Dem Ausgang der Wahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt blicke auch ich voller Spannung entgegen und bin zugleich froh, dass ich in Hamburg lebe und mein Votum nicht gefragt ist. Ich wüsste nämlich nicht, welcher Partei ich meine Stimme gäbe, und es könnte gut sein, dass ich mich der Wahl enthielte – zum ersten Mal in meinem Leben. Mein Dilemma besteht nämlich darin, dass ich keine Partei sehe, die meine Wertmaßstäbe vertritt. Ich bin konservativ, und der konservative Gedanke ist heimatlos geworden.

Um das zu verstehen, können wir uns einen historisch informierten und insofern aufgeklärten Konservativen vor Augen führen, der in vielen gegenwärtig diskutierten Fragen eine vom herrschenden Diskurs abweichende und von keiner Partei vertretene Meinung hegt. Nennen wir stellvertretend drei Beispiele.

Dieser Konservative ist erstens der Meinung, dass der im Grundgesetz garantierte Schutz von Ehe und Familie für das aus ehrwürdiger Tradition stammende Modell heterosexueller Eltern und ihrer auf natürliche Weise gezeugten und geborenen Kinder gedacht ist. Das Institut "Ehe und Familie" auf alle möglichen Kombinationen und auf diverse Reproduktionstechniken auszudehnen hält er für falsch. Zwar begrüßt er die Freiheit zu Partnerschaften jeglicher Variation. Ihnen jedoch den Status der Ehe zuzuerkennen verstieße gegen den Gedanken der Verfassungsväter: Der Staat soll Ehe und Familie schützen, weil ihm daran gelegen sein muss, die Generationenfolge zu erhalten.

Die Generationenfolge sorgt dafür, dass jedes Kind seine Abstammung kennt und in der Kette der Fortpflanzung seinen erkennbaren Platz findet. Und sie sorgt, jedenfalls der Idee nach, für den Ausgleich von Geben und Nehmen: Was ich von meinen Eltern an emotionaler und materieller Zuwendung erfahren habe, gebe ich an meine Kinder weiter. Es stimmt, dass diese Idee schwach geworden ist, doch folgt daraus nicht, man dürfe sie dadurch weiter schwächen, dass man alle Lebensformen einander gleichstellt. Der Konservative weiß, dass er mit dieser Ansicht zu einer Minderheit zählt, aber er glaubt, dass er ein Recht dazu hat, und er sieht keine Partei, mit Ausnahme versprengter Einzelner, von der er sich verstanden fühlt.

Unser gedachter Konservativer ist – zweitens – mit der Verfassung dieses Landes höchst einverstanden. Er glaubt, dass Deutschland noch nie ein derart demokratisches und relativ gerechtes Land gewesen ist, und er beobachtet deshalb voller Misstrauen, dass der Bundestag, den er gewählt hat, Zuständigkeiten an Gremien der EU, die er nicht gewählt hat, abzugeben bereit war. Er hat den Verdacht, dass die Euro-Rettung, die längst nicht gelungen ist, sowohl dem Grundgesetz wie auch der europäischen Verfassung widerspricht. Er findet, dass das Projekt, die europäischen Länder immer mehr miteinander zu verflechten, sogar eine gemeinsame Außen- und Finanzpolitik zu etablieren, in die Irre geführt hat. Europa könnte froh sein, wenn es ein halbwegs funktionierender Staatenbund wäre (wovon es weit entfernt ist). Zum Bundesstaat, den manche sich erträumen, kann es niemals werden, weil er ein funktionierendes gemeinsames Parlament voraussetzen würde und dieses wiederum eine europäische Öffentlichkeit, folglich eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Erfahrungen und Interessen. Wiederum fragt sich unser Mann, wo denn eine Partei wäre, die seiner Skepsis Ausdruck gäbe.