Man weiß, das erste Opfer der steigenden Polemik ist die Nuance. Wir haben es seit einer Weile mit einem bedenklichen Zug zur Nuancenvernichtung zu tun – bedenklich vor allem deswegen, weil allgemeine Lebenserfahrung weiß, dass zwischen Gut und Böse gelegentlich nur haarfeine Unterschiede liegen.

Die Nuancenvernichtung stützt sich auf einen furchtbaren Verbündeten: das menschliche Bedürfnis, recht gehabt zu haben und zu behalten. Dass Menschen in ungewissen Welten an internen Kontinuitätskonstrukten arbeiten, versteht sich ohne Aufwand. Die gelassene Beobachtung solcher Manöver zu je eigenen Gunsten gilt als die Vorschule des Humors. Dieser weiß, das Ich-lüge-also-bin-Ich gehört zur Grundausrüstung jedes Einzelnen, der zu den Gerechtfertigten gehören möchte. Das Ich-sehe-wie du-dich-Gutlügst wird Teil entweder der Menschenverachtung oder des Allesverstehens.

Man hat zu wenig Aufmerksamkeit darauf verwendet, dass in einer alphabetisierten Zivilisation das Lügen eine Variante entwickelt: das absichtliche schlechte Lesen, das heißt die praktische Ausübung des Nuancen-Mords. Es sind naturgemäß politisierte oder politologisierende Intellektuelle, die bei diesem Vergehen die Täterstatistik überproportional bevölkern. Sie fallen dadurch auf, dass sie Ideen umzingeln wie Frauen in Silvesternächten.

Der Verfasser dieser Zeilen hat aktuell Gelegenheit, die Wirksamkeit nivellierender Mechanismen dieses Typs zum soundsovielten Mal zu beobachten. Nach der Veröffentlichung eines Interviews im Februarheft der Debatten-Zeitschrift Cicero, das einige mediologische Notizen zum Phänomen des Terrorismus und Anmerkungen zum Souveränitätsdefizit in der Berliner Asyl- und Einwanderungspolitik enthielt, überdies einen Hinweis auf die Verletzbarkeit und Schutzwürdigkeit von Grenzen, brach ein Sturm von "Kommentaren" los, der in keinem sinnvollen Verhältnis zum Anlass steht.

Es handelte sich offenkundig um einen Fall von Reflex-Polemik im Gewächshaus der diskutierenden Klasse. Den Anfang setzte ein Schnellschuss im Berliner Tagesspiegel, in dem ein Übererregter es für klug hielt, über "Stahlhelme" auf den Köpfen von vorgeblich "nationalkonservativen" Intellektuellen zu fabulieren.

Ist es auch Schwachsinn, hat es doch Methode. Hätte sich der Verfasser mit meinen allgemein zugänglichen Überlegungen zur Differenz zwischen modernen starkwandigen Container-Gesellschaften und postmodernen dünnwandigen Membran-Gesellschaften (als zwei Aggregatzuständen von Nationalstaatlichkeit) befasst, die ich im Kontext der Sphären-Theorie von 1997 bis 2004 und in dem Buch Im Weltinnenraum des Kapitals entwickelt hatte (unter Wiederverwendung von Dostojewskijs Metapher des Kristallpalasts), wäre ihm seine kenntnisarme Selbsterhitzung erspart geblieben.

Im Übrigen stellt es ein klassisches Pawlow-Phänomen dar, wenn man nun sogar Rüdiger Safranski als xenophoben Extremisten und als Stimmungsmacher für rechtslastige Agitationen darstellen wollte. Ich habe in meinem Leben keinen großherzigeren, menschenfreundlicheren und integrativeren Geist kennengelernt als ihn. Mit seinem gesamten Werk hat sich Safranski um die Versöhnung einer geschichtskranken Kultur mit ihren besseren Potenzialen bemüht. Dank einer Reihe exzellenter Bücher über einige Große unserer Kunst- und Ideengeschichte hat er zahllosen Zeitgenossen den Zugang zu den Klassikern deutscher Sprache neu erschlossen. Dass sein Name jetzt von politischen Krankheitsgewinnlern für eine Agitation gegen einen Autor, der ihr Therapeut hätte sein können, mobilisiert werden soll, kann man nur als Verkehrung ansehen.

Ein kurzes Wort will ich anfügen zu der Polemik von Herfried Münkler gegen Safranskis und meine Äußerungen über deregulierte Migrationen und übers Ufer getretene Flüchtlings-"Ströme". Der Fall hat eine aparte Seite, da Münkler kein kleiner Kläffer ist, wie ein Philosophie-Journalist aus der Narren-Hochburg Köln, der offensichtlich immer noch nicht weiß, wer und wie viele er ist. Münkler jedoch hat sich als Autor von Statur erwiesen. Umso erstaunlicher bleibt seine Fehllektüre-Leistung, die er in einem Artikel dieser Zeitung von vor wenigen Wochen zum Besten gegeben hat.

Es trifft zu, dass Safranski und ich gegen die "Flutung" Deutschlands mit unkontrollierbaren Flüchtlingswellen Bedenken ausgedrückt haben. Aus meiner Sicht bringen unsere Einlassungen eine linkskonservative Sorge um den gefährdeten sozialen Zusammenhalt auf den Begriff. Linkskonservatismus, der meine Farbe ist seit Langem, rechnet unter die Nuancen, die in Gefahr sind, im differenzenfeindlichen Klima ausgelöscht zu werden. Aus meinen Optionen lesen diverse nuancenblinde Kommentatoren "nationalkonservative", um nicht zu sagen neu-rechte Tendenzen bis hin zur Unterstützung von irrwitzigen AfD-Positionen heraus. Doch wer "herausliest", liest hinein. Eine törichtere Verzerrung meiner Ansichten und deren Begründungen lässt sich kaum vorstellen. Ich habe nie einen Zweifel daran gelassen, dass ich, obschon von der universalistischen Linken herkommend, mit den Jahren auch lernen wollte, bewahrenden "partikularen" Interessen ihr Recht zu lassen. Dies tue ich unter der Prämisse, dass das freiheitsbewusste Partikulare bis auf Weiteres das einzig tragfähige Vehikel des Universalen sei.

Da ich aber unter Intellektuellen nie an "Missverständnisse" glaube (bei Naiven ist das anders), sondern durchweg von intentionalen Falschlektüren ausgehe, das heißt bedingten Reflexen zweiten Grades, halte ich es für sinnvoll, den Motiven von evidenten Fehldeutungen nachzugehen. Für den Augenblick beschränke ich mich auf den Fall Münkler, da bei ihm keine pawlowschen Stichwort-Mechanismen unterstellt werden müssen. Seine Irritation durch Äußerungen von Safranski und mir sollten in der Sache von anderer als bloß reflexologisch zu deutender Art sein.