Von Zeit zu Zeit treffe ich mich in Delhi mit einem indischen Geheimdienstmann im Ruhestand. Wir essen zu Mittag oder trinken Tee in einem der Restaurants im Botschaftsviertel oder im India International Centre, dem Lieblingsclub der pensionierten Beamten, Offiziere und Diplomaten der Hauptstadt. Dhanendra verrät mir keine Geheimnisse und erzählt keine Abenteuergeschichten aus der Welt der Spione, er interessiert mich als politischer Kopf. Dem Aussehen nach erinnert er übrigens deutlich stärker an einen behaglichen, wohlsituierten Gewürzhändler als an James Bond; wahrscheinlich eine sehr hilfreiche Voraussetzung zur Ausübung des Berufs, dem er jahrzehntelang nachgegangen ist.

Bei unserem Curry oder Butter Chicken wandern wir im Geiste über die Landkarte und sprechen Indiens Sicherheitsprobleme durch. Da ist der Dauerkonflikt mit dem Atomstaat und Terrorland Pakistan. Da ist die Provinz Kaschmir, in der militante Rebellen für die Unabhängigkeit von Indien kämpfen. Im Osten kommen in großer Zahl illegale Einwanderer aus dem Nachbarland Bangladesch über die Grenze. In mehreren Provinzen im Zentrum des Landes wiederum führen maoistische Guerilleros eine Art Mikro-Bürgerkrieg gegen den Staat. Als wir uns das vorige Mal trafen, kam auch Nepal im Norden auf die Tagesordnung, wo Indien in die Rivalität zwischen zwei Bevölkerungsgruppen hineingezogen wurde, die um die Machtverteilung stritten. Über zivile Übelstände wie den Smog in Delhi oder eine Überschwemmung in der südindischen Metropole Chennai rede ich mit Dhanendra gar nicht erst. Das scheint mir unter seiner strategischen Würde zu sein.

Neuerdings hinterlassen diese Gespräche einen merkwürdigen, aber erhellenden Eindruck. Zu Hause in Deutschland, Europa und im Westen überhaupt ist dies eine Zeit der Krisen. In Indien dagegen, so scheint mir, hat der Begriff der Krise im Grunde keinen Sinn. "Krise" setzt einen weitgehend reibungslos funktionierenden Normalzustand voraus, der dann schockhaft unterbrochen wird – und zu dem man, ist die Krise erst einmal überwunden, wieder zurückkehrt. Doch diesen tendenziell perfekten, jedenfalls im Großen und Ganzen befriedigenden Normalzustand gibt es in Indien in der Regel gar nicht. Die Krise selbst ist hier die Normalität. Nicht nur wegen einer ganzen Palette von Militär- und Polizeiproblemen, sondern auch aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Nöte einer immer noch armen Riesenbevölkerung. Häufige Naturkatastrophen und wachsende Umweltsorgen nicht zu vergessen. Das alles muss von einem Staat gemanagt werden, der vielfach schlecht ausgerüstet ist und nach dem veralteten Vorbild der früheren britischen Kolonialobrigkeit operiert.

Unter solchen Bedingungen kann oft gar nicht davon die Rede sein, Probleme zu lösen. Die Unruheherde, über die Dhanendra und ich reden, sind keine Ärgernisse, die sich aus der Welt schaffen ließen. Sie ähneln eher alten Bekannten, die man gelegentlich besucht und nach deren Befinden man sich erkundigt. Es gibt auf Hindi ein Wort für die Improvisationskunst, mit der man aus knappen Ressourcen das Beste macht und sich für hartnäckige Verlegenheiten kreative Notbehelfe einfallen lässt: jugaad. Jugaad ist es, wenn der Dieselmotor einer Bewässerungspumpe zum Antrieb für einen selbst gebauten Kleinlastwagen umfunktioniert wird. Oder wenn ein Chirurg bei der Operation eines Leistenbruchs das zerrissene Gewebe nicht mit einem teuren Kunststoffgeflecht fixiert, sondern mit einem Moskitonetz. Das ist der Einfallsreichtum, den hier auch die Politik braucht, ganz wie das Leben überhaupt.

So gehört zu den zahllosen Herausforderungen Indiens natürlich die Terrorgefahr. Hier leben mehr Muslime als in jedem islamischen Land, abgesehen von Indonesien. Viele von ihnen sind extrem konservativ oder aufgrund mangelnder sozialer Chancen frustriert. Ich habe mit Dhanendra darüber gesprochen, was die Sicherheitskräfte gegen die Gefahr von islamistischen Anschlägen und gegen die Ausbreitung der Dschihad-Ideologie tun. An der Polizei wird in Indien oft Kritik geübt wegen Korruption oder schlichter Nachlässigkeit; der Gedanke, dass so eine Truppe hoch motivierte Terrorkader aufhalten soll, macht vielen Leuten Sorge.

Doch die Bilanz ist einstweilen nicht schlecht: seit Jahren kein spektakuläres Attentat, kaum indische Mitkämpfer in den Reihen der internationalen Dschihadisten. Das bisher erfolgreiche Rezept, erklärt Dhanendra mit schelmischer Zufriedenheit, sei ein rustikales Problem-Management mit Bordmitteln. Sobald etwa den Behörden bekannt werde, dass ein junger Mann sich dem "Islamischen Staat" anschließen wolle, kontaktiere man seine Eltern und die lokalen Mullahs. Die denken oft ziemlich fundamentalistisch und sind nicht immer Freunde des indischen Staates – aber die Idee, dass sich ihre Söhne oder Zöglinge ohne Erlaubnis auf eigene Faust in mörderische und selbstmörderische Abenteuer stürzen könnten, gefällt den familiären und geistlichen Autoritäten überhaupt nicht. Sie nehmen den potenziellen Militanten in einer Weise unter Aufsicht und rücken ihm den Kopf zurecht, wie die offiziellen Sicherheitsorgane das schwerlich könnten. So wird gegen die Attraktivität der neuen Dschihad-Ideologie die Kraft der traditionellen Sozialkontrolle mobilisiert.

Man könnte sich stattdessen natürlich auch vorstellen, Polizei und Geheimdienst so auszubauen, dass sie die 170 Millionen Muslime des Landes engmaschig überwachen können. Oder es wäre ein gigantisches Informations- und Bildungsprogramm denkbar, mit dem die Ideen der Aufklärung und der liberalen Demokratie bis in die äußersten Winkel des indischen Islams verbreitet werden könnten, um den ideologischen Reiz des Radikalismus zu kontern. Aber angesichts der Ausmaße Indiens und der Begrenztheit seiner Mittel sind das schlicht keine realistischen Optionen. Man muss mit den Beständen wirtschaften und die Gefahren, die man nicht ausschalten kann, wenigstens in Schach halten.

Die Krise als Dauerphänomen, mit den Problemen jonglieren, statt sie zu lösen, das bloße Durchhalten schon ein großer Erfolg – das hört sich erst einmal exotisch an, nach der Rückständigkeit von Ländern und Völkern, die man früher die "Dritte Welt" genannt hätte. Aber mittlerweile kann man da nicht mehr so sicher sein. Inzwischen hat auch der wohlhabende, moderne Westen daran zu zweifeln begonnen, dass Krise wirklich ein Ausnahmezustand ist und man jemals wieder zur vorher selbstverständlichen Normalität zurückfinden wird. Wenn 2014 schon anstrengend und konfus war, dann hat 2015 noch ein ganz anderes Niveau von historischem Stress erzeugt, und bislang herrscht nicht das Gefühl, als würde 2016 eine nachhaltige Entspannung bringen.

So ist die indische Krisennormalität der westlichen Erfahrungswirklichkeit erstaunlich nahe gerückt. In Berlin und Brüssel muss man zurzeit kaum weniger improvisieren und sich nach der Decke strecken als in Bangalore und Bengalen.

Die ganze Welt wird indischer. Und womöglich ist das Management des Unvollkommenen kein Zeichen beklagenswerter, irgendwann hoffentlich überwundener Unterentwicklung. Sondern die Zukunft für alle.