Ein wackliges Wunder. Ich weiß sofort, was Enzensberger meint. Habe es direkt vor Augen. Oder doch nicht ganz. Ein schaukelndes Wunder, das trifft es eigentlich besser. Oder auch nicht ganz. Denn das Wunder rührt sich ja gar nicht. Nur ich selbst schaukele vor mich hin im Takt des angejahrten Bootes der Star-Ferry-Line, das von Kowloon nach Central übersetzt, vom Festland-Hongkong nach Hongkong Island. Die breit am Ufer ausgestreckte Skyline rückt langsam immer näher, wächst immer höher. Hinter den Häusern ist wie ein enormer Stehkragen die Hügelkette der Insel aufgespannt. Und zwischen dem sanften Gewelle in der Bucht und dem sanften Gewelle auf den Hügeln springt es einen direkt an: wie krass doch die Stadt hier in die Natur hineingeklotzt wurde, wie gewaltig sie gegen sie aufsteht, jeder neue Wolkenkratzer eine Machtgeste mehr.

Als wäre das Millionenstadtmonster gerade erst frech gelandet, ein kolossales Biest aus Stein, Stahl und Glas. Bald verblasst diese leicht verrückte Vision. Denn schon ein paar Minuten später legt das Boot an, und alle Passagiere werden von einer langen, über verschiedene Kreuzungen hinwegreichenden Fußgängerpassage aufgenommen und einige Hundert Meter weitergeschleust ins wimmelnde Innenleben des Biests: Bürotürme, wieselnde Passanten, Reklametafeln und mehrspurige Straßen voller Taxis, Busse und Trams.

Ich bin angekommen, mittendrin im too much. Noch leicht desorientiert, schon leicht aufgekratzt. In Enzensberger-Laune.

Ich habe keine Ahnung, warum der Dichter vor knapp zwanzig Jahren in der Stadt war. 1997 überließen die Briten ihre 1843 gegründete Kronkolonie den Chinesen. Aber das Gedicht handelt nicht von der Übergabe. Eher vom Staunen. Man muss sich Hans Magnus Enzensberger als einen glücklichen Touristen vorstellen. Beeindruckt, begeistert, berauscht. Er ist womöglich, wie fast alle Hongkong-Besucher, nur für ein paar Tage in die Stadt gekommen. Er lässt sich treiben, schaut, riecht, lauscht, sinkt zwischendurch ermattet in die Kissen. Er hat den Jetlag nach der Ankunft kaum überstanden, schon fliegt er weiter oder zurück. Danach schwirrt ihm ein Best-of der Hongkonger Eindrücke im Kopf herum. Das trägt er im Gedicht zusammen. Sich selbst lässt er raus aus dem Text. Aber man erkennt ihn doch. Er ist einer von uns, ein schwärmender Tourist, ganz einfach geflasht.

Ob man heute noch dieselben Elemente ins lyrische Mobile hängen würde? Wichtiger ist Enzensbergers Blick, das schweifende, auch mal kopfschüttelnde Schau-mal-hier, Guck-mal-da, das dieses Gedicht beherrscht und das jeder neugierige Reisende kennt. Darauf habe ich es eher abgesehen als auf die billigsten Hosen. Wenn meine eigene kleine Durchreise in ähnlicher Stimmung zu Ende ginge wie Enzensbergers Hoch auf Hongkong, wäre ich unbedingt zufrieden.

Ich könnte also einfach draufloslaufen – aber dann zupft mich doch gleich ein Vers an der Schulter: Hast du das "Geheul an der Börse" vernommen? Die Börse ist nämlich ganz in der Nähe. Im doppeltürmigen IFC, dem International Finance Center, muss ich nur erst die richtigen Etagen finden. Ein freundlicher Angestellter führt mich herum. Ruhig ist’s auf den Fluren. Im großen Börsensaal sitzt höchstens ein Dutzend Händler vor den Bildschirmen und scannt lässlich die charts. Geheul? Allenfalls wäre ein Gähnen zu befürchten. Sollten hier nicht Hunderte Broker in aufgeputschtem Ton und mit wilden Handzeichen zugange sein? Der Angestellte lächelt nachsichtig: "Der Parketthandel wurde vor 15 Jahren eingestellt. Inzwischen läuft alles elektronisch." Oh. Auf dem Weg hinaus sehe ich eine rote Händlerweste hinter Glas, präsentiert wie ein Stück historische Uniform. Innerlich verschiebe ich lange gespeicherte Börsentumultbilder (wahrscheinlich aus Hollywood) in den Papierkorb.

Ist das Gedicht vielleicht auch, was es selbst über die Stadt sagt: ein Hirngespinst, eine Halluzination – etwas, das man nicht zu fassen kriegt? Andererseits fühlt man sich auf der Straße bald wieder im Einklang mit Enzensbergers Beat, schon durch die Wucht des brachialen Geschachtels, in das man ständig tief hineinstarrt, weil sich Fünf-, Zehn-, Zwanzig- und Vierzigstöcker entlang der Fluchten oft zu fantastischen Ensembles zusammenschieben. Hinter jeder Biegung können neue riesenhafte Riegel auftauchen. Viele sind atemberaubend schmal, tragen merkwürdig herausgepoppte Fensterrahmen, wohl um in den winzigen Apartments noch ein Kubikmeterchen Extra-Luft zu gewinnen. Von außen betrachtet eine bizarre Haut-und-Knochen-Optik am Bau, als schmiegten sich die Mauern wie Vakuumverpackungen um die Wohnwabenstapel. Stundenlang könnte man den Blick um die Türme, durch die Straßenschluchten tanzen lassen. Ach was, stundenlang tue ich genau das. Bleibe ständig stehen, mit gekipptem Kopf, schwenke langsam herum, genieße das große Tohuwabohu.

Wo Baugerüste stehen, sind sie tatsächlich noch immer aus Bambus, egal, wie hoch sie in den Himmel ragen. Nur mit schmalen schwarzen Faserbändern sind die Stämme aneinandergebunden. Mächtige Gitterwerke, wie ein letzter Rest Dschungel, der sich behauptet zwischen Asphalt und Beton. Die "Erbauer dieser Stadt" sehe ich allerdings nur einmal. Da turnen sie auf halber Höhe an einem 40-Stöcker herum, dessen Gestänge sich an manchen Stellen gefährlich ausbeult. Nix gefährlich, sagt die Frau vom Sicherheitsdienst am Bauzaun. Sie will niemanden herabbeordern, zeigt aber auf dem Smartphone Bilder von ganz oben: Ihr Lieblingsarbeiter posiert im Bambus, im Himmel, die Stadt zu seinen Füßen, ohne Sicherungsgurt. Ein alphabetisierter Akrobat übrigens.