Chirurg: Erstaunlicherweise kaum. Wir Deutschen sind extrem chirurgiegläubig. Das geht auf die Kriegskrankenanstalten zurück, wo die großen Chirurgen die Menschen wieder zusammengeflickt haben. Bei den Patienten herrscht auch eine extreme Erwartung an die Geschwindigkeit der Therapie. Die sagen: "Ich will nicht auf Dauer Schmerzmittel nehmen oder trainieren."

ZEIT Doctor: Und viele Ärzte bedienen diese Erwartung.

Psychosomatikerin: (zum Chirurgen) Herr Kollege, Sie müssen noch auf den Satz von eben reagieren, dass man Kreuzschmerz nicht operieren muss ...

Chirurg: Das ist so. Ganz klar. Wenn eine Operation erfolgreich sein soll, brauchen Sie ein Strukturkorrelat, es muss eindeutig etwas kaputt sein, das nicht vom Alter herrührt, denn damit kann man anders umgehen. Und die kaputte Struktur muss auch klar für die Beschwerden verantwortlich sein. Man kann das nicht immer zu 100 Prozent sagen, aber zu 80 oder 90. Nur wenn ich mich da so sicher festlegen kann, wie es irgend geht, ist es gerechtfertigt zu operieren, weil ich bei jedem Eingriff auch einen Flurschaden anrichte, zwangsläufig.

ZEIT Doctor: Wie kann der Arzt einschätzen, ob der Eingriff gerechtfertigt ist? Die Röntgen- oder MRT-Bilder liefern nichts Eindeutiges, wie wir inzwischen wissen; die meisten Menschen haben Bandscheibenvorfälle und merken nichts davon.

Chirurg: Bis zum heutigen Tag sind das Wichtigste das Gespräch und die Untersuchung, denn ein klares Strukturkorrelat hinterlässt oft auch eine klare Spur, die Art des Schmerzes weist den Weg. Es ist auch möglich, potenzielle Ursachen mit einer gezielten lokalen Betäubung unter Röntgenkontrolle abzuklären: Dann müssten die Schmerzen für die Zeit der Betäubung weg sein. Wenn das nicht der Fall ist, dann rudert man als Arzt besser sehr stark zurück. In unserer Klinik lehnen wir 90 Prozent der Patienten ab, die mit einer Operationsempfehlung zu uns kommen.

Orthopäde: Aber natürlich wird in Deutschland nicht überall mit dieser Expertise und Aufmerksamkeit behandelt. Manche gehen viel großzügiger und leichtfertiger mit den Indikationen um.

ZEIT Doctor: Drei Arten von Eingriffen haben drastisch zugenommen: erstens die an der Bandscheibe, zweitens die bei einem verengten Nervenkanal, eine Spinalkanalstenose, und drittens die Versteifungsoperation, bei der instabile Segmente der Wirbelsäule zusammengeschmiedet werden. Wo sehen Sie das größte Problem?

Orthopäde: Die Versteifungsoperationen haben exorbitant zugenommen und werden viel zu unkritisch vorgenommen. Die Patienten denken, das ist ein massiver Eingriff, der macht massiv Schmerz weg, aber diese Gleichung stimmt nicht: Die Versteifung löst das Problem nur halb. Deshalb sind so viele Patienten unzufrieden. Man muss ihnen sagen: "Du bist hinterher nicht völlig schmerzfrei, du musst auch trainieren, dann sei clever, und mach es vorher, dann schaffen wir’s vielleicht ohne OP. Dann hast du auch kein Risiko durch die Narkose oder für Blutungen und Infektionen.

Psychosomatikerin: Selbst wenn die Indikation richtig war, kann es später Probleme geben. Mit der Zeit werden die Wirbelsegmente über oder unter der Versteifung locker, dann tut’s wieder weh – und was macht man dann? Operiert man noch einmal? Auch bei einer klaren Indikation müssen Sie als 50-Jähriger wissen: Sie werden heutzutage 80 oder 90 und müssen noch lange mit Ihrem Kreuz leben. Solche Patienten kenne ich aus der Schmerzklinik, wenn da kein Operateur mehr rangeht.

Chirurg: Mit der ersten Operation kommt ein Stein ins Rollen. Man sagt in der Wirbelsäulenchirurgie: Die erste Operation ist die einzige, über die man noch entscheiden kann. Danach rennt man eigentlich nur noch hinterher.

ZEIT Doctor: Kritiker sagen, die Patienten bekämen oft nicht das, was sie brauchen, sondern das, was dem Arzt Geld bringt. Wo sehen Sie die Motive der Ärzte?

Orthopäde: Geld.

ZEIT Doctor: Wann muss man denn überhaupt operieren?

Orthopäde: Nach einem Unfall, bei einem Tumor oder einer schweren Lähmung – wenn der Patient keine 200 Meter mehr gehen kann.

Chirurg: Aber das sind weniger als ein Prozent der Fälle. In der Regel können Patient und Arzt wählen. Durch eine Operation wird aber dann ein Hebel umgelegt, der nicht mehr umkehrbar ist.

ZEIT Doctor: Mal angenommen, der Patient entscheidet sich gegen die OP – was macht er dann?

Chirurg: Das hört sich so an, als wäre die Entscheidung null oder eins, aber das ist sie nicht. Wir fragen häufig: "Sind Sie schon ausreichend konservativ behandelt worden?" Die Antwort ist dann oft: "Ja, ich hatte schon hundertmal Krankengymnastik." Fragt man dann weiter nach, kommt heraus, der hat hundertmal auf einer Liege gelegen, und ihm ist der Rücken massiert worden. Aber der Operateur schreibt im Ambulanzbrief: hundertmal Krankengymnastik – zack, durchgewunken, und es geht los.

ZEIT Doctor: Der Begriff Krankengymnastik ist demnach eine Art Blackbox ...

Orthopäde: Außerdem ist heute keiner mehr bereit, etwas für seinen Körper zu tun. Wir haben viele Kreuzschmerzpatienten, die würden sich für einen Marathon anmelden und sich dann ins Bett legen und so lange warten, bis sie fit für den Marathon sind. Viele Menschen sind nicht ausreichend körperlich vorbereitet, für das, was ihr Rücken täglich leisten soll, und warten ab, bis es über sie kommt, statt, wie beim Marathon, einen vernünftigen Plan zu machen, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern.

Psychosomatikerin: Was ich ganz häufig erlebe bei den Patienten, ist diese Denke: "Wenn mein Schmerz weg ist, dann kann ich wieder." Darauf baut ja auch die ganze Schmerztherapie im Krankenhaus auf. Die erfüllen da den Wunsch des Patienten mit Spritze, Schmerzkatheter und so weiter, und dann soll das Leben weitergehen. Das ist ein Trugschluss. Es nützt nichts, wenn die Muskulatur zu schwach ist. Die Patienten müssen lernen, sich trotz Schmerzen zu aktivieren, schon ganz früh, sobald es nach einer akuten Blockade wieder geht. Dabei kann sich der Schmerz zunächst auch verstärken, das gehört dazu, wie ein Muskelkater.

Orthopäde: Ein richtig guter Schmerz! Es ist sehr wichtig, dass der Patient die Angst verliert.