Aber die Themen sind nicht das Problem der FDP. Das Problem der Partei ist ihr Image. Nicht der politische Liberalismus sei vom Wähler abgestraft worden, befindet Lindner, sondern eine über die Jahre hochmütig gewordene Partei. Das ist der Clou der "neuen FDP", wie Lindner und Buschmann sie erfinden: Es ist die alte, nur sympathischer, sachlicher, seriöser.

Der Wirtschaftsliberalismus bleibt der programmatische Kern. Wo immer heute FDP-Kandidaten auftreten, wettern sie gegen den Mindestlohn, gegen die Rente mit 63 oder Schäubles Erbschaftssteuerpläne. Das Kalkül dahinter ist einfach: In Zeiten der großen Koalition, in der eine CDU-Kanzlerin dankbar auf die sozialen und ökonomischen Vorstellungen ihres sozialdemokratischen Partners eingeht, ist genug Raum für eine liberale Stimme.

Zu den Bürgerrechten hingegen fällt den "Freien Demokraten" nicht viel mehr ein als eine neuerliche Klage gegen die Vorratsdatenspeicherung. Und zum Metathema Digitalisierung vor allem die Forderung nach einem raschen Netzausbau.

Das ist alles irgendwie richtig und respektabel, inspirierend ist es nicht. Für die Wiedergeburt der FDP braucht es etwas anderes. Lindner und Buschmann setzen auf einen Relaunch: neue Farbe, neue Bilder, neues Logo.

Besuch bei Andreas Mengele. Der 51-Jährige ist einer der Chefs der Werbeagentur "Heimat", er empfängt in deren Kreuzberger Loft, viel Glas, viel Holz, junge Menschen. Auf dem Besprechungstisch steht ein Teller mit bunten M&Ms. In den vergangenen Jahren hat Mengele viele Kunden betreut, deren Image eher altbacken war, die Baumarktkette Hornbach etwa, die Raiffeisenbanken, den Otto Versand. "Heimat" entwickelte für sie neue, irgendwie zeitgeistige Kampagnen. Aber funktioniert das auch in der Politik?

Letztlich gehe es immer darum, ein Produkt zu verkaufen, sagt Mengele. Aber in der Politik sei viel mehr Dynamik, viel mehr Speed: "Man agiert vor dem Hintergrund sich ständig ändernder Zeiten."

Mengele kennt sich da aus, für die FDP in NRW hatte er schon 2001 die Wahlkampagne entworfen. Der Spitzenkandidat Jürgen Möllemann holte damals überraschend acht Prozent der Stimmen. Danach sei Möllemann durchgedreht, sagt Mengele, die Wege trennten sich. Doch mit einem Jungpolitiker der FDP hielt Mengele über die Jahre Kontakt: Christian Lindner. Im Spätsommer 2014 traf Mengele sich das erste Mal mit ihm und Buschmann in Berlin, um über eine mögliche Kampagne zu sprechen.

"Es war klar, dass sich am Auftritt der FDP etwas ändern muss", sagt Mengele. Bei einer derart beschädigten Marke brauchte es einen "radikalen Neustart in der Darreichungsform". Ein neuer Name sollte her, "wir mussten die FDP rausholen aus ihrer Abkürzung". Freie Demokraten, das sollte unverbraucht und stolz klingen. Außerdem verordnete Mengele seinem Kunden eine neue Parteifarbe: Magenta, ein dunkles Pink.

Aber bringt so etwas Banales wie eine neue Farbe tatsächlich etwas im politischen Wettbewerb? Die Frage wird im Januar 2015 beantwortet. Die FDP hat zum alljährlichen Dreikönigstreffen nach Stuttgart geladen, das Interesse hält sich in Grenzen, nur eine Handvoll Journalisten ist angemeldet. Als kurz vor dem Treffen gestreut wird, die Partei wolle eine neue Farbe präsentieren, verzehnfacht sich die Zahl der Presseanmeldungen, auch die ARD schickt ein Kamerateam nach Stuttgart. Am 6. Januar sendet die Tagesschau einen Beitrag, in dem die Kamera ausführlich über die Beine von Katja Suding schwenkt, FDP-Spitzenkandidatin in Hamburg. Großes Hallo in den Medien, von Sexismus ist die Rede, die Tagesschau muss sich entschuldigen, aber die FDP hat, dank Farbe und Beinen, was sie am dringendsten braucht: Aufmerksamkeit.

Bei der Hamburger Bürgerschaftswahl am 15. Februar 2015 gewinnt Suding 7,4 Prozent, drei Monate später kehrt die FDP auch in Bremen überraschend ins Parlament zurück. Plötzlich sieht der Wiederaufstieg fast wie ein Selbstläufer aus, nur Lindners Vorsicht verhindert den Freudentaumel.

Dann kommt die Flüchtlingskrise.

Anfangs ist das für die FDP eine Gefahr. Denn plötzlich ist die AfD die Partei der Stunde, nicht mehr die erfrischte FDP. Je stärker die Flüchtlingszahlen steigen, desto mehr rutschen die klassischen FDP-Themen weg. Selbstverantwortung zieht nicht mehr, jetzt ist der Staat gefordert. Freiheit interessiert die Leute kaum noch. Was zählt, ist Sicherheit.

Wie schwierig es ist, die FDP in dieser Lage zu positionieren, weiß auch der Werber Mengele: "Die Flüchtlingskrise ist kein dankbares Thema für die FDP", sagt er, zumal mit der Konkurrentin AfD am rechten Rand. Der FDP-Slogan "Rechtsstaatlichkeit statt Rechtspopulismus" sei zu kopflastig, im Wahlkampf müsse man mehr "auf den Bauch zielen". Allerdings merkt das Team um Mengele bald, dass es in der Flüchtlingsfrage für die FDP eben keine guten Kurzformeln für den Bauch gibt. "Wir haben das ausprobiert – da verfällt man in Parolen", sagt Mengele. "Das Flüchtlingsthema ist nicht auf einen einzigen Satz zu bringen, der alles in Wohlgefallen auflöst."