Jetzt, wenige Tage vor den Landtagswahlen, steht die FDP laut Umfragen in Baden-Württemberg bei sechs Prozent, in Rheinland-Pfalz bei fünf, und sogar in Sachsen-Anhalt kommt sie auf immerhin viereinhalb Prozent, mit Tendenz zur fünf. Überall beginnt jetzt die höhere Koalitionsmathematik – und die FDP ist wieder mit dabei. Ampel, also FDP mit SPD und Grünen? Oder die sogenannte Deutschland-Koalition: FDP mit Union und SPD?

Es ist, denkt man an die Lage der FDP vor zweieinhalb Jahren, fast so etwas wie ein politisches Wunder. Damals, nach der Bundestagswahl 2013, war die Partei am Ende. Verschwunden aus dem Bundestag, verschwunden aus fast allen Landtagen. Eine politische Leiche. Und nun steht das Projekt Wiederaufstieg kurz vor dem Durchbruch. Man muss sich an das Ausmaß des Debakels erinnern, um zu verstehen, wie unwahrscheinlich diese Wendung ist.

Spät am Abend des 22. September 2013, am Abend des Absturzes, betritt Philipp Rösler noch einmal den großen Saal im Berliner Congress Centrum am Alexanderplatz. Den Saal, in dem seine politische Karriere zu Ende gegangen ist und die Präsenz seiner Partei im Bundestag.

Seine Frau hat sich bei ihm untergehakt, oder er bei ihr, das ist nicht genau zu erkennen. Sofort stürzen sich die Journalisten, die noch ausgeharrt haben, auf das Paar. Kameras, Scheinwerfer, Mikrofone. Aber Rösler, der noch Bundesvorsitzender der geschlagenen Partei ist, sagt nichts. Er gibt keine Erklärung ab, er murmelt nur ein paar Worte, bleibt nicht einmal stehen, niemand weiß, warum er überhaupt herausgekommen ist.

Seine Frau im Arm, geht er mit schnellen Schritten mal hierhin, mal dorthin, es sieht fast aus, als weiche er den Kameras aus, aber die Meute folgt ihm hartnäckig. Geschockt, sprachlos, kopflos, so rennt Rösler hin und her, bis er endlich wieder den Saal verlässt. Es ist der Endpunkt einer Ära.

Keine andere Partei hat so lange in Deutschland regiert wie die FDP. 54 Jahre lang war sie an der Macht, mal mit der Union, mal mit der SPD, nur zehn Jahre verbrachte sie in der Opposition. 54 Jahre Mitgestaltung, 54 Jahre Ministerposten. Die FDP ist die eigentliche Regierungspartei der Republik. Das war ihr Selbstverständnis, das war ihre Normalität. Bis zum 22. September 2013.

Was dann kam, war nicht einfach eine Wahlniederlage. Die FDP wurde nicht bloß abgewählt. Sie wurde abgestraft. Vom Hof gejagt, mit Hohn und Häme. Und niemand bedauerte die FDP. Es war kein Versehen, dass die Partei aus dem Bundestag flog. Die Deutschen hatten den Liberalismus satt, genauer: jene Partei, die den Liberalismus für sich reklamierte. Sie bestraften die FDP für den Größenwahn unter Westerwelle, für die offenkundige Überforderung in der schwarz-gelben Regierung. "Die FDP ist bewusst abgewählt worden", sagte Rösler, der nach dem Debakel sofort zurücktrat. Und er hatte recht.

Dass die FDP heute kaum mehr an die Partei erinnert, die vor zweieinhalb Jahren scheiterte, liegt auch am Ausmaß des damaligen Desasters. Der personelle Neuanfang danach war derart radikal, dass er die gesamte Führungselite hinwegfegte. Wenn man sich auf den Fotos vom Wahlabend noch einmal anschaut, wer alles auf dem FDP-Podium im Berliner Congress Centrum stand, fahl und fassungslos, als die ersten Hochrechnungen kamen, fühlt man sich ins politische Pleistozän zurückversetzt: Rainer Brüderle. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Daniel Bahr. Alle weg, alle vergessen. Die FDP ist jetzt Christian Lindner, und Christian Lindner ist die FDP. Im Dezember 2013 wählte ihn die Partei zum Bundesvorsitzenden.

Mit wenigen Vertrauten rollt Lindner seither den Felsen hinauf auf den Berg. Sein Projekt heißt: Wiederbelebung der FDP.

Aber wie geht das? Wie lässt sich eine Partei, die verhöhnt und verachtet wurde, die aus einem Parlament nach dem anderen flog, noch einmal reanimieren?

Wenn eine Partei aus dem Bundestag ausscheidet, ist das immer mehr als nur eine Niederlage. Schicksale hängen daran, Arbeitsplätze, Geld. Und bei der FDP wuchs sich die Niederlage zum Blutbad aus. 93 Bundestagsabgeordnete, die größte liberale Fraktion seit Menschengedenken im Parlament, verloren im September 2013 ihr Mandat. Rund 500 Mitarbeiter in den Abgeordnetenbüros und in der Fraktion standen auf einen Schlag ohne Job da, in der Berliner Parteizentrale wird kurz darauf jede zweite Stelle gestrichen. Im Frühjahr 2014 ist die FDP eine sterbende Partei. In den Umfragen steht sie bei drei Prozent, manche Institute lassen sie schon in dem Balken "sonstige Parteien" verschwinden. Man kann förmlich dabei zusehen, wie die FDP bedeutungslos wird.

Montag, 10. Februar 2014, kurz nach 13 Uhr, Thomas-Dehler-Haus. Im Atrium der Berliner Parteizentrale steht eine kleine Bühne, davor sind 32 Stühle in vier Reihen aufgestellt. Am Vormittag hat das Präsidium getagt, nun will Lindner die Ergebnisse verkünden. So haben sie es immer gemacht. Als die FDP noch Regierungspartei war, reichten die Plätze oft nicht aus. Jetzt sind sechs Journalisten gekommen. 26 Stühle bleiben leer.

Lindner sagt ein paar Sätze zu einer Volksabstimmung in der Schweiz, zur Familienfreundlichkeit der Bundeswehr, zur Energiewende, das sind die Themen der Woche.

"Gibt es Nachfragen?", erkundigt sich Lindners Pressesprecher.

Schweigen. Keine Hand rührt sich. Lindner steht vor den Journalisten wie ein Lehrer vor einer Schulklasse am Montagmorgen, nullte Stunde. Null Interesse.

"Na Moment", sagt Lindner, "wir können ja auch noch andere Nachfragen zulassen."

Wieder: nichts. Dann endlich ein Rascheln, zwei Hände heben sich zögerlich.

Am nächsten Tag steht von Lindners Worten ein einziger Satz in einer einzigen Zeitung.

In dieser schier aussichtslosen Lage beginnt Lindner das Projekt Wiedergeburt. Er holt einen Vertrauten aus NRW, Marco Buschmann, in die Parteizentrale, macht ihn zum politischen Geschäftsführer. Buschmann soll eine Strategie für das Comeback der FDP entwickeln. Er hat kaum Leute und wenig Geld, also redet er viel über Ideen. Man habe jetzt die Chance, Politik neu zu erfinden, sagt er. Die FDP müsse die großen Themen angehen, den Sozialstaat, den demografischen Wandel, die Chancen der digitalen Revolution.