Ein mieses Gedicht, dieses Gedicht, sagt er. Jena, es ist eins von nur vieren, die er überhaupt im Jahr 1926 zustande gebracht hat. Er kokettiert nicht, er meint es so. Es ist für ihn ein miserables Jahr, alles in allem, kaum ein anderes im Leben des dichtenden Arztes Gottfried Benn ist mehr von Ennui und Ekel bestimmt. Am 4. September schreibt Benn an eine Freundin, er sei "körperlich und seelisch äußerst apathisch und abgekämpft, von geradezu krankhafter Menschen-, Unterhaltungs- u. Eindrucksflucht". Erst im Juni des Jahres hat er in der Weltbühne das ökonomische Elend als Dichter mit der Rechnung quittiert, alles, was er seit 1913 "durch Papier- und Verlagsindustrie vereinnahmt" habe, belaufe sich auf 975 Mark. Auch als Arzt hat er kaum Einkünfte. Die Fremdheit zwischen diesem Menschen und der Welt könnte größer kaum sein, er kann sich Erholung nicht leisten: "Ich bin Mitte vierzig", schreibt Gottfried Benn um diese Zeit, "und habe nie in meinem Leben länger als vierzehn Tage Ferien machen können; ich möchte auch einmal vier Wochen verreisen und doch am Ersten meine Miete zu bezahlen wissen."

Auch einmal verreisen!

In dieser Verfassung also schreibt Gottfried Benn das Jena-Gedicht, das er mies findet. Er irrt sich, es ist eins seiner schönsten, auch der Großzügigkeit wegen: Nicht er selbst verreist, der müde Sohn, sondern in Versen lässt das Ich stattdessen seine Mutter zur Erholung verreisen. Auf Kur! Ins Saaletal! In eine Landschaft von einer Lieblichkeit, die in Deutschland selten ist. Der Sohn vergisst alles, allein diese Worte, die ihm die Mutter von einer Tour an der Saale auf eine Postkarte schreibt, sind ihm unvergesslich: "Jena vor uns im lieblichen Tale".

Wer den sezierenden Ton der frühen Bennschen Verse aus den Leichenschauhäusern voller Weltkriegstoter im Ohr hat, kann die Wärme des Jena-Gedichts kaum glauben: Es erklingt im Volkslied-Ton, in tragenden vierhebigen Versen, die über die Vers-Brüche hinweg weich fließen, als wollten sie es dem kleinen Saalefluss gleichtun. Sie umfassen weit mehr als die nachgetragene Liebe eines Sohns, der seiner Mutter in Versen Erholung gönnt. Sie handeln davon, wie Unvergesslichkeit entsteht: Was ist flüchtig, was aber vergisst ein Mensch nicht?

Fahren wir hin, die Worte und die Saale entlang. Im Zug von Berlin nach Süden, durchs Saaletal. Wir passieren Weißenfels, gleich kommt Naumburg, dann Kösen, die Schienen wollen sich von der Saale nun nicht mehr trennen, noch liegt Jena mehr als eine halbe Stunde entfernt: Die Gleise laufen neben dem Fluss, neben den Wegen, sie wechseln die Seiten, als tanzten sie miteinander. Hier spielen vormoderne, moderne und spätmoderne Geschwindigkeiten zusammen, die sich sonst selten in solcher Nähe treffen: Züge, Autos, Fahrräder, alles schlängelt sich am Fluss entlang. Dann sind da noch die Fußwege, auf denen es Schritt für Schritt nach Jena geht. Das Wasser, das einen näher oder ferner begleitet, kommt einem entgegengeflossen.

Die Saale verbindet alles, was hinter einem liegt und was noch kommt, als sei nichts leichter als dies: Der Fluss schlängelt sich vor und hinter Kösen zierlich zwischen den Weinbergen hindurch, an den Muschelkalkfelsen weiter, immer tiefer und gelassener in eine Landschaft hinein, die in jedem Augenblick wirkt, als wisse sie, dass sie sich sehen lassen kann. Durchaus im europäischen Maßstab: Auch vor französischen Augen, die von den Schlössern der Loire verwöhnt sind, auch vor Schweizer Augen, die an die Weinhänge bei Yverdon gewöhnt sind, kann diese Schönheit bestehen. Denn hier im Saaletal sind Kultur und Natur so eng ineinander verschlungen, dass die Schönheit einmal gar nichts Teutonisches hat, keine Brutalität, für die man sich schämen müsste.

Dort im Tal also liegt Kösen, genauer Bad Kösen. "Sie war in Kösen im Sommer zur Kur". War sie dort? Es ist möglich, aber nicht wahrscheinlich, genauer kann es auch der beste Quellenkenner, Benns Biograf Holger Hof, nicht sagen. Gewiss aber hat der Sohn im Gedicht die Mutter dort tatsächlich hinfahren lassen. Lyrik schafft Wirklichkeit. Das Gedicht versetzt die Frau vom märkischen Sellin, wo das Bennsche väterliche Pfarrhaus stand, nach Kösen. Warum nicht in Goethes mondänes Marienbad? Kösen: Verschlafener kann ein Ort wohl kaum klingen, und unscheinbarer kann heute ein Bahnhof kaum wirken als der abgeblätterte und zugenagelte Jugendstilbau mit dem Türmchen, an dem wenigstens die Regionalbahnen halten. Blechschilder, versiegelte Fenster, ein Graffito sagt: "Da geht’s nach Jena".