Langsam neigt sich die Sonne am Himmel über Havanna. Da peitschen zerfranste Trompetenstöße durch den späten Nachmittag. Auf einem Parkplatz nahe der Plaza de la Revolución spielt sich eine kubanische Militärkapelle warm und übt noch einmal die österreichische Bundeshymne für die anschließende Zeremonie.

Vor dem Denkmal für den Poeten und Unabhängigkeitskämpfer José Martí hat sich eine achtzigköpfige Delegation aus Wien, die den Bundespräsidenten auf seinem Staatsbesuch begleitet, eingefunden. Sie beobachtet, wie eine militärische Ehrenformation die vier geschwungenen Treppenaufgänge des Monuments hochmarschiert und sich an den Mauerkanten positioniert. Ein wenig erinnert das Ballett in weißen Galauniformen an ein Hollywood-Musical aus der goldenen Studio-Ära. Tatsächlich verrät aber der theatralische Stechschritt, mit dem einige Soldaten anschließend einen Kranz zum Denkmal tragen, dass es wohl Ausbilder aus der DDR gewesen sein müssen, die einst mit ihren karibischen Genossen dieses große Potsdamer Ritual einstudiert haben. Heinz Fischer scheint von dem martialischen Auftritt allerdings nur mäßig beeindruckt zu sein. Gemächlich glättet er die rot-weiß-roten Schleifen und enteilt zu seinem Zusammentreffen mit dem kubanischen Präsidenten Raúl Castro in den nahen Palast der Revolution.

Es war die letzte große Auslandsreise des Bundespräsidenten, die ihn in der vergangenen Woche nach der Zuckerinsel auch in die kolumbianische Hauptstadt Bogotá führte. Über 20.000 Flugkilometer legte Fischer mit seinem Gefolge zurück, und die Gastgeber registrierten etwas verwundert, dass das Staatsoberhaupt mit Linienmaschinen anreiste. In Bogotá, heißt es, sei das bei einem vergleichbaren Anlass noch nie der Fall gewesen. Es war der einundsiebzigste Besuchstrip in der Amtszeit des Globetrotters an der Staatsspitze, und fast überall fungierte Fischer als Türöffner, der einer mitgereisten Wirtschaftsdelegation die Anbahnung von Geschäften erleichtern soll. Bereitwillig übernahm das Staatsoberhaupt stets die Rolle des wichtigsten Handelsvertreters der Republik. Es gehöre ja zu seinen Aufgaben, meinte er bei einem der Wirtschaftsforen, die häufig solch einen Besuch einleiten, "das Scheinwerferlicht immer wieder ein wenig auf Österreich zu richten". In der Präsidentschaftskanzlei schmückt deshalb auch ein Magazinartikel, in dem Fischer als der "2,5-Milliarden-Mann" angepriesen wird, eine Bürowand. Zu diesem Betrag summierten sich die Aufträge, die in den vergangenen zehn Jahren im Gefolge von Staatsvisiten bei österreichischen Betrieben eingegangen waren.

Der Besuch auf Kuba wird, im Unterschied zu dem aufstrebenden Kolumbien, diese Summe allerdings nicht wesentlich vergrößern. Die Handelsbilanz zwischen der Karibikinsel und der Alpenrepublik ist überschaubar, die Volumina von Aus- und Einfuhren betragen jeweils nur zehn Millionen Euro. Der österreichische Exportschlager auf dem regulierungssüchtigen Eiland ist das wichtigste Werkzeug der Bürokratie: Über 90 Prozent aller Stempel in Kuba, erzählen die Geschäftsleute stolz, stammten von einem Unternehmen aus Wels.

Die Österreicher wollen jedoch in der kommunistischen Mangelwirtschaft, die nach wie vor von bleierner Reformverweigerung gelähmt wird, rechtzeitig vor Ort sein. Nach dem Ende der Eiszeit zwischen dem Reich der trotzigen Revolutionäre und dem großen Nachbarn USA liegen hohe Erwartungen in der tropischen Luft. Vom bevorstehenden Besuch von US-Präsident Barack Obama, der Ende März mit seinem gewaltigen Tross einfallen wird, erwarten sich viele, Kubaner wie Besucher, Wunderdinge. Wirtschaftskammer-Vize Christoph Matznetter schwärmt bereits voreilig von einem "karibischen Tigerstaat", der da bald zum großen Sprung nach vorn ansetzen werde.

Auch die Casino AG hofft, dass in der einstigen Mafia-Oase bald die Kugel rollt

Da wollen sich die Österreicher jetzt schon vorsorglich andienen, die klapprige Infrastruktur zu erneuern. Ein Geschäftsmann bietet beispielsweise an, das marode Eisenbahnsystem auf Vordermann zu bringen, sogar ein Vertreter der Casinos Austria AG hat sich in der ehemaligen Mafia-Oase eingefunden. Man kann nie wissen, wann die Kugel wieder rollen wird.

Zumindest einen bescheidenen Erfolg können die Österreicher verbuchen: Die Kubaner unterschreiben ein Abkommen, in dem die Rückzahlung ihrer Altschulden in der Höhe von 100 Millionen neu strukturiert wird. Das entspreche, erläutert Kontrollbank-Chef Rudolf Scholten, dem Budget, das der Präsidentschaftkanzlei in den vergangenen zehn Jahren zur Verfügung gestanden war. Ein pikierter Blick verrät, dass das Staatsoberhaupt solch einen profanen Vergleich wenig passend findet.

Insgeheim dürfte jedoch auch ein anderes Motiv für die Reiseroute verantwortlich sein. Fischer hegt die heimliche Leidenschaft, die er vermutlich von seinem Mentor Bruno Kreisky geerbt hat, an historischen Augenblicken ein ganz klein wenig mit beteiligt zu sein. Mit dem umtriebigen Kanzler teilt er auch die Überzeugung, es müssten immer möglichst alle Gesprächskanäle offen gehalten werden. Da Fischer einen Mitgliedsstaat der EU repräsentiert, kommt seinen Besuchen auch größere Bedeutung zu, als es dem Gewicht des Kleinstaates Österreich entspricht. Ein Stellenwert, den sich der notorische Einmischer Kreisky erst kraft seiner Persönlichkeit erarbeiten musste.

Nun ist Fischer nach seinem französischen Kollegen François Hollande der zweite westliche Staatschef, der das Fenster, das sich durch die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Havanna und Washington aufgetan hat, zu nutzen weiß. Hinter Obama, witzelt ein kubanischer Diplomat, sei nun die Warteschlange bereits sehr lang, und da müssten sich jetzt viele Staatsmänner ganz weit hinten anstellen.

Auf Kuba ist Heinz Fischer auch kein Unbekannter. "Ich habe ja schon mit Ihrem Vater verhandelt", erzählt er etwa dem Außenhandelsminister Rodrigo Malmierca, "der ist mir in guter Erinnerung." Bereits 1980 hatte Kreisky seinen Vertrauten Fischer, damals Fraktionschef der SPÖ, in diplomatischer Geheimmission nach Havanna entsandt. Er sollte dem máximo líder Fidel Castro einen Brief überbringen, in dem europäische Sozialdemokraten die höchst ambitionierte Bitte äußerten, der Revolutionsführer möge auf die Sowjetunion einwirken, ihre Invasionstruppen wieder aus Afghanistan zurückzuziehen. Der nächtliche Besuch des roten Zuckerbarons dehnte sich bis drei Uhr früh, bis Fischer, der selten nach 23 Uhr zu sehen ist, die revolutionäre Plaudertasche vorsichtig und höflich zum Aufbruch mahnte.

Heinz Fischer verrät Raúl Castro, wie er den USA ein Schnippchen schlagen kann

Ausufernde Redseligkeit dürfte sich im Genpool der Familie Castro befinden. Diesmal weitete sich die Unterredung mit Bruder Raúl auf beinahe vier Stunden aus, in deren Verlauf der kubanische Staatschef "immer lockerer und freundschaftlicher" geworden sei, wie Fischer erzählt, als er zu ungewohnt später Stunde in das Hotel Nacional, einst die Residenz des legendären Mafia-Buchhalters Meyer Lansky, heimgekehrt ist.

Auch das Thema der internationalen Menschenrechtskonvention, die Kuba zwar unterzeichnet, aber nicht ratifiziert hat, habe er zur Sprache gebracht. Seine Gesprächspartner habe ihm aber entgegnet, es gebe auch ein Menschenrecht auf Bildung und Gesundheitsversorgung, das Kuba erfülle, und da fielen ein Dutzend politischer Gefangener nicht so sehr ins Gewicht. Im Übrigen würden die Yankees dieses Thema immer nur zur Sprache bringen, um den roten Störenfried auf die Anklagebank zu setzen. "Da habe ich zu ihm gesagt", plaudert Fischer aus dem Gesprächsmarathon, "jetzt haben Sie da eine ausgezeichnete Möglichkeit, den USA eine Waffe aus der Hand zu schlagen."

Ähnlich wie in Kuba könnte es auch in Kolumbien, der zweiten Station von Fischers Lateinamerika-Tour, demnächst zu einem großen Umbruch kommen. Ein kurz bevorstehendes Abkommen, über das seit drei Jahren in Havanna verhandelt wird, soll nach 50 Jahren erbittertem Bürgerkrieg mit den linken Narco-Guerilleros der Farc das Land befrieden. Dadurch, so hofft die diplomatische Vorhut der wirtschaftlichen Expansion, könnten sich künftig ökonomische Möglichkeiten ergeben. Neuerlich ist es aber weniger schnödes Business, das Fischers Fantasie beflügelt, sondern das Gefühl, die Nase in einen historischen Prozess stecken zu können. Noch einmal dabei sein vor dem Ende einer langen Dienstfahrt.

Als Fischer in Havanna im Revolutionsmuseum, das sich in dem ehemaligen Präsidentenpalast befindet, auf den Balkon hinaustritt, erklärt ihm sein Guide, von dieser Stelle hätten schon Fidel und Che zu den Hunderttausenden auf dem Vorplatz gesprochen. Da macht der scheidende Bundespräsident einen Schritt hin zur Brüstung, legt beide Hände auf die steinerne Deckplatte. Für einen Augenblick scheint er in ein imaginäres Menschenmeer zu blicken, und eine Wolke der Verklärung huscht über sein Gesicht.