollegen lenkt. Aber sie leidet unter psychisch bedingtem Gedächtnisverlust. Warum hat sie ihren Geliebten in Barcelona im Stich gelassen? Das wird sie nur erfahren, wenn sie dem Weg des Kriegers Bushidō treu bleibt. Hoffentlich über das atemberaubende Finale von Endgültig hinaus.

Andreas Pflüger: Endgültig. Suhrkamp, Berlin 2016; 459 S., 19,95 €