Die Zuhandenheit im Sport

Zur Fußballweltmeisterschaft 1974, welche die Deutsche Nationalmannschaft als Favorit zu Hause eher glanzlos gewann, spielte sie zum ersten Mal ein gemeinsam gesungenes Lied ein. Der Titel Fußball ist unser Leben und der berühmteste Vers "König Fußball regiert die Welt" vergegenwärtigt uns heute den gesellschaftlichen Status des Sports vor knapp vierzig Jahren. Humorvoll war jener Text gemeint, weil niemand im Ernst annahm, der Fußball, und nicht Politik oder Wirtschaft, könne wirklich die Welt regieren. Der Fußball galt als eine der schönsten Nebensachen, das passte gut zur Freizeitkultur von Frohsinn und Gemütlichkeit.

Die vorher unpopulären Mannschaftsspiele hatten im Aufstieg des modernen Sports seit 1800 mit einer Verzögerung von etwa fünfzig Jahren eingesetzt und brauchten ein weiteres halbes Jahrhundert, um internationale Publikumsfavoriten zu werden. Die Weltmeisterschaft 1930 in Montevideo markierte gemeinsam mit den Olympischen Spielen sechs Jahre später in Berlin eine Ebene von Zuschauer- und Medienaufmerksamkeit, welche die breite Mitte des 20. Jahrhunderts bestimmte. Seither ist eine beständige quantitative Steigerung in ihren verschiedenen Dimensionen in eine qualitative Veränderung umgeschlagen. Nur ein paar Hunderttausend Zuschauer sahen 1954 das "Wunder von Bern" im Fernsehen. In den sechziger Jahren empörte sich die Nation noch über ein Monatsgehalt von 14.000 D-Mark, das Max Merkel als Trainer bei 1860 München verdiente. Mittlerweile erreicht das Einkommen von großen Trainern mehr als das Hundertfache. Die Einschaltquoten bei Endspielen großer Turniere ist um das zweistellig Tausendfache angewachsen, und Eintrittskarten zu den Stadien können sich viele Fans kaum noch leisten.

Andere Entwicklungen können wir nicht in Zahlen fassen, weil sie sich vorerst nur unter bestimmten Prämissen in unserer Alltagserfahrung zeigen: Ist zum Beispiel die Distanz zwischen SPD-und CDU-Wählern für das Gelingen von Geschäftsbeziehungen wirklich noch ein größeres Problem als die Rivalität zwischen Bayern- und Dortmund-Anhängern? Kann sich ein aufstrebender Akademiker die früher als Grundbedingung wissenschaftlicher Seriosität vorausgesetzte Fußballabstinenz heute noch leisten?

Abgegriffene kritische Argumente

Solche Fragen mögen weiterhin klingen wie freundlich-ironische Pointen, in Wahrheit weisen sie auf längst reale Ambivalenzen hin. Gerade Intellektuelle versuchen einerseits aufzuschließen zum Spezialistendiskurs über Spielsysteme oder die Dynamik des Transfermarktes und verfügen doch andererseits oft nur über abgegriffene kritische Argumente, um die neue gesellschaftliche Prominenz des Sports entweder als monströse Anomalie zu verurteilen oder sie genauso hilflos zu einer kollektiv-pädagogischen Hoffnung hochzujubeln.

Wie ist es seit der frühen Mitte des vergangenen Jahrhunderts zu dieser neuen Situation gekommen? Entscheidend waren zwei konvergente Entwicklungen außerhalb der institutionellen Grenzen des Sports: zum einen unsere wachsende Konzentration auf den Computerbildschirm, also eine Fusion von Bewusstsein und Software, als Grundsituation ganz verschiedener, selbst früher proletarischer Berufe. Die Konzentration hat ein unerhörtes Kompensationsbedürfnis nach körperlicher Bewegung als eigener physischer Aktivität und als Schauspiel geweckt. Zum anderen hat sich das menschliche Welt- und Selbstbild verändert, weg vom beständigen Fortschritt, den wir als intellektuelle Agenten zu steuern glaubten, hin zu einer sich verbreiternden Gegenwart von überwältigender Komplexität. Unser Körper ist als Gegenstand der Selbsterfahrung und der präventiven Sorge wieder in der Vordergrund getreten.

Immer mehr Sportarten

Dieser neue Rahmen unseres Lebens hat die traditionelle Rivalität zwischen Amateursport und Berufssport zu einer energiegeladenen Komplementarität gemacht. Aufgrund von Impulsen der physischen Selbstsorge werden mehr und mehr Sportarten praktiziert. Wir joggen morgens und schauen uns abends den Marathon von Tokio neben dem Champions-League-Halbfinale auf dem Laptop an. Keine andere Bewegung nimmt heute mehr Raum in der sich für die globale Mittelschicht immer weiter öffnenden Freizeit ein.

Wie sollen wir auf diese Entwicklung reagieren? Vielleicht hilft eine Verschiebung im Verständnis der scheinbar beiläufigen Beschreibung eines genialen Rennpferds weiter, auf die man in Robert Musils Jahrhundert-Roman vom Mann ohne Eigenschaften stößt. Während die Spezialisten das Werk lange als ironische Kritik an einer spezifischen Form von Sportbegeisterung interpretierten, wird es heute zunehmend als Verweis auf eine spezifische, in ihrer Besonderheit erst noch zu entfaltenden Art von Intelligenz aufgefasst. Ironisch wirkten Musils Worte, solange wir ein klassisches Weltverhältnis unterstellten und für ausschließlich hielten, was Martin Heidegger als "Vorhandenheit" beschrieben hat. So genial wie Einstein, Marie Curie oder Immanuel Kant kann nur die eine Form der Intelligenz sein, die beobachtend vor der Welt der Dinge und Körper steht, um sie in einer Weise zu analysieren, welche Wahrheiten ans Licht bringt und Möglichkeiten der Veränderung eröffnet. Das Leben des klassischen Genies und der "Vorhandenheit" ist eine permanente Suche nach Wahrheit und Innovation.

Die intellektuelle Herausforderung des Fußballs

Nichts unterscheidet sich davon deutlicher als die Lebensform eines genialen Sportlers, der als Körper zu einem als unveränderlich umschriebenen Raum gehört, innerhalb dessen er, bestimmte Regeln befolgend, Varianten in seinem Verhältnis zu den Dingen und zu anderen Körpern durchspielt. Ihm entspricht eher Heideggers Gegenbegriff von der "Zuhandenheit" im Sinne unseres Verhältnisses zu einer immer schon vertrauten physischen Welt, in der man die Richtigkeit von Positionen und Einstellungen als Lösungen entdecken und immer weiter verbessern kann – aber keine definitiven Wahrheiten findet. Nicht nur der Sport entwickelt sich zu einer neuen Dimension unserer Gegenwart in der Sphäre der "Zuhandenheit", sondern auch die elektronische Technologie, welche unser Verhältnis zum Raum und zum Wissen so nachhaltig verändert hat, ohne uns je das Gefühl zu geben, auf einer einzelnen Innovation zu beruhen. So hat Steve Jobs, der bis heute am meisten bewunderte Protagonist des Silicon Valley, keine neuen Programmiersprachen erfunden, sondern ein physisches Verhältnis zu den Computern entwickelt. Darin fühlen wir uns wohl. Jobs hat über vielfache Variationen und mit dem Gedanken an ästhetische Perfektionierung für die Erfindungen anderer (etwa für die Maus oder den Touchscreen) den richtigen Ort im Bezug auf unsere Körper entdeckt. Es käme also darauf an, Messis Tore und den Stil des FC Barcelona unter Vorzeichen aufzufassen, die sie als ein Äquivalent der elektronischen Technologie unter Jobs-Vorzeichen erscheinen ließen, nämlich als einen Experimentierraum für neue Beziehungen und Choreografien im Raum der Dinge und Körper.

Löws neue Raumdistribution

Vielleicht liegt schon in der bis zur Banalität angestiegenen Beliebtheit der Metapher von der Bezeichnung des Teams für bestimmte Formen von beruflicher Zusammenarbeit im Alltag eine erste Bestätigung der Intuition. Die Beziehung zwischen den Spielern einer Mannschaft entsprechen ja weder unserem Begriff von Solidarität – sie müssen nicht von gleichen oder konvergenten Handlungsmotiven angetrieben sein – noch dem von Freundschaft. Individuelle Sympathie ist keine notwendige Voraussetzung für den Erfolg einer Mannschaft. Im Team verwirklicht sich eine flexible Modalität erfolgsorientierter Sozialbeziehungen, für die wir keinen alltagssprachlichen Begriff haben, sondern eben nur die Anschauung des Sports.

Die Absetzung des Fußballs vom Alltag als einer Sphäre konkreter Zielsetzungen steigert seine Produktivität als Ursprung von Verhaltensformen. Vor allem seit Ende der gemütlichen Zeit, als dieser Sport noch stolz auf seinen Status der schönsten Nebensache war, ist ein Bewusstsein von verschiedenen Strategien und Systemen in den Vordergrund getreten: "Fußball total" (Johan Cruyff und sein Trainer Rinus Michels) oder "Catenaccio" (Giacinto Facchetti und Helenio Herrera), "One-Touch-Soccer" (Zinedine Zidane und Vicente del Bosque), "Tiki-Taka" mit "verdecktem Mittelstürmer" (Pep Guardiola). Dazu passt auch die von Bundestrainer Joachim Löw entwickelte Konzeption einer neuen Raumdistribution verschiedener Funktionsrollen, für die es noch keinen Begriff, aber eine Reihe sinnbildlicher Figuren wie Manuel Neuer, Thomas Müller oder Mesut Özil gibt.

Als fließende Strukturen sozialer Organisation, und allgemeiner als Formen unseres Zuhandenheits-Verhältnisses zur Welt, sind solche Systeme gewiss Symptome für Veränderungen in den Formen unseres Zusammenlebens. Auf diesen Aspekt des Fußballs als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen beginnen sich Geistes- und Sozialwissenschaftler nun zu konzentrieren.

Jenseits von Euphorie und Kulturpessimismus

Wie schwer es uns fällt, auf die Rede vom Team zu verzichten, verstärkt darüber hinaus die Intuition, dass die sich immer verändernden, von genialen Spielern verkörperten Choreografien längst schon einen prägenden und inspirierenden Einfluss auf die soziale Wirklichkeit genommen haben. Diese Denkmöglichkeit macht die intellektuelle Herausforderung des Fußballs – und des Sports überhaupt – in unserer Gegenwart aus, weil erst sie das Vorzeichen von der schönsten Nebensache hinter sich lässt. Sie muss nicht unbedingt zu dem Versuch führen, den Sport entschlossener als eine Quelle von Variationen in unserem Weltverhältnis zu nutzen – weil ja gerade in der Distanz zum Alltag der praktischen Ziele und Funktionen einer seiner Stärken liegt.

Andererseits zeigt die Tatsache, dass Fußballtrikots mit all ihren Werbe-Komponenten längst zu einem international akzeptierten Stil der Alltagskleidung und zu einem entscheidenden Faktor im Budget der Sportunternehmen geworden sind, wie hoffnungslos romantisch jedes Engagement wäre, den Fußball auf seine traditionell ausschließliche Position als Teil unserer Freizeit zurückzuverweisen. Erst jenseits von Euphorie und Kulturpessimismus wird er zu einem faszinierenden Gegenstand der Analyse und Reflexion.

Hans Ulrich Gumbrecht ist ein deutsch-amerikanischer Publizist und Literaturwissenschaftler an der Stanford University. In der ZEIT befasst er sich viermal im Jahr mit dem Phänomen Fußball