Eisblauer Himmel. Nur über dem dunklen Grat des Habichtwaldes noch ein vager Nebelstreif. Die Sonne strahlt, reines Messing, was für ein Sommertag! Doch darunter alles weiß. Silberner Schnee, so weit das Auge reicht. Der ganze Bergpark, die Wasserläufe, Schloss Wilhelmshöhe, das bis 1798 Weißenstein hieß – alles in weißen Pelz gehüllt. Und die schier endlose Allee, die gleichsam linealisch von ganz oben, von der gewaltigen Bronzestatue des Herkules hoch über dem Park quer durch das Schloss hinunterführt, immer weiter, bis nach Kassel, das wie von zartem Dampf verschleiert ... und im Dunst die fernen Dächer friedsam, der Türme Wipfel ...

Hölderlin aber, darf man ihn so verstehen?

Darf man sagen: Dies ist der Ort, hier war es? Im Sommer 1796? Diotima an seiner Seite? Und Diotima, die Diotima aus dem Griechenland-Roman Hyperion, das ist sie? Susette Gontard, die Bankiersgattin in Frankfurt am Main, die Geliebte? Und das Land und die Rosen – das ist hier? Der See, das ist der Lac unterhalb des Schlosses, und das ist die Roseninsel? Und die Mauern –

An Hölderlins Ort: Da heißt es, allen Mut zusammenzunehmen. Die innige Gemeinde, die hohen Priester und H.-Nerds mahnen, zürnend bald, zur Demut. Schließlich gibt es zu jedem seiner Kommas inzwischen eine Dissertation. Nur still ins Gebet vertieft, in die heiligen Gesänge und Fragmente des Meisters versunken, darf der Unwürdige selbst ein zages Wort wagen.

Doch wir folgen furchtlos dem mächtigen Exegeten und Hölderlin-Theologen D. E. Sattler, der zu Beginn der siebziger Jahre sein epochales Editionswerk just hier in Kassel begann, die Werkausgabe in zwanzig und mehr Bänden. Und der die Stadt wiederfand im Griechenland des Hyperion, dort heißt sie Kalaurea, und der auch diese 14 Zeilen hier verortete, im Bergpark von Wilhelmshöhe: Hälfte des Lebens.

... im Sommer 1796. Doch nun ist es Winter, unter Schnee liegt das Land. Vom See hinauf, vom Schloss über die Wiesen und Hügel, über die Kaskaden bis zum Herkules atmet der Park sanft schlafend in weißem Gewölk. Eisbedeckte Tempeldächer ragen aus dem Geäst und die verschneiten Mauern künstlicher Ruinen. So mischen sich die Zeiten.

So dräut barocke Macht neben dem heiteren Rokoko der Aufklärung, neben efeuumseufzter Romantik. Mehrere Generationen hessischer Fürsten ließen seit 1606 an diesem Gesamtkunstwerk schaufeln und schichten, setzten eine Armee von Arbeitssklaven in Marsch, ein pharaonisches Wunderland in den wilden hessischen Wald zu treiben.

Des Sommers springen hier die Wasser und die Touristen, vor allem seit 2013, seit Schloss und Park Unesco-Welterbe sind. Mittels des alten Dränagesystems wird das Wasser aus den umliegenden Hainen herbeigeführt. Zu den festgesetzten Zeiten von den Wassermeistern losgelassen, schießt es aus den künstlichen Quellen in die hängenden Gärten des Parks.

Sprudelnde Brunnen und Bäche bilden sich, durch Grotten, Bassins, Kanäle stürmt das Wasser und stürzt, mal in steiler Schlucht, mal in breiter Flucht, von Klippe zu Klippe geworfen, über hohe Steinstufen und ein pseudoantikes Aquädukt hinab zu Tal, wo es zunächst ein weiter Teich empfängt, mit einer geysirschäumenden Fontäne, und bald darauf der stille See, der Lac. Aber auch undressiert ist das Wasser stets gegenwärtig. Selbst jetzt, in der großen weißen Stille des Wintertags, hört man es flüstern und glucksen. Über und unter dem Schnee, zwischen dem Eis und den glitzernden Steinen.

... Abbild gleichsam von des Dichters Werk: mäandernd, gewaltig, in himmelnden Satzbögen aufsteigend. Dann wieder in Kaskaden fallend und endend in murmelndem Zerrieseln. Ein sehnsüchtiger Bach, ein dunkler Weltenstrom. So sammelten sich auch die Wortbilder von Hälfte des Lebens. Hier und dort, in diesem Entwurf und jenem Fragment, findet sich eine Zeile, die vollendete Handschrift ist verschollen. Im Dezember 1803 sendet der Autor das Gedicht zusammen mit acht weiteren "Nachtgesängen" an den Frankfurter Verleger Friedrich Wilmans, als Beitrag zu dessen Taschenbuch für das Jahr 1805. Der Liebe und Freundschaft gewidmet.

Einige Zeitgenossen begriffen ergriffen, andere fanden die reimlosen Strophen wirr und lächerlich. Nach 1807, als Hölderlin für "krank" erklärt worden war und im Tübinger Neckarturm der Welt allmählich verloren ging, glaubte man in diesem Gedicht erste Spuren seines "Wahnsinns" zu entdecken oder hielt es gar für das lose Überbleibsel eines größeren Textes.

Doch dann begann man zu verstehen. Plötzlich las man, deutete Hälfte des Lebens in vielerlei Weise, auch poetologisch, als das Manifest absoluten Dichtertums, vertonte es etliche Male und druckte es in die Lesebücher. In der existenzialistischen Nachkriegszeit erfuhr es eine atemraubende Karriere und ist heute wohl das populärste Hölderlin-Gedicht überhaupt.

Vielleicht ... war es so. Der junge Mann aus Württemberg, der den Vater früh verloren hatte, der nach dem Wunsch der Mutter Pfarrherr werden sollte, der aber Dichter war. Der sich durchschlug. Der sich nach Frankfurt am Main vermitteln ließ, in das Haus des Kaufmanns Gontard. Reiche Leute, aus Hamburg stammend, hugenottischer Herkunft. Susette, griechisch schön, ist 27, als sie sich zu Beginn des Jahres 1796 begegnen, und bereits vierfache Mutter. Magister Hölderlin, 26 Jahre, soll sich um den Ältesten kümmern, den neunjährigen Henry. Es trifft sie, wie allein das Glück treffen kann, die Liebe und das Verhängnis.