Als vor zwei Jahren meine Oma starb, war sie 97 Jahre alt. Ich war 40. Mein Opa war drei Jahre zuvor gestorben, auch er uralt, mit 98. Statistisch gesehen bin ich zwar eine Ausnahme, aber keine Seltenheit mehr.

Ein Viertel aller 35- bis 44-Jährigen in der Schweiz hat noch eine Großmutter, neun Prozent einen Großvater. Bei den 25- bis 34-Jährigen haben 59 Prozent eine Großmutter und 30 Prozent einen Großvater.

Nie hatten Schweizer Enkel und ihre Großeltern so viel gemeinsame Zeit. Was aber bedeutet das für unser Zusammenleben?

Meine Oma und mein Opa wohnten nicht um die Ecke, sondern in Bad Tölz, in Bayern. Ich besuchte sie regelmäßig und brachte ihnen meine Welt in die Stube. Erzählte, was mich und meine Freunde bewegt, von der Schule, dem Studium, meinen ersten Schritten im Journalismus und eines Tages von meiner künftigen Frau. Später brachten wir die Kinder mit. Oma und Opa waren unheimlich stolz auf ihre Urenkel.

Umgekehrt rückte für mich die Weltgeschichte in greifbare Nähe, wenn ich bei ihnen war. Das Dorf, in dem mein Opa aufwuchs, liegt heute in Tschechien. Bei seiner Geburt 1912 gehörte es zu Österreich-Ungarn. Als Kind erlebte er den Ersten, als Soldat den Zweiten Weltkrieg. Die Machtergreifung der Nazis, der Anschluss des Sudentenlandes, die Vertreibung nach dem Krieg: Immer wieder erzählten Opa und Oma davon und weckten meinen Wissensdurst. So sehr, dass ich sie einmal eine ganze Woche lang interviewte, zusammen mit meinem Cousin. Unsere Familiengeschichte bekam ein neues Gesicht. Das Interesse an meinen Großeltern nahm zu, je älter ich wurde.

Dass die Bande zwischen Großeltern und ihren Enkelkindern im Laufe der gemeinsamen Zeit zunimmt, hat bereits vor zehn Jahren der Zürcher Generationenforscher François Höpflinger in einer großen Studie gezeigt.

Von den 700 Teenagern und 500 Großeltern, die befragt wurden, gaben neun von zehn an, wie wichtig diese Beziehung für sie sei. Das Geheimnis: Großeltern engagieren sich, ohne sich einzumischen. Sie nehmen ihre Enkel ernst, kümmern sich aber nicht um Alltagssorgen in der Schule und bleiben cool, wenn während der Pubertät die Fetzen fliegen. Über Sex und Intimität wird nicht oder nur höchst selten gesprochen. Und die Großeltern haben etwas, was den Eltern abgeht: Zeit und Gelassenheit.

Probleme mit dem Handy? Mein Elfjähriger hilft seiner Großmutter auf die Sprünge

Die Studie zeigte auch, wie die Großeltern vom Austausch mit ihren Enkeln profitieren. Mit den Jahren verändern sich die Rollen: Die Großeltern lernen immer mehr von den Enkeln. Sie sind dank ihnen am Puls der Zeit. Im Moment beobachte ich das bei meinen eigenen Kindern und ihren Großeltern.

Probleme mit dem Handy? Mein Elfjähriger zeigt meiner Schwiegermutter, wie es funktioniert. WhatsApp und Minecraft? Er hilft meiner Mutter auf die Sprünge und erklärt, was ihn an dieser Chat-App und dem Game so fasziniert. Schließlich demonstriert er meinem Vater seine Schusstechnik mit der Nerf-Pistole, die er sich mit seinem Taschengeld gekauft hat.

Ganz anders meine eigenen Erinnerungen. Bei meinen Besuchen in Bad Tölz war es das höchste der Gefühle, mit den Großeltern durch die Marktstraße zu bummeln, wo ich mir in einem Geschäft ein Geschenk auslesen durfte. Wenn ich bei meiner Schweizer Großmutter in Baden zu Besuch war, spielten wir stundenlang Leiterlispiel und fuhren alle paar Monate einmal nach Zürich in die Confiserie Honold. Dort aßen wir Zitronentörtchen und Caraques und fuhren dann wieder heim. Es war schön, aber nicht besonders aufregend.