Christian Lindner ist ein Stimmungspolitiker. Früher als viele hat er im vergangenen Spätsommer erkannt, dass die Flüchtlingskrise eine Chance sein könnte. Für ihn und für die FDP. "Er hat ein sagenhaftes Gespür dafür, welche Themen sich abzeichnen und wie man die in politisches Handeln umsetzen kann", sagt ein Mitglied des FDP-Präsidiums.

In der zweiten Septemberhälfte 2015, als ein Großteil der Deutschen noch von der eigenen Hilfsbereitschaft berauscht ist, beginnt Lindner bereits, neue Töne zu testen.

Am 21. September tritt er in der Bundespressekonferenz auf. Er will zur Halbzeit der Legislaturperiode mit der Bundesregierung abrechnen, doch das Interesse ist flau, nur zehn Journalisten sind gekommen. Vielleicht ist Lindner enttäuscht, aber er lässt sich davon nichts anmerken, bloß seine Augenringe zeugen von Erschöpfung.

Lindner sagt dies und das, wenig davon bleibt hängen. Nur ein einziger Satz lässt aufhorchen: "Nicht Deutschland muss sich zuerst verändern, sondern viele Flüchtlinge werden sich verändern müssen."

Es ist ein Versuch. Lindner spricht den Satz aus, wie man einen Finger in die Luft streckt, um den Wind zu fühlen.

Aus seinen Kreisverbänden hört Lindner, dass erste FDP-Anhänger nervös zu werden beginnen, es machen sich vage Ängste breit: Facharbeiter fürchten um ihre Jobs, Akademiker um die Ausbildung ihrer Kinder, Hauseigentümer um den Wert ihrer Grundstücke.

Natürlich ist das alles ziemlich irreal, die Wirtschaft brummt, die Silvesternacht in Köln ist noch Wochen entfernt. Aber Lindner wittert, was er am dringendsten braucht: ein Thema. Und Wähler. Kontinuierlich verschärft er den Ton.

"Angela Merkel ist zu einem Unsicherheitsfaktor geworden, weil sie schwerwiegende Fehlentscheidungen spontan trifft", sagt er in einem Interview mit der BamS am 18. Oktober.

Im November legt er nach: Merkel habe "dort, wo nichts wichtiger ist als Ordnung und Regeln, Chaos angerichtet. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa."

Anfang Dezember sagt Lindner: "Der Heiligenschein von Frau Merkel ist weg. Sie hat den Höhepunkt ihrer Amtszeit hinter sich."

Merkel habe "Europa ins Chaos gestürzt", verkündet Lindner schließlich beim Dreikönigstreffen Anfang Januar.

Eigentlich hatte Lindner seiner FDP ja mehr Zuversicht verordnet. Die Partei forderte im vergangenen Jahr "German Mut" statt German Angst, mehr Optimismus, mehr Anpacken. Eigentlich mehr "Wir schaffen das". Nun verschiebt sich die Tonlage. Die FDP will die Flüchtlingszahlen begrenzen. Mitte Oktober wendet sich Lindner mit einem Fünf-Punkte-Plan an die Parteimitglieder. Zentrale Aussage: Die Bundesrepublik solle Kriegsflüchtlinge "nur dulden, aber vom weitgehenden Asylverfahren ausschließen!".

Die strategische Absicht ist klar. Lindner zielt auf jene Wähler der bürgerlichen Mitte, denen Merkels Kurs zu soft, die AfD aber zu hässlich ist. Deshalb entwickelt sich Lindner zum härtesten Kritiker der Kanzlerin neben der AfD. Und mit ihm die FDP-Spitze.

"Wir müssen zusehen, dass die Lichtgestalt Schatten bekommt. Die Zweifel müssen wachsen", sagt Wolfgang Kubicki, der FDP-Landeschef in Schleswig-Holstein. "Die Union ist unser schärfster Konkurrent."

Und die Wahlkämpfer berichten, dass die Strategie aufgeht. In einer Telefonkonferenz des FDP-Präsidiums Mitte Februar schwärmt der baden-württembergische Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke, jeder Auftritt der Kanzlerin bringe der FDP 5000 Stimmen.

Die FDP ist wieder dabei

Jetzt, wenige Tage vor den Landtagswahlen, steht die FDP laut Umfragen in Baden-Württemberg bei sechs Prozent, in Rheinland-Pfalz bei fünf, und sogar in Sachsen-Anhalt kommt sie auf immerhin viereinhalb Prozent, mit Tendenz zur fünf. Überall beginnt jetzt die höhere Koalitionsmathematik – und die FDP ist wieder mit dabei. Ampel, also FDP mit SPD und Grünen? Oder die sogenannte Deutschland-Koalition: FDP mit Union und SPD?

Es ist, denkt man an die Lage der FDP vor zweieinhalb Jahren, fast so etwas wie ein politisches Wunder. Damals, nach der Bundestagswahl 2013, war die Partei am Ende. Verschwunden aus dem Bundestag, verschwunden aus fast allen Landtagen. Eine politische Leiche. Und nun steht das Projekt Wiederaufstieg kurz vor dem Durchbruch. Man muss sich an das Ausmaß des Debakels erinnern, um zu verstehen, wie unwahrscheinlich diese Wendung ist.

Spät am Abend des 22. September 2013, am Abend des Absturzes, betritt Philipp Rösler noch einmal den großen Saal im Berliner Congress Centrum am Alexanderplatz. Den Saal, in dem seine politische Karriere zu Ende gegangen ist und die Präsenz seiner Partei im Bundestag.

Seine Frau hat sich bei ihm untergehakt, oder er bei ihr, das ist nicht genau zu erkennen. Sofort stürzen sich die Journalisten, die noch ausgeharrt haben, auf das Paar. Kameras, Scheinwerfer, Mikrofone. Aber Rösler, der noch Bundesvorsitzender der geschlagenen Partei ist, sagt nichts. Er gibt keine Erklärung ab, er murmelt nur ein paar Worte, bleibt nicht einmal stehen, niemand weiß, warum er überhaupt herausgekommen ist.

Seine Frau im Arm, geht er mit schnellen Schritten mal hierhin, mal dorthin, es sieht fast aus, als weiche er den Kameras aus, aber die Meute folgt ihm hartnäckig. Geschockt, sprachlos, kopflos, so rennt Rösler hin und her, bis er endlich wieder den Saal verlässt. Es ist der Endpunkt einer Ära.

Keine andere Partei hat so lange in Deutschland regiert wie die FDP. 54 Jahre lang war sie an der Macht, mal mit der Union, mal mit der SPD, nur zehn Jahre verbrachte sie in der Opposition. 54 Jahre Mitgestaltung, 54 Jahre Ministerposten. Die FDP ist die eigentliche Regierungspartei der Republik. Das war ihr Selbstverständnis, das war ihre Normalität. Bis zum 22. September 2013.

Was dann kam, war nicht einfach eine Wahlniederlage. Die FDP wurde nicht bloß abgewählt. Sie wurde abgestraft. Vom Hof gejagt, mit Hohn und Häme. Und niemand bedauerte die FDP. Es war kein Versehen, dass die Partei aus dem Bundestag flog. Die Deutschen hatten den Liberalismus satt, genauer: jene Partei, die den Liberalismus für sich reklamierte. Sie bestraften die FDP für den Größenwahn unter Westerwelle, für die offenkundige Überforderung in der schwarz-gelben Regierung. "Die FDP ist bewusst abgewählt worden", sagte Rösler, der nach dem Debakel sofort zurücktrat. Und er hatte recht.

Dass die FDP heute kaum mehr an die Partei erinnert, die vor zweieinhalb Jahren scheiterte, liegt auch am Ausmaß des damaligen Desasters. Der personelle Neuanfang danach war derart radikal, dass er die gesamte Führungselite hinwegfegte. Wenn man sich auf den Fotos vom Wahlabend noch einmal anschaut, wer alles auf dem FDP-Podium im Berliner Congress Centrum stand, fahl und fassungslos, als die ersten Hochrechnungen kamen, fühlt man sich ins politische Pleistozän zurückversetzt: Rainer Brüderle. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Daniel Bahr. Alle weg, alle vergessen. Die FDP ist jetzt Christian Lindner, und Christian Lindner ist die FDP. Im Dezember 2013 wählte ihn die Partei zum Bundesvorsitzenden.

Mit wenigen Vertrauten rollt Lindner seither den Felsen hinauf auf den Berg. Sein Projekt heißt: Wiederbelebung der FDP.

Aber wie geht das? Wie lässt sich eine Partei, die verhöhnt und verachtet wurde, die aus einem Parlament nach dem anderen flog, noch einmal reanimieren?

Wenn eine Partei aus dem Bundestag ausscheidet, ist das immer mehr als nur eine Niederlage. Schicksale hängen daran, Arbeitsplätze, Geld. Und bei der FDP wuchs sich die Niederlage zum Blutbad aus. 93 Bundestagsabgeordnete, die größte liberale Fraktion seit Menschengedenken im Parlament, verloren im September 2013 ihr Mandat. Rund 500 Mitarbeiter in den Abgeordnetenbüros und in der Fraktion standen auf einen Schlag ohne Job da, in der Berliner Parteizentrale wird kurz darauf jede zweite Stelle gestrichen. Im Frühjahr 2014 ist die FDP eine sterbende Partei. In den Umfragen steht sie bei drei Prozent, manche Institute lassen sie schon in dem Balken "sonstige Parteien" verschwinden. Man kann förmlich dabei zusehen, wie die FDP bedeutungslos wird.

Montag, 10. Februar 2014, kurz nach 13 Uhr, Thomas-Dehler-Haus. Im Atrium der Berliner Parteizentrale steht eine kleine Bühne, davor sind 32 Stühle in vier Reihen aufgestellt. Am Vormittag hat das Präsidium getagt, nun will Lindner die Ergebnisse verkünden. So haben sie es immer gemacht. Als die FDP noch Regierungspartei war, reichten die Plätze oft nicht aus. Jetzt sind sechs Journalisten gekommen. 26 Stühle bleiben leer.

Lindner sagt ein paar Sätze zu einer Volksabstimmung in der Schweiz, zur Familienfreundlichkeit der Bundeswehr, zur Energiewende, das sind die Themen der Woche.

"Gibt es Nachfragen?", erkundigt sich Lindners Pressesprecher.

Schweigen. Keine Hand rührt sich. Lindner steht vor den Journalisten wie ein Lehrer vor einer Schulklasse am Montagmorgen, nullte Stunde. Null Interesse.

"Na Moment", sagt Lindner, "wir können ja auch noch andere Nachfragen zulassen."

Wieder: nichts. Dann endlich ein Rascheln, zwei Hände heben sich zögerlich.

Am nächsten Tag steht von Lindners Worten ein einziger Satz in einer einzigen Zeitung.

In dieser schier aussichtslosen Lage beginnt Lindner das Projekt Wiedergeburt. Er holt einen Vertrauten aus NRW, Marco Buschmann, in die Parteizentrale, macht ihn zum politischen Geschäftsführer. Buschmann soll eine Strategie für das Comeback der FDP entwickeln. Er hat kaum Leute und wenig Geld, also redet er viel über Ideen. Man habe jetzt die Chance, Politik neu zu erfinden, sagt er. Die FDP müsse die großen Themen angehen, den Sozialstaat, den demografischen Wandel, die Chancen der digitalen Revolution.

Die "neue FDP"

Aber die Themen sind nicht das Problem der FDP. Das Problem der Partei ist ihr Image. Nicht der politische Liberalismus sei vom Wähler abgestraft worden, befindet Lindner, sondern eine über die Jahre hochmütig gewordene Partei. Das ist der Clou der "neuen FDP", wie Lindner und Buschmann sie erfinden: Es ist die alte, nur sympathischer, sachlicher, seriöser.

Der Wirtschaftsliberalismus bleibt der programmatische Kern. Wo immer heute FDP-Kandidaten auftreten, wettern sie gegen den Mindestlohn, gegen die Rente mit 63 oder Schäubles Erbschaftssteuerpläne. Das Kalkül dahinter ist einfach: In Zeiten der großen Koalition, in der eine CDU-Kanzlerin dankbar auf die sozialen und ökonomischen Vorstellungen ihres sozialdemokratischen Partners eingeht, ist genug Raum für eine liberale Stimme.

Zu den Bürgerrechten hingegen fällt den "Freien Demokraten" nicht viel mehr ein als eine neuerliche Klage gegen die Vorratsdatenspeicherung. Und zum Metathema Digitalisierung vor allem die Forderung nach einem raschen Netzausbau.

Das ist alles irgendwie richtig und respektabel, inspirierend ist es nicht. Für die Wiedergeburt der FDP braucht es etwas anderes. Lindner und Buschmann setzen auf einen Relaunch: neue Farbe, neue Bilder, neues Logo.

Besuch bei Andreas Mengele. Der 51-Jährige ist einer der Chefs der Werbeagentur "Heimat", er empfängt in deren Kreuzberger Loft, viel Glas, viel Holz, junge Menschen. Auf dem Besprechungstisch steht ein Teller mit bunten M&Ms. In den vergangenen Jahren hat Mengele viele Kunden betreut, deren Image eher altbacken war, die Baumarktkette Hornbach etwa, die Raiffeisenbanken, den Otto Versand. "Heimat" entwickelte für sie neue, irgendwie zeitgeistige Kampagnen. Aber funktioniert das auch in der Politik?

Letztlich gehe es immer darum, ein Produkt zu verkaufen, sagt Mengele. Aber in der Politik sei viel mehr Dynamik, viel mehr Speed: "Man agiert vor dem Hintergrund sich ständig ändernder Zeiten."

Mengele kennt sich da aus, für die FDP in NRW hatte er schon 2001 die Wahlkampagne entworfen. Der Spitzenkandidat Jürgen Möllemann holte damals überraschend acht Prozent der Stimmen. Danach sei Möllemann durchgedreht, sagt Mengele, die Wege trennten sich. Doch mit einem Jungpolitiker der FDP hielt Mengele über die Jahre Kontakt: Christian Lindner. Im Spätsommer 2014 traf Mengele sich das erste Mal mit ihm und Buschmann in Berlin, um über eine mögliche Kampagne zu sprechen.

"Es war klar, dass sich am Auftritt der FDP etwas ändern muss", sagt Mengele. Bei einer derart beschädigten Marke brauchte es einen "radikalen Neustart in der Darreichungsform". Ein neuer Name sollte her, "wir mussten die FDP rausholen aus ihrer Abkürzung". Freie Demokraten, das sollte unverbraucht und stolz klingen. Außerdem verordnete Mengele seinem Kunden eine neue Parteifarbe: Magenta, ein dunkles Pink.

Aber bringt so etwas Banales wie eine neue Farbe tatsächlich etwas im politischen Wettbewerb? Die Frage wird im Januar 2015 beantwortet. Die FDP hat zum alljährlichen Dreikönigstreffen nach Stuttgart geladen, das Interesse hält sich in Grenzen, nur eine Handvoll Journalisten ist angemeldet. Als kurz vor dem Treffen gestreut wird, die Partei wolle eine neue Farbe präsentieren, verzehnfacht sich die Zahl der Presseanmeldungen, auch die ARD schickt ein Kamerateam nach Stuttgart. Am 6. Januar sendet die Tagesschau einen Beitrag, in dem die Kamera ausführlich über die Beine von Katja Suding schwenkt, FDP-Spitzenkandidatin in Hamburg. Großes Hallo in den Medien, von Sexismus ist die Rede, die Tagesschau muss sich entschuldigen, aber die FDP hat, dank Farbe und Beinen, was sie am dringendsten braucht: Aufmerksamkeit.

Bei der Hamburger Bürgerschaftswahl am 15. Februar 2015 gewinnt Suding 7,4 Prozent, drei Monate später kehrt die FDP auch in Bremen überraschend ins Parlament zurück. Plötzlich sieht der Wiederaufstieg fast wie ein Selbstläufer aus, nur Lindners Vorsicht verhindert den Freudentaumel.

Dann kommt die Flüchtlingskrise.

Anfangs ist das für die FDP eine Gefahr. Denn plötzlich ist die AfD die Partei der Stunde, nicht mehr die erfrischte FDP. Je stärker die Flüchtlingszahlen steigen, desto mehr rutschen die klassischen FDP-Themen weg. Selbstverantwortung zieht nicht mehr, jetzt ist der Staat gefordert. Freiheit interessiert die Leute kaum noch. Was zählt, ist Sicherheit.

Wie schwierig es ist, die FDP in dieser Lage zu positionieren, weiß auch der Werber Mengele: "Die Flüchtlingskrise ist kein dankbares Thema für die FDP", sagt er, zumal mit der Konkurrentin AfD am rechten Rand. Der FDP-Slogan "Rechtsstaatlichkeit statt Rechtspopulismus" sei zu kopflastig, im Wahlkampf müsse man mehr "auf den Bauch zielen". Allerdings merkt das Team um Mengele bald, dass es in der Flüchtlingsfrage für die FDP eben keine guten Kurzformeln für den Bauch gibt. "Wir haben das ausprobiert – da verfällt man in Parolen", sagt Mengele. "Das Flüchtlingsthema ist nicht auf einen einzigen Satz zu bringen, der alles in Wohlgefallen auflöst."

Lindner kämpft und ackert

Deshalb schießen sich die Liberalen auf Merkel ein. Aber es ist eher Kritik an ihrem Stil, an ihrer Gefühligkeit, ihrem impulsiven Handeln, dem drohenden Kontrollverlust, nicht an der Substanz ihrer Politik. Eine wirkliche Alternative, einen fundamental anderen Kurs in der Flüchtlingsfrage hat auch die FDP nicht zu bieten.

"Kontrolle der europäischen Außengrenzen, Kontingente, Registrierung – das muss der Weg sein", fordert Lindner im Wahlkampf – exakt die Maßnahmen, für die sich auch Angela Merkel seit Monaten einsetzt. Eine nationale Abschottung lehnt Lindner ebenso ab wie Merkel. Und dass Kriegsflüchtlinge in ihre Heimatländer zurückkehren und beim Wiederaufbau helfen sollten, sobald der Krieg dort vorbei sei – diesen Gedanken Lindners, für den er im Wahlkampf viel Applaus erhält, hat die Kanzlerin schon im vergangenen Jahr formuliert.

Auf die Frage, wie Merkel es eigentlich finde, dass er sie so heftig attackiere, sagt Lindner, das wisse er nicht. Ihren nächsten persönlichen Termin hätten sie erst nach den Landtagswahlen. Er versuche aber, sagt Lindner, in seiner Kritik an Merkel immer weniger scharf zu sein als Sigmar Gabriel.

Und es kommt auf jedes Wort von Lindner an. Auf wohl keinen Parteichef war die FDP je so ausgerichtet wie auf ihn. Auch Guido Westerwelle war als Vorsitzender eine dominante Figur, doch zu seiner Zeit gab es in der Partei noch Skeptiker, Gegner, Intriganten. Jetzt nicht mehr. Lindner hat die Phase der Verzweiflung in der FDP genutzt, um als Anführer unverzichtbar zu werden. Sogar Wolfgang Kubicki erzählt gern, er habe mit Lindner einen Nichtangriffspakt bis zur Bundestagswahl 2017 geschlossen.

Lindner kämpft, er ackert, er absolviert ein wahnwitziges Pensum. In den drei Landtagswahlkämpfen hat er rund 250 Termine. Da will einer wieder nach oben, mit dieser Partei, das spüren sie in der FDP. Bei einem Auftritt im Kreisverband Verden schwärmt der Kreisvorsitzende zur Begrüßung, Lindner sei der erste Bundesvorsitzende, der sofort auf SMS reagiere, auch noch um Mitternacht.

Für eine Partei im parlamentarischen Abseits ist Lindner ein Glücksfall. Es gibt auch in den großen Parteien nur wenige, die es rhetorisch mit ihm aufnehmen können. Lindner redet frei, witzig, aggressiv. Er weiß, dass er Seriosität, Sachlichkeit, Kompetenz demonstrieren muss. Aber eben auch, dass es nie langweilig werden darf, wenn eine Partei, die nicht mitspielt, Aufmerksamkeit erzielen will.

Es gibt von Lindner rhetorische Glanzstücke, die im Netz längst Kultstatus erlangt haben. Das bekannteste: als Lindner im Düsseldorfer Landtag einen SPD-Abgeordneten, der ihn per Zwischenruf an seine gescheiterte Unternehmervergangenheit erinnert hat, in Grund und Boden rammt. Lindners Auftritt gerät zu einer spontanen Hymne auf die risikobereite Gründerexistenz und zu einer witzig-brutalen Bloßstellung des sicherheitsfixierten Kleingeistes, wie er, laut Lindner, vornehmlich im sozialdemokratischen Beamtenmilieu zu finden ist. Man kann an diesem Auftritt die Schlagfertigkeit des FDP-Vorsitzenden bewundern, seinen Humor, seine Angriffslust. Man kann aber auch studieren, wie ein mitreißender Redner sich an sich selbst berauscht. Der SPD-Mann, auf dessen Kosten sich Lindner da profilierte, war übrigens ein jahrelang erfolgreicher Manager. Ausgerechnet Lindner, der seit seinem 21. Lebensjahr Berufspolitiker ist.

Der Mann muss seine Partei verkaufen, und er hat die Mittel dazu. Aber auch sein Vorgänger Guido Westerwelle war ein brillanter Verkäufer. Und manchmal, wenn man für einen Moment die Augen schließt und Lindner zuhört, ist er wieder da, der alte Sound. Der Westerwelle-Sound. Zu laut, zu schrill, wie besoffen von sich selbst.

In Stuttgart beispielsweise, als er sich bei einem Neujahrsempfang zum Thema Bargeld in Rage redete. Lindner, der sich für den Kampf gegen die irrationalen Ängste der Deutschen zuständig fühlt, berauscht sich plötzlich an einer Verschwörungsfantasie, in der die Begrenzung von Bargeldzahlungen nur den ersten Schritt zu einer systematischen staatlichen Käuferüberwachung darstellt, an deren Ende grüne Amtsträger den Erwerb bestimmter Lebensmittel an die gesundheitlichen Voraussetzungen der Konsumenten knüpfen werden.

Selbst Lindner ist anfällig für altliberale Paranoia. Der seriöse Zug der neuen FDP leidet manchmal unter seiner rhetorischen Entflammbarkeit.

Das ist nicht nur ein Performance-Problem. Es ist auch eine Frage der politischen Selbstkontrolle. Wie heftig kann man auf die Kanzlerin eindreschen, ohne wie die Rechtspopulisten zu klingen? Wie viel Abstand zu rechts lässt sich halten, wenn man enttäuschte CDU-Wähler einsammeln will, denen Merkel längst viel zu links ist? Und fände der Satz, die Kanzlerin habe Europa ins Chaos gestürzt, nicht auch bei Pegida Beifall?

Lindners Versuch, seine FDP in der Flüchtlingsfrage zwischen CDU und AfD zu positionieren, ist extrem riskant. Er gefährdet, was Lindner nach dem Absturz geleistet hat. Nach der Bundestagswahl 2013 widerstand er der populistischen Versuchung. Damals war die Euro-Krise das zentrale politische Thema, und es galt durchaus als strategische Option, die FDP als politische Vertretung der Euro-Skepsis aufzustellen, als bürgerliche Protestpartei. Dass Lindner das verhindert hat, ist sein bislang größter Erfolg.

Auch von der AfD setzt sich Lindner entschieden ab. Eine Konkurrenz mit den Rechtspopulisten bestreitet er vehement. Deren Haltung sei "ressentimentbeladen und fortschrittsskeptisch". "Wer heute mit der AfD und ihren Sympathisanten einverstanden ist, kann uns nicht wählen", sagt Lindner.

Und doch bleibt die Frage: Wie nah kann man rhetorisch an die Populisten heran, ohne selbst populistisch zu werden?

Lindner ist sich der Gefahr bewusst. Bei seinen Auftritten versucht er immer beides: Angriff auf Merkel, Abgrenzung von der AfD.

Makellosigkeit ist machbar

Am letzten Samstag im Februar lässt sich Lindner nach Heidelberg fahren. Draußen sprießen die Krokusse, endlich Frühling. Kein guter Nachmittag für einen Termin in einem Hörsaal ohne Tageslicht, aber Lindner zieht. Alle 200 Plätze im Auditorium der Print Media Academy sind besetzt.

Lindner sieht aus wie bei all seinen öffentlichen Auftritten: Markenanzug, helles Hemd, Manschettenknöpfe, schmale Krawatte, das ist Lindners Bühnenkostüm. Den drohenden Geheimratsecken hat er vor einiger Zeit eine Haartransplantation entgegengesetzt. Gern erzählt er, dass er im vergangenen Jahr neun Kilo abgenommen habe, jeden Tag mache er eine Stunde lang Sport, vornehmlich an der Rudermaschine. Wenn es denn stimmt, dass Menschen mit ihrem Erscheinungsbild eine Botschaft aussenden wollen, dann will Lindner sagen: Makellosigkeit ist machbar. Oder auch: Ich schaffe das.

"Haben Sie gesehen? Es mussten schon Leute weggeschickt werden!", sagt Lindner. Er steht oben am Eingang, ein Tonmann verkabelt ihn gerade. Am Vormittag war Lindner in Rheinland-Pfalz unterwegs, aber erschöpft sei er nicht, er sei ja im Training.

"Ach, da ist der Bock!", ruft Lindner plötzlich. Im Publikum hat er Kurt Bock erspäht, den Vorstandsvorsitzenden von BASF. Für Lindner ist das ein kleiner Triumph. Auch Wirtschaftsleute interessieren sich gerade wieder für die FDP.

Und dann, eine Stunde lang, der Balanceakt zwischen Anti-Merkel und Anti-Populismus. Großes Lindner-Kino. Der FDP-Chef spricht frei, variiert nach Belieben den Ton, mal staatsmännisch, mal volle Attacke. Dass viele Deutsche nicht zur Landtagswahl gehen wollten, sei eine "Ohrfeige" für all die Menschen weltweit, die gern wählen würden, es aber nicht dürften. Dann: die Flüchtlingspolitik. Es gebe in Deutschland chaotische Zustände, sagt Lindner, "auch wegen der Frau Bundeskanzlerin". Gerhard Schröder habe recht: Merkels Handeln sei Anfang September vielleicht richtig gewesen, danach aber nicht mehr. "Die Frau Bundeskanzlerin muss aufhören, ihre ethischen Erwägungen allen anderen in Europa aufzwingen zu wollen!"

Ganz am Ende knöpft Lindner sich auch noch die AfD vor: Sie stehe für völkische Ideologie, autoritäres Denken, Rassismus: "Stärken Sie den Rechtsstaat, stärken Sie nicht die Rechtspopulisten!" Langer Applaus.

Nach dem Auftritt trinkt er im Foyer ein Glas Sekt, "ich hab ja jetzt Feierabend", aber so ganz stimmt das nicht. Nach seinen Reden wird Lindner stets von Bürgern belagert. Ein älteres Ehepaar kommt auf ihn zu.

"Wie können Sie so toll frei sprechen?", fragt die Dame und strahlt.

"Alles Übung", sagt Lindner, und dann: "Poetae nascuntur, oratores fiunt. Als Dichter wird man geboren, zum Redner wird man gemacht."

Sollte die FDP am kommenden Sonntag tatsächlich in zwei, womöglich alle drei Landtage einziehen, wäre das ein gewaltiger Triumph für Christian Lindner. Für den Oberflächenpolitiker Lindner, der seiner Partei ein neues Image verpasst hat. Und für den Stimmungspolitiker Lindner, der eine neue politische Lage zupackend für seine Partei genutzt hat.

Es wäre ein riesiger Schritt hin zum eigentlichen Ziel: dem Wiedereinzug in den Bundestag 2017. Diesem Ziel wird Lindner auch in Zukunft alles unterordnen. Vor allem die Koalitionsfragen in den Ländern.

Zur Erneuerung der FDP gehört auch der Anspruch ihrer Unabhängigkeit. "Wir definieren uns nicht mehr über die Nähe und Ferne zu irgendeiner Partei", lautet das Bekenntnis. Doch so sehr den Liberalen das Image eines bloßen Unions-Anhängsels geschadet hat, so gefährlich wurde ihr – nach den diversen Koalitionswechseln – das Image des Machtopportunismus. Für Baden-Württemberg hat Lindner deshalb eine Ampel ausgeschlossen. Auch weil er 2017 in seinem eigenen Bundesland Nordrhein-Westfalen gegen die rot-grüne Landesregierung Wahlkampf führen muss. Und weil er fürchtet, dass eine Ampel an das alte FDP-Trauma erinnern könnte: Diese Partei macht alles mit jedem für die Macht.

Lindner ist ein Stimmungspolitiker. Aber er hat auch Geduld.