ZEIT Doctor: In vielen Köpfen steckt immer noch die – unbegründete – Sorge, man könne mit einer falschen Bewegung querschnittsgelähmt sein.

Orthopäde: Rollstuhl! Wie bei RTL 2: Rollstuhl! Doch das sind Extreme. Und deswegen sind die Leute so verängstigt und wünschen sich noch das 25. MRT-Bild: "Das letzte MRT ist schon sechs Monate her, jetzt fühlt es sich ein bisschen anders an, können wir nicht ein neues machen?"

Psychosomatikerin: Das ist die Realität. Die Wiederholungs-MRTs sind ein echtes Problem.

Orthopäde: Dabei kann ich die Notwendigkeit für ein MRT ja herausfinden. Wenn einer Nachtschmerz hat und Fieber, dann muss ich ein MRT machen, das ist keine Frage, es könnte eine Infektion dahinterstecken. Aber wenn er seit 20 Jahren dasselbe Problem hat, dann mache ich keins.

Chirurg: Wobei man fairerweise sagen muss: Jeder hat in sich ja einen gewissen Sicherheitsnarzissmus. Selbst ich als Arzt sage mir, wenn ich eine Befindlichkeitsstörung habe – so ehrlich muss man sein: Okay, es ist zwar extrem unwahrscheinlich, dass hinter meinem Rückenschmerz ein Tumor sitzt, aber wenn es mir vier Wochen lang auf den Wecker gegangen ist, dann lege ich mich halt doch mal ins MRT. Es ist menschlich, wenn die Leute sagen, ich will es jetzt doch wissen, ich habe Ängste.

Orthopäde: Klar. Ich benutze das MRT auch manchmal als therapeutische Intervention – um beim Patienten Angst abzubauen, damit er sich bewegt! Da hat einer mit kalten Muskeln Tennis gespielt, es tut weh, und der Patient denkt: Das muss ja schlimm sein! Dann sage ich, nein, keine Sorge.

Chirurg: Wir als Gesellschaft wollen das ja; wir wollen Hightech, und wenn ich dem Patienten sage, ich habe dich untersucht, du hast keine Zeichen einer Nervenbeteiligung, ich brauche kein MRT, es ist mir egal, wie es da drinnen aussieht, du musst sowieso an dir arbeiten, dann sagt er: "Das finde ich jetzt blöd, ich gehe zum nächsten Arzt. Und dann hole ich mir mein MRT."

Orthopäde: Man muss ihm klar sagen: "Ob du da eine vorgewölbte Bandscheibe, einen Verschleiß, eine Facettenarthrose, eine leicht schiefe Wirbelsäule hast, ist völlig wurscht. Du musst ein bisschen was an dir tun und akzeptieren, dass du mit 68 nicht mehr so kannst wie mit 38. Dass du den Garten nicht mehr in zwei Tagen machen kannst, sondern zwei Wochen brauchst. Wir sehen das nicht mehr ein mit unserem Jugendwahn.

ZEIT Doctor: Die Tücke ist ja, wenn man ein MRT macht, dann findet man oft doch irgendwas.

Orthopäde: Immer, weil wir altern. Wir Ärzte müssen auch akzeptieren, dass es Alterungszeichen gibt, die bedeutungslos sind, und die Patienten davon überzeugen: Das ist wie mit grauen Haaren.

ZEIT Doctor: Diese Gemengelage aus Technikglaube und Missverständnissen über die Schmerzursachen, aus unrealistischen Wünschen auf der einen und monetären Interessen auf der anderen Seite hinterlässt eine große Zahl unglücklicher Patienten. Wie lässt sich der Misere beikommen?

Chirurg: Der Knackpunkt ist, dass wir viel früher eine multidisziplinäre Einschätzung brauchen, idealerweise nach vier bis sechs Wochen, um den Patienten auf die richtige Schiene zu setzen. Das entscheidet oft über den ganzen Verlauf ...

Orthopäde: Warum scheitern so viele Rückentherapien? Weil immer nur der Orthopäde guckt oder der Neurologe oder Psychologe – die gucken nie im Team. Bei chronischem oder subakutem Schmerz braucht man das. Aber bringen Sie mal die Krankenkassen dazu, diesen Austausch untereinander zu honorieren, außer im Modellprojekt.

Chirurg: Wir brauchen eine stärkere Netzwerkbildung, ob das jetzt die Krankenkassen vorantreiben oder die Ärzteverbände, ist egal.

Orthopäde: Jeder macht heute seinen hoch spezialisierten Kram. Aber dieses Auseinanderdriften funktioniert nicht. Das Problem Kreuzschmerz kann man nicht mit einer Disziplin erfassen und behandeln. Das wissen alle!

Chirurg: Da muss man als Chirurg auch den Mumm haben, dem Patienten zu sagen, es gibt eine Behandlung im konservativen Bereich, die vielleicht doch erfolgreich ist: die multimodale Therapie. Die müssen Sie jetzt erst machen. Genau an dieser Stelle, dem Gegenüberstellen der Therapien, fällt die Entscheidung definitiv zu häufig pro OP.

ZEIT Doctor: Anstatt einen Physio- oder Psychotherapeuten hinzuzuziehen.

Psychosomatikerin: Und das in laufender Absprache, im gesamten Prozess.

Orthopäde: Die interessantere Frage für mich ist, warum machen wir das nicht? Warum sagt der Patient "Ich gehe doch nicht zum Psychologen, ich hab’s doch nicht im Kopf!"?

Psychosomatikerin: Genau, er geht erst einmal zum Facharzt, zum Orthopäden. Hausarzt ist zu wenig. Und der Orthopäde guckt meist auf den Befund und sagt bestenfalls: "Ist nicht schlimm, bewege dich mal und geh nach Haus." Nur, manchmal nützt das dem Patienten nichts, wenn er diesen Zusammenhang zwischen Schmerz und sozialer Belastung nicht kennt. Und wenn der Orthopäde dann sagt: "Nun sind Sie schon zum dritten Mal hier, jetzt schicke ich Sie mal zum Psychologen", dann kommt der natürlich hocherfreut zu mir, wenn er überhaupt kommt. Die Skepsis ist beeindruckend. Ich betone daher immer im Gespräch: "Nach meinem Eindruck sind Sie psychisch gesund." Puh, dann sind die schon mal erleichtert. "Aber Sie haben eine Menge Belastungen, so wie alle Menschen irgendwie Belastungen haben."

Orthopäde: Ja, da ist vielleicht letzte Woche die Lehrerin bei ihm gewesen und hat gesagt: "Wir haben Ihren Sohn jetzt schon zum dritten Mal auf dem Schulhof kiffen sehen, noch einmal, und er fliegt." Dass dem Vater da das Kreuz wehtut, ist ja wohl klar! Also, nicht operieren. Aber chronischen Kreuzschmerz immer psychotherapeutisch zu behandeln wäre auch zu einseitig. Wir wünschen uns zwar alle, dass ein Faktor allein das Schmerzerleben ausmacht und ich schmerzfrei bin, sobald der wegfällt. Aber so ist das Leben nicht.

Psychosomatikerin: Man muss die gesellschaftliche Entwicklung mit einbeziehen, den Druck zu funktionieren, die Arbeitsdichte. Unzufriedenheit über die Arbeit ist zentral bei Rückenschmerz. Soziale Probleme werden derzeit gerne in die Medizin geschoben. Doch Ärzte und Psychotherapeuten können das nicht lösen. Mein Statement ist: Wehret den Anfängen. Der Patient kommt mit "Rücken" ja erst einmal zum Hausarzt oder in den Notdienst. Im Idealfall ist der Hausarzt der Dauerbegleiter für diesen Menschen. Früher kannte der die ganze Familie, und wenn dann einer mit Rücken kam, wusste er natürlich, der hat wieder zu sehr gearbeitet, weil er drei Baustellen hat ...

ZEIT Doctor: Und der Sohn kifft auf dem Schulhof ...

Psychosomatikerin: Auch Menschen mit akutem Schmerz können ein psychisches Problem haben. Es ist wichtig, dass schon der erste Arzt fragt: "Haben Sie eine Idee, woher es kommt? Wie sieht es bei der Arbeit aus?" Ich biete dann ein Modell an: "Wissen Sie, häufig entsteht Rückenschmerz durch akute Verspannungen, da ist der Körper recht einfach gestrickt. Der unterscheidet nicht, ob er zu viel gearbeitet hat oder ob wir viel Ärger hatten." Und das reicht, um von der Idee wegzukommen, dass jetzt unbedingt die Wirbelsäule durchleuchtet werden muss. Dann gerät der Patient gar nicht erst auf diesen Chronifizierungsweg, und man braucht nicht ein paar Wochen später drei, vier verschiedene Experten, die sich einen Kopf machen.

ZEIT Doctor: Was hält denn die Hausärzte davon ab, solche Fragen zu stellen?

Psychosomatikerin: In der Stadt haben viele Hausärzte ein Durchlaufpublikum. Die Hausärzte kennen die Leute nicht mehr so gut.

Chirurg: Nach meinem Eindruck sind die Hausärzte in der Rückenschmerzversorgung sehr genau orientiert, wahrscheinlich mit auf dem besten Niveau. Die wissen, was sofort der Behandlung bedarf und was man anders regeln kann.

Orthopäde: Das würde ich bestätigen. Die Umsetzung der Leitlinien funktioniert bei den Allgemeinmedizinern viel besser als bei den Orthopäden. Doch Hamburg beispielsweise hat ein unglaublich mobiles Publikum. Und die wollen alle einen Spezialisten. Großstädter wollen Spezialisten! Denn der Hausarzt ist ja nichts wert, der hat ja überhaupt keine richtige medizinische Ausbildung, der ist ja "nur" Hausarzt.

ZEIT Doctor: Was freilich falsch ist, denn er ist Spezialist für Allgemeinmedizin.

Orthopäde: Die Patienten bahnen ihren Irrweg selbst. Der Orthopäde, der nicht operiert, hat auch längst keinen so großen Stellenwert in der Wahrnehmung des Großstadtpatienten wie der, der operiert; der ist der Bessere.

ZEIT Doctor: Wie kommt das?

Orthopäde: Der Patient sagt: "Ich gehe jetzt endlich mal ins Krankenhaus, du kommst mit mir nicht zurecht; im Krankenhaus sind die Superspezialisten, da ist das Wissen. Da gibt’s die richtige Therapie, mit großen Stangen und Schrauben." Und dann nehmen die Dinge ihren Lauf.