Deshalb schießen sich die Liberalen auf Merkel ein. Aber es ist eher Kritik an ihrem Stil, an ihrer Gefühligkeit, ihrem impulsiven Handeln, dem drohenden Kontrollverlust, nicht an der Substanz ihrer Politik. Eine wirkliche Alternative, einen fundamental anderen Kurs in der Flüchtlingsfrage hat auch die FDP nicht zu bieten.

"Kontrolle der europäischen Außengrenzen, Kontingente, Registrierung – das muss der Weg sein", fordert Lindner im Wahlkampf – exakt die Maßnahmen, für die sich auch Angela Merkel seit Monaten einsetzt. Eine nationale Abschottung lehnt Lindner ebenso ab wie Merkel. Und dass Kriegsflüchtlinge in ihre Heimatländer zurückkehren und beim Wiederaufbau helfen sollten, sobald der Krieg dort vorbei sei – diesen Gedanken Lindners, für den er im Wahlkampf viel Applaus erhält, hat die Kanzlerin schon im vergangenen Jahr formuliert.

Auf die Frage, wie Merkel es eigentlich finde, dass er sie so heftig attackiere, sagt Lindner, das wisse er nicht. Ihren nächsten persönlichen Termin hätten sie erst nach den Landtagswahlen. Er versuche aber, sagt Lindner, in seiner Kritik an Merkel immer weniger scharf zu sein als Sigmar Gabriel.

Und es kommt auf jedes Wort von Lindner an. Auf wohl keinen Parteichef war die FDP je so ausgerichtet wie auf ihn. Auch Guido Westerwelle war als Vorsitzender eine dominante Figur, doch zu seiner Zeit gab es in der Partei noch Skeptiker, Gegner, Intriganten. Jetzt nicht mehr. Lindner hat die Phase der Verzweiflung in der FDP genutzt, um als Anführer unverzichtbar zu werden. Sogar Wolfgang Kubicki erzählt gern, er habe mit Lindner einen Nichtangriffspakt bis zur Bundestagswahl 2017 geschlossen.

Lindner kämpft, er ackert, er absolviert ein wahnwitziges Pensum. In den drei Landtagswahlkämpfen hat er rund 250 Termine. Da will einer wieder nach oben, mit dieser Partei, das spüren sie in der FDP. Bei einem Auftritt im Kreisverband Verden schwärmt der Kreisvorsitzende zur Begrüßung, Lindner sei der erste Bundesvorsitzende, der sofort auf SMS reagiere, auch noch um Mitternacht.

Für eine Partei im parlamentarischen Abseits ist Lindner ein Glücksfall. Es gibt auch in den großen Parteien nur wenige, die es rhetorisch mit ihm aufnehmen können. Lindner redet frei, witzig, aggressiv. Er weiß, dass er Seriosität, Sachlichkeit, Kompetenz demonstrieren muss. Aber eben auch, dass es nie langweilig werden darf, wenn eine Partei, die nicht mitspielt, Aufmerksamkeit erzielen will.

Es gibt von Lindner rhetorische Glanzstücke, die im Netz längst Kultstatus erlangt haben. Das bekannteste: als Lindner im Düsseldorfer Landtag einen SPD-Abgeordneten, der ihn per Zwischenruf an seine gescheiterte Unternehmervergangenheit erinnert hat, in Grund und Boden rammt. Lindners Auftritt gerät zu einer spontanen Hymne auf die risikobereite Gründerexistenz und zu einer witzig-brutalen Bloßstellung des sicherheitsfixierten Kleingeistes, wie er, laut Lindner, vornehmlich im sozialdemokratischen Beamtenmilieu zu finden ist. Man kann an diesem Auftritt die Schlagfertigkeit des FDP-Vorsitzenden bewundern, seinen Humor, seine Angriffslust. Man kann aber auch studieren, wie ein mitreißender Redner sich an sich selbst berauscht. Der SPD-Mann, auf dessen Kosten sich Lindner da profilierte, war übrigens ein jahrelang erfolgreicher Manager. Ausgerechnet Lindner, der seit seinem 21. Lebensjahr Berufspolitiker ist.

Der Mann muss seine Partei verkaufen, und er hat die Mittel dazu. Aber auch sein Vorgänger Guido Westerwelle war ein brillanter Verkäufer. Und manchmal, wenn man für einen Moment die Augen schließt und Lindner zuhört, ist er wieder da, der alte Sound. Der Westerwelle-Sound. Zu laut, zu schrill, wie besoffen von sich selbst.

In Stuttgart beispielsweise, als er sich bei einem Neujahrsempfang zum Thema Bargeld in Rage redete. Lindner, der sich für den Kampf gegen die irrationalen Ängste der Deutschen zuständig fühlt, berauscht sich plötzlich an einer Verschwörungsfantasie, in der die Begrenzung von Bargeldzahlungen nur den ersten Schritt zu einer systematischen staatlichen Käuferüberwachung darstellt, an deren Ende grüne Amtsträger den Erwerb bestimmter Lebensmittel an die gesundheitlichen Voraussetzungen der Konsumenten knüpfen werden.

Selbst Lindner ist anfällig für altliberale Paranoia. Der seriöse Zug der neuen FDP leidet manchmal unter seiner rhetorischen Entflammbarkeit.

Das ist nicht nur ein Performance-Problem. Es ist auch eine Frage der politischen Selbstkontrolle. Wie heftig kann man auf die Kanzlerin eindreschen, ohne wie die Rechtspopulisten zu klingen? Wie viel Abstand zu rechts lässt sich halten, wenn man enttäuschte CDU-Wähler einsammeln will, denen Merkel längst viel zu links ist? Und fände der Satz, die Kanzlerin habe Europa ins Chaos gestürzt, nicht auch bei Pegida Beifall?

Lindners Versuch, seine FDP in der Flüchtlingsfrage zwischen CDU und AfD zu positionieren, ist extrem riskant. Er gefährdet, was Lindner nach dem Absturz geleistet hat. Nach der Bundestagswahl 2013 widerstand er der populistischen Versuchung. Damals war die Euro-Krise das zentrale politische Thema, und es galt durchaus als strategische Option, die FDP als politische Vertretung der Euro-Skepsis aufzustellen, als bürgerliche Protestpartei. Dass Lindner das verhindert hat, ist sein bislang größter Erfolg.

Auch von der AfD setzt sich Lindner entschieden ab. Eine Konkurrenz mit den Rechtspopulisten bestreitet er vehement. Deren Haltung sei "ressentimentbeladen und fortschrittsskeptisch". "Wer heute mit der AfD und ihren Sympathisanten einverstanden ist, kann uns nicht wählen", sagt Lindner.

Und doch bleibt die Frage: Wie nah kann man rhetorisch an die Populisten heran, ohne selbst populistisch zu werden?

Lindner ist sich der Gefahr bewusst. Bei seinen Auftritten versucht er immer beides: Angriff auf Merkel, Abgrenzung von der AfD.