Ich war in den letzten Wochen auch im Osten unterwegs und habe die Pogromlust erlebt, die viele Orte dort im Griff hat. Auf einem "Bürgerforum" von Flüchtlingsgegnern in Thüringen brüllte der Verschwörungstheoretiker Jürgen Elsässer gegen das "Regime" von Angela Merkel an, nannte Justizminister Heiko Maas "den neuen Reichsjustizminister" und schob nach: "Der sieht ja auch schon ein bisschen aus wie einer aus dem Volksgerichtshof." Und 500 Bürger der Stadt Altenburg jubelten.

"Steht zu Deutschland! Kämpft für Deutschland! Kommt zu uns!", brüllte Elsässer, eine absurde Figur mit seiner Haartolle, den schwäbischen Dialektspuren, seiner Applaussucht.

Die Leute lachten über ihn, das schon. Vielleicht gehört das Karnevaleske zum Krawall einfach dazu. Aber man spürte die Lust am Überschreiten von Grenzen. Der Saal vibrierte vor Energie, und alle schienen den Reiz der Einigkeit zu spüren. Stichwort: das Volk. Das Volk wehrt sich. Das souveräne Volk ist die höchste Instanz. Im Volk sind alle gleich. Das Volk ist demokratisch. Wir sind das Volk. Irgendwann hatte ich eine Gänsehaut.

Es ist, als seien sie im Osten in einer Zeitschleife gefangen. Jetzt ist wieder 1989, Revolutionszeit. Tatsächlich erzählen mir viele, die gegen Flüchtlinge aufstehen, sie seien damals schon im Widerstand gewesen. Und es sei ja bekannt, dass Merkel bei der Stasi ... Sie glauben das wirklich. Auf ihre Weise wünschen sie sich auch im Osten die achtziger Jahre zurück.

Vielleicht ist das der wichtigste Unterschied zwischen den Grünen von damals und den neuen Rechten von heute. Die Rechten verharren im Dagegen-Modus. Die Grünen entwickelten Visionen, Gesellschaftskonzepte, Vorstellungen von einer besseren Welt. Sie dachten nach vorn. Die neue soziale Bewegung denkt zurück.

"Wir müssen alle AfD wählen!", rief Elsässer. "Sie ist der Stock, mit dem wir die Blockparteien prügeln."

Ein Mann aus dem Publikum meldete sich zu Wort, ein älterer Herr mit Brille und buntem Pullover. Er regte an, die Kanzlerin nach Paragraf 6 Völkerstrafgesetzbuch anzuklagen, wegen Genozid am eigenen Volk. Später, auf der Rückfahrt im Taxi, fragte mich der Fahrer, wo ich gewesen sei.

"Auf einer Veranstaltung über Flüchtlinge."

"Für oder gegen Flüchtlinge?"

"Eher dagegen."

"Gut", sagte der Fahrer. Dann erzählte er mir Kanakenwitze.

Ich fragte mich, ob das der Weg sein wird, den die neue Bürgerbewegung geht. Jürgen Elsässer ist kein Mitglied der AfD, Einfluss auf die Zukunft der Partei haben Leute wie er trotzdem: Gelingt es den Radikalen, die AfD weiter nach rechts zu ziehen, dann wendet sich das Bürgertum ab. Dann versinkt Werner Kaiser auf seiner Facebook-Seite im braunen Schmutz. Dann hat das Land bald eine zweite NPD, und die soziale Bewegung verfestigt sich niemals zu einer staatstragenden, bundestagstauglichen Partei.

Alle Leute, mit denen ich für diesen Artikel gesprochen habe, denken über dieses Risiko nach. Viele ärgern sich über die Ruckzuck-Fantasien und das Volkskörper-Gerede der Radikalen, fast jeder ließ den Satz fallen: "Die Höckes", die müssten raus aus der Partei.

Alice Weidel, AfD-Kandidatin am Bodensee, hatte neulich Alexander Gauland zu Gast in ihrem Wahlkreis. Vorher schärfte sie ihm ein, auf keinen Fall das Wort "Volkskörper" zu verwenden. Gauland hielt sich nicht daran. Weidel war sauer.

Alice Weidel: 37 Jahre alt, Ökonomin, irrer Lebenslauf. Hat in China geforscht, für Goldman Sachs gearbeitet und in Hongkong, Hamburg und anderswo Start-ups hochgezogen. Lesbisch, Lebensgefährtin, kleines Kind. Bezeichnet sich selbst als "Urliberale". Sitzt mit Leuten wie Gauland, Petry und von Storch im Vorstand der AfD, in der zweiten Reihe, aber immerhin. Ich muss gestehen, dass mich das überrascht.

Ich habe mit Alice Weidel einen tollen Abend verbracht, in einer Kneipe ihrer Heimatstadt Überlingen. In der Ferne sah man wie Schattenrisse die Berge der Schweiz. Von dort stammt Weidels Lebensgefährtin, dort hat sich im 19. Jahrhundert der Liberalismus durchgesetzt, während in Deutschland bekanntlich das Autoritär-Nationale vor einer großen Zukunft stand. Alice Weidels Sympathien, so schien es mir, liegen wohl eher jenseits des Bodensees.

Volksabstimmungen, Ende der Euro-Rettungspolitik, mehr Netto vom Brutto, das sind ihre Themen. Man könnte es sich leicht machen und sagen, Weidel sei ein Überbleibsel aus der Ära des Wirtschaftsprofessors Lucke, ein neoliberales Fossil. Dabei gibt es in der Partei noch viele wie sie. Weidel hat früher Grüne und FDP gewählt; am Ende fühlte sie sich politisch so vereinsamt, dass ihre Partnerin sie zur AfD schickte, "als neuen Zeitvertreib".

Weidel ist klug, zeigt Interesse an meiner Meinung, gesteht Zweifel ein. Manchmal frage sie sich, ob sie da in ein Himmelfahrtskommando geraten sei. Sie hoffe auf die disziplinierende Wirkung von Beschlüssen.

Weidel ließ sich zur Chefin der Bundesprogrammkommission wählen. Dieses Sieben-Silben-Ungetüm organisiert den Prozess, aus dem Ende April das erste AfD-Parteiprogramm hervorgehen soll. Zugegeben, das ist ein Beispiel an Basisdemokratie, auf das jeder Grüne stolz wäre. Weidel hat eine Online-Befragung aller Mitglieder organisiert, und es gibt Fachausschüsse auf Länder- und Bundesebene, bei denen man mitmachen kann.