Es ist fast zehn Jahre her, da hätte Letizia Paoli ganz einfach an Informationen über das Breisgauer Dopingsystem gelangen können. Paoli wohnte damals in Horben, einem Vorort von Freiburg, und lehrte als Gastdozentin für Kriminologie am Max-Planck-Institut für Strafrecht. Einer ihrer Nachbarn, erzählt sie der ZEIT, war ein quirliger Sportarzt, der nett grüßte und viel reiste. In jenem Sommer 2006 fragte der nette Nachbar, ob Paoli in seiner Wohnung die Blumen gießen könnte. Er sei im Juli in Frankreich, bei der Tour de France, und deshalb nicht zu Hause. Paoli sagte zu. Wie man das halt so macht unter guten Nachbarn.

Viel Arbeit kam damals auf sie zu. Die Sonne knallte während des Fußball-Sommermärchens vom Himmel – die Pflanzen hatten Durst. Paoli ahnte nicht, wer dieser Nachbar mit Namen Lothar Heinrich war; weder für Sport interessierte sie sich noch für Medizin.

Beides hat sich geändert. Heute weiß sie natürlich, bei wem genau sie die Blumen goss: bei jenem Sportarzt von der Universität Freiburg, der zusammen mit Andreas Schmid über Jahre das magentafarbene Radfahrerteam des Telekom-Konzerns dopte und damit den wohl größten Sportskandal Deutschlands auslöste. Dass die Kriminologin damals Zugang zur Freiburger Dopingwelt bekommen hat, ist aus heutiger Sicht eine beinahe komische Geschichte. Denn bereits 2007, im Jahr nach dem heißen Sommer, rückte das Bundeskriminalamt an, durchsuchte die Privatgemächer des Arztes, stöberte in Kommoden, Kisten und im Kühlschrank.

Am frühen Morgen des 1. März 2016 sieht es so aus: Letizia Paoli ist seit sieben Jahren Vorsitzende einer Kommission, welche die dunkle Vergangenheit der Universität und ihrer Stadt aufklären soll. Paoli, die hauptberuflich an der Universität Leuven in Belgien arbeitet, kämpft nicht nur um jede Akte, sie kämpft auch gegen massive Widerstände. Tausende Dokumente sind verschollen, wurden versteckt oder vernichtet. Allein die riesige Menge an verschwundenen Akten sind Teil jener unglaublichen Geschichte, bei der man nicht weiß: Ist hier Freiburg – oder Palermo?

Ihrerseits macht die Universitätsleitung seit Jahren Druck: Paoli möge doch bitte nicht bummeln, sondern schleunigst die Arbeit abschließen. Gleichzeitig wird das Bild einer überforderten, chaotischen und hysterischen Frau gezeichnet, deren Kommunikationsstil zu wünschen übrig lasse. Als dieser Vorwurf 2013 erstmals an sie herangetragen wurde, konterte Paoli mit einem 186 Seiten umfassenden Rechenschaftsbericht, der grobe Behinderungen dokumentiert. Sie legte anderthalb Jahre später einen weiteren Bericht vor, der auf mehr als hundert Seiten darlegt, wie ihre Aufklärungsarbeit systematisch torpediert wurde.

Irgendwann in dieser Zeit muss die Kriminologin Paoli tatsächlich den Ton verschärft haben. Seither kommuniziert sie, wie Ermittler eben kommunizieren: hart, unnachgiebig, kompromisslos in der Sache. Schließlich geht es um nichts Geringeres als um die "rückhaltlose Aufklärung" der Freiburger Dopingvergangenheit – so lautet ihr Auftrag. Diesen Anspruch haben der Senat, Ex-Rektor Wolfgang Jäger und der amtierende Rektor Hans-Jochen Schiewer selbst formuliert. Daran muss man die Uni am Ende messen: ob sie es mit der Aufklärung wirklich ernst meint.

Die sechs Kommissionsmitglieder unter dem Vorsitz Paolis glauben nicht mehr daran. Ihre jüngste Entdeckung machten sie im Januar, als sie einen erneuten Forschungsskandal aufdeckten. Sie fanden Plagiate und systematische Verfälschungen in Publikationen der Freiburger Sportmedizin. Am Dienstag dieser Woche geben fünf Mitglieder der Kommission ihren Rücktritt bekannt, weil ihr nie völlige Unabhängigkeit zugesichert wurde – auch nicht nach einem Ultimatum, das Uni-Rektor Schiewer am Montag um Mitternacht verstreichen ließ. Offen ist bei Redaktionsschluss, ob auch die Vorsitzende Paoli dem Rücktritt ihrer Kollegen folgen wird – nach Informationen der Badischen Zeitung ist davon auszugehen.

Doch wie glaubwürdig ist die Kommission selbst? Die Fakten sind eindeutig: Mehrere Behörden und Institutionen hielten jahrelang Akten zurück. Das betraf nicht nur die Universität und deren Klinik, sondern auch die Freiburger Staatsanwaltschaft, die Stadtverwaltung, Sportverbände und Ministerien in Baden-Württemberg.

Besonders eindrucksvoll ist der Fall einer führenden Justiziarin der Universität. Fünf Jahre lang, von 2007 bis 2012, deponierte Ursula Seelhorst, eine Angestellte der Freiburger Universität, drei Regalmeter Akten zur Geschichte der Freiburger Sportmedizin in ihrer Wohnung respektive Garage. Inhalt der Unterlagen: Dokumente über Joseph Keul. Der im Jahr 2000 verstorbene Arzt war der führende Olympia-Mediziner der Bundesrepublik. Seine Klinikabteilung, zu der auch Andreas Schmid und Lothar Heinrich gehörten, versorgte Athleten verschiedener Sportarten mit Dopingmitteln. Letizia Paoli bekam erst vor vier Jahren Zugang zum geheimen Aktendepot.

Mehrere Jahre lang kämpfte sie gegen die Justiziarin der Uni unter anderem um die Freigabe von drei Aktenordnern über die sogenannte Testosteron-Studie. Unter Führung von Joseph Keul war Ende der achtziger Jahre die Wirkung des körpereigenen Hormons auf Leistungssportler untersucht worden. Das Bundesinnenministerium finanzierte die Forschung, die Ethikkommission der Universität billigte sie. Heute zeichnet sich ab, dass es sich bei der Studie um verdeckte Dopingforschung gehandelt hat. Agierte Ursula Seelhorst aus eigenem Antrieb? Schwer denkbar – denn in Uni-Kreisen wird die Juristin als überaus korrekt und pflichtbewusst bezeichnet. Bis heute hat die Universität trotz mehrfacher Anfragen keine Auskunft über den mysteriösen Fall gegeben. Rektor Hans-Jochen Schiewer sagte im Herbst 2014 lediglich lapidar: Die Unterlagen stünden der Kommission ja jetzt zur Verfügung.

Bemerkenswert ist auch der Fall Fredy Stober. Der badische Sportfunktionär war einer der besten Kenner der Szene. Als er im Dezember 2010 hundertjährig starb, vermachte er seinen Nachlass dem Staatsarchiv Freiburg. Darunter befanden sich drei Aktenordner mit der Aufschrift "Doping". Sie kamen nie im Archiv an. Wer ließ sie verschwinden? Das ist bis heute unklar. Die Akten bleiben verschollen.

Im Jahr 2012 erbat die Kommission von der Stadt Freiburg alle Unterlagen, in denen die Klinik-Geschichte des dubiosen Freiburger Sportarztes Armin Klümper dokumentiert ist. In jener legendären Einrichtung, die sich der einstige deutsche Spitzensportmediziner von Stadt, Land und Bund bauen ließ, wirkte Klümper von 1982 bis 2000. Die Ambulanz war eine zentrale Drehscheibe des Dopings im westdeutschen Spitzensport. Am Ende musste die Kommission zweieinhalb Jahre warten, bis sie die Akten Ende 2014 einsehen durfte – zu einem Zeitpunkt, als die Universität die Kommission eigentlich längst hätte auflösen wollen.

Dabei blieb es nicht: Im Herbst 2014 entdeckte die Staatsanwaltschaft Freiburg sechzig Ermittlungsakten in einem Keller ihrer "Außenstelle", wie die Behörde mitteilte. Dass diese Dokumente existierten, vermutete Letizia Paoli bereits im Jahr 2012. Sie wusste, dass gegen Armin Klümper von 1984 bis 1989 mehrfach ermittelt worden war – offiziell wegen Rezeptbetrugs. Also erbat sie Einblick in die Akten. Und die hatten es in sich: Mithilfe der Dokumente lässt sich heute beweisen, dass Klümper mit Assistenzärzten nicht nur einen ganzen Sportfachverband, den Bund deutscher Radfahrer, sondern auch Fußballclubs wie den VfB Stuttgart bis in die achtziger Jahre hinein systematisch mit Anabolika beliefert hatte.

Dubios ist auch das Verschwinden von Verfahrensakten zu Todesfällen, mit denen Klümper in Verbindung gebracht wird. Bekannt ist das Schicksal der Leichtathletin Birgit Dressel, sie starb 1987. Im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Freiburg in einem weiteren Fall gegen Klümper ermittelt hat: Verdacht auf fahrlässige Tötung im Jahr 2001. Über das Ergebnis ist laut Süddeutscher Zeitung nichts öffentlich bekannt geworden. Eine Verurteilung jedenfalls gab es nicht. Die Ermittlungsakten wurden vernichtet, weil Freiburger Behörden sie nicht als archivwürdig angesehen hätten.

Klümper lebt heute in Südafrika. Er verweigert Antworten auf alle Fragen. Seine Nachfolgeärzte, deren Einrichtung nun "Die Sportorthopäden" heißt, wollen sich ebenfalls nicht zur eigenen Vergangenheit äußern. Eine Anfrage der ZEIT vom vergangenen Jahr blieb unbeantwortet. Die Anfrage lasse "in ihrer Tendenz", schreibt Ärztesprecher Dieter Heinold, "eine angemessene Gesamtwürdigung des Lebenswerks von Prof. Klümper vermissen".

Doch nicht nur Freiburger Behörden haben Akten versteckt oder verschwinden lassen, auch das Land Baden-Württemberg mauerte lange Zeit. Hintergrund: Die Freiburger Sportmedizin unter Klümpers Intimfeind Keul erhielt über Jahrzehnte Zuwendungen in Millionenhöhe vom Bund, aber auch vom Land. Wofür genau? In einigen Fällen konnte nachgewiesen werden, dass öffentliche Gelder in Dopingprojekte flossen. Mehrmals fragte Letizia Paoli bei den Stuttgarter Ministerien an, ob sie nun wirklich alle Unterlagen erhalten habe, die die Freiburger Sportmedizin betreffen. Im vergangenen Sommer kam sie zu dem Schluss, dass ihr im Kultusministerium jahrelang ein Regalmeter Akten zu Dopingarzt Klümper vorenthalten worden sein muss.

Das Kultusministerium versprach, die Vorwürfe der Kommission zu prüfen. Im Dezember 2015 teilte es auf Anfrage der ZEIT mit, es habe "keine belastbaren Anhaltspunkte dafür" gefunden, dass ein früherer Referatsleiter Unterlagen vorenthalten habe. In einer internen Stellungnahme habe er die Vorwürfe in wesentlichen Punkten entkräftet. Eine Bitte auf Einsicht lehnt das Ministerium ab. Bei der Stellungnahme des hochrangigen Ex-Beamten handle es sich um ein "dienstrechtliches Internum".

Letztmals tauchten Ende November in der Freiburger Universität erneut Akten wie aus dem Nichts auf. Zehn Ordner und eine weitere Mappe mit der Aufschrift "Prof. Klümper" habe man erst jetzt entdeckt, teilte die Universität mit. Die Kommission möge den Fund studieren und etwaige Erkenntnisse in ihren Endbericht einarbeiten, hieß es. Das ist doppelt peinlich. Denn zum einen hatte das Bundeskriminalamt schon sehr früh alle Räume durchsucht. Und zum anderen war es Rüdiger Siewert, der Chef der Uni-Klinik höchstpersönlich, der im Januar 2013 Letizia Paoli aufgefordert hatte, endlich Ergebnisse vorzulegen.

Wie die Universität mit der Kommission kommuniziert und wie zerrüttet das Verhältnis ist, wird an diesem Fall mit den Klümper-Akten besonders deutlich. Ein Sprecher der Hochschule betont, man habe die Paoli-Gruppe vor der Öffentlichkeit über die Entdeckung im November unterrichtet. Erst auf Nachfrage räumt der Uni-Pressesprecher ein, dass dies exakt sechs Minuten vorher geschehen sei. Um 14.54 Uhr erhielten Paoli und Co. die Nachricht. Um 15 Uhr die Journalisten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio