DIE ZEIT: Jiddisch wurde einst von Juden in weiten Teilen Europas gesprochen. Auch wenn man es heute selten hört: Mit Ihrem Buch erinnern Sie uns daran, dass die Sprache noch unter uns ist.

Christoph Gutknecht: Wenn wir darüber reden, dass einer "Stuss" von sich gibt, jemand mit seiner "Chuzpe" beeindruckt oder es Zeit wird, wegen irgendwelcher "Gauner" die "Polente" zu holen, dann sind wir schon mittendrin im Jiddischen.

ZEIT: Woher kommt die Sprache?

Gutknecht: Entstanden ist sie zwischen Speyer und Köln im 11. Jahrhundert. Sie ging aus dem Mittelhochdeutschen hervor und reicherte sich mit westgermanischen, hebräischen, aramäischen, romanischen und slawischen Elementen an. Es handelt sich keineswegs um vermasseltes Deutsch oder ein Gauneridiom. Ein Dialekt ist es auch nicht, sondern eine individuelle Sprache. Der Linguist Max Weinreich nannte sie eine Schmelzsprache.

ZEIT: Haben sich Inhalte verändert? Entspricht der deutsche "Gauner" dem jiddischen "Gauner"?

Gutknecht: Das Wort – mancherorts "Jauner" – hat eine bewegte Geschichte. Ab 1547 bezeichnete "Joner" im Niederländischen den "Betrüger". Als Ursprung galt das hebräisch-aramäische Verb janah ("beim Geschäft übervorteilen"). Doch ein Philologe stellte klar: Gauner geht auf das hebräische jawān zurück. Das bezeichnet den "Ionier" respektive den Griechen.

ZEIT: War es da schon abwertend gemeint?

Gutknecht: Ja, es bezog sich auf die nach der türkischen Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 heimatlos umherziehenden Griechen. Und im jüdischen Jargon stand es für "Falschspieler" – analog der Bezeichnung grecs im Französischen.

ZEIT: Gibt es deutsche Wendungen, die nichts mehr mit der jiddischen Bedeutung zu tun haben?

Gutknecht: Oh ja, Künstler und Sportler wünschen sich gerne Hals- und Beinbruch.

ZEIT: War die Formel etwa mal böse gemeint?

Gutknecht: Nein, der Irrtum lag im alten Aberglauben, wonach man das Gute nur herbeibeschwören kann, indem man sich scheinbar das Böse wünscht. Doch hier handelt es sich nicht um so eine ironische Verdrehung, sondern um Hebräisch. Im Jiddischen hieß es hazlóche un bróche (in etwa "Erfolg und Segen"). So wird es heute noch verwendet. Deutsche Zuhörer aber missverstanden die Glücksformel und bewahrten sie in verballhornter Form als "Hals- und Beinbruch".

ZEIT: Auch Jiddisch, vermute ich, entwickelt sich weiter. Kommen heute moderne Wörter dazu?

Gutknecht: Natürlich. Auf einer Konferenz stellte man zum Beispiel fest, dass die schraijbmaschinke gegenüber dem shleptop an Boden verliert.

ZEIT: Schreibmaschine und Laptop?

Gutknecht: Korrekt. Es gibt viele Neuprägungen des Elektronikzeitalters. Über das internetz verschicken wir blitzpost – E-Mails. Eine webart ist eine Webseite. Hübsch auch das neujiddische Wort für Musik-CD.

ZEIT: Ich hab grad kein Wörterbuch zur Hand.

Gutknecht:Kompaktl. Und darauf ist zum Beispiel eine singerei zu hören – ein Popkonzert.

ZEIT: Stirbt die Sprache trotzdem?

Gutknecht: Es gibt zuversichtliche Töne. Besonders in den USA kehrt die mameloschn in den Alltag junger Juden zurück – mit neuen Wörtern und uralten jiddischen Rückkehrern. Ein Brötchen heißt dort bejgl.

Christoph Gutknecht: Gauner, Großkotz, kesse Lola. Deutsch-jiddische Wortgeschichten; be.bra Verlag, Berlin 2016; 256 S., 14,– €