Bisweilen müssen sich Politiker mit echten Drecksthemen befassen. Am kommenden Montag etwa, wenn der Agrarausschuss des Bundestags die Reform des Düngerechts diskutiert. Es geht um Gülle. Urin und Kot von Schweinen, Rindern, Hühnern, den Bauern auf ihren Feldern ausbringen – und der sehr umstritten ist.

Nährstoffe! Sagen Landwirte, die mit der Gülle ihre Äcker fruchtbar machen wollen.

Gift! Sagen Umweltschützer, die schädliche Folgen für das Grundwasser beklagen.

Scheißdreck! Sagen Anwohner, denen der beißende Gestank auf die Nerven geht.

Recht haben sie alle. Das macht den Umgang mit dem Zeug so schwierig. Jahrelang hat Deutschland das Thema ignoriert. Deswegen befinden sich heute 82 Prozent aller Seen und Flüsse sowie 36 Prozent aller Grundwasservorkommen nicht in dem von der EU-Kommission geforderten "guten ökologischen Zustand". Die Novelle des Düngerechts, die in Berlin gerade verhandelt wird, soll Strafen aus Brüssel eigentlich abwenden. Doch die Bundesregierung hat längst zugegeben, dass durch die Reform gar "nicht sichergestellt werden kann, dass für alle betroffenen Wasserkörper ein guter ökologischer Zustand erreicht wird".

Einen Vorteil hat die Debatte trotzdem: Sie lässt erahnen, wie vertrackt das Problem wirklich ist. Dass es beim Gewässerschutz nicht nur um die Ausscheidungen von Millionen Nutztieren geht, sondern auch um Abfälle der Biogasproduktion und um die Interessen der Chemieindustrie.

Zu denen, die das Problem lösen könnten, gehören Menschen wie Georg Südholt. Der 38-Jährige ist gelernter Landwirt, er hat Betriebswirtschaft studiert und arbeitet heute auf dem elterlichen Hof bei Coesfeld im Münsterland. Bis zur niederländischen Grenze sind es nur wenige Kilometer, auch Niedersachsen ist nah. Das zum Hof gehörende Land jedoch hat Südholt verpachtet. Er geht jetzt einer zukunftsträchtigeren Beschäftigung nach: dem Güllehandel. "Das Geschäft entwickelt sich gut", sagt er.

Sieben feste Mitarbeiter hat das Nährstoffkontor Westmünsterland, so heißt sein Unternehmen. Ein Dutzend firmeneigene Tanklaster holen Gülle von den Viehbetrieben und verteilen sie an die Ackerbauern. Alle Fahrzeuge sind mit iPads ausgestattet. "Ich habe eigens eine App entwickeln lassen, damit ich unsere Nährstoffströme ständig im Blick behalten kann", sagt Südholt. So weiß er immer, welcher Landwirt welche Sorte Gülle abgeben will und wer gerade etwas sucht. Das ist seine Marktlücke. Google Maps hilft ihm dabei, die Fahrten seiner Tankwagen in Echtzeit zu optimieren. Güllehandel ist Hightech.

Das Wasserproblem kennt Südholt. Gülle enthält Stickstoff, den Pflanzen zum Wachstum benötigen. Im Boden wird dieser jedoch in Nitrat umgewandelt. Was nicht von den Pflanzen aufgenommen wird, versickert im Boden oder wird durch Regen fortgeschwemmt. So gelangt Nitrat ins Grundwasser. Dort stört es das ökologische Gleichgewicht, im menschlichen Körper kann es zudem zu gesundheitsschädlichem Nitrit werden. Südholt ist davon überzeugt, dass die aktuellen Probleme viel mit Sünden aus der Vergangenheit zu tun haben. Vor 20 bis 30 Jahren hätten die Bauern noch weit mehr gedüngt als nötig, sagt er. Mittlerweile seien sie sparsamer, "es wird aber noch dauern, bis man das an den Wasserwerten merkt".

Umweltschützer sind skeptisch. Der Verband BUND schätzt, dass es jährlich bis zu 25 Milliarden Euro koste, sauberes Trinkwasser zu garantieren. Man müsse es aus tieferen, unbelasteten Schichten fördern. Als Kern des Problems gilt Umweltschützern die Massentierhaltung. Deutsche Landwirte produzieren mit 12 Millionen Rindern, 28 Millionen Schweinen und 177 Millionen Hühnern mehr Fleisch, als hierzulande gegessen wird. Zugleich geben die Tiere gewaltige Mengen an Kot und Urin von sich.

Was damit eigentlich genau passiert, haben sich vor Kurzem die Landesregierungen von Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein gefragt. In Nährstoffberichten versuchen sie zu ermitteln, wie viel Gülle bei ihnen anfällt und wo sie ausgebracht wird. "Die Nährstoffströme sind riesig und unglaublich nebulös", heißt es aus einem der beteiligten Ministerien. In Niedersachsen ist die Nitratbelastung dort besonders hoch, wo besonders viel Vieh gehalten wird. Entlang der Ems etwa. Die Bundesregierung sieht für die Ems einen "Reduktionsbedarf" von 48 Prozent des Stickstoffs. Kein Fluss hat schlechtere Werte.

Im Nährstoffbericht von Niedersachsen befindet sich auch eine Karte, in der alle 46 Landkreise farbig markiert sind. Sie soll zeigen, wo die Obergrenze bei der Stickstoffdüngung eingehalten wird, wo es knapp wird und wer sie überschreitet. Die Karte sieht gut aus: Fast alle Landkreise sind grün markiert, zwei gelb – nur einer leuchtet rot. Der Landkreis Vechta. Ein Hotspot der Massentierhaltung.

In Wahrheit ist die Karte nutzlos. Ihre Datenbasis enthält nur Stickstoff aus tierischer Herkunft. Das ist geltendes Recht. Abfälle aus Biogasanlagen sind nicht berücksichtigt, obwohl sie genau wie Gülle als Stickstoffdünger benutzt werden. Sie belasten genauso das Wasser – nur nicht die Bilanz.

Das neue Düngerecht soll das ändern. Die Niedersachsen haben daher eine zweite Karte erstellt. Eine, die den Stickstoff aus Gärresten mit umfasst. Statt einem leuchten nun sieben Landkreise rot. Biogasanlagen, so hat die Landesregierung errechnet, tragen bereits ein Fünftel zur gesamten Stickstoffbelastung der Gewässer bei.

Messungen des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbands deuten schon lange in diese Richtung. So seien die Nitratwerte in einem Wasserschutzgebiet nordöstlich von Vechta bis 2006 stetig gesunken, berichtet das Versorgungsunternehmen, seither aber wieder gestiegen. Etwa zur selben Zeit habe die starke finanzielle Förderung in der Gegend einen Investitionsboom bei Biogasanlagen ausgelöst. Und dann haben die Bauern eben doch wieder mehr gedüngt. Aber offenbar nicht mit Gülle.

Der Verdacht ist politisch heikel. Denn Biogasanlagen gelten als Beitrag zur Energiewende. Sie sind viel beliebter als riesige Tierfabriken.

Die Massentierhaltung ist dabei bloß Folge eines Prozesses, der innerhalb von Jahrzehnten zu immer spezialisierteren und immer größeren Agrarbetrieben geführt hat. Nur noch in der Theorie ist jeder Hof eine Einheit für sich, wo der Bauer mit den Ausscheidungen seiner Tiere die eigenen Felder düngt, auf denen wiederum das Futter wächst. Das kann funktionieren, solange die Zahl der Tiere auf dem Hof zur Größe der Äcker und dem Bedarf der Pflanzen passt. Was aber kaum mehr der Fall ist.

Spezialisierung und Wachstum sparen Kosten. Das ist ein ökonomisches Prinzip. Deswegen sind große Mengen Tiere heute oft an wenigen Orten konzentriert, während die großen Ackerflächen weit entfernt liegen. Verbunden sind Land und Tier nur durch Lastwagen: Die Ver- und Entsorgung ist minutiös durchgetaktet, ob es um Futter geht oder die stinkenden Überbleibsel. "Wenn ich angerufen werde, um den Mist aus einem Geflügelstall zu holen, bleiben mir dafür manchmal nur sechs Stunden", sagt Südholt. "Anschließend wird der Stall gewaschen und sofort wieder neu besetzt, sonst lohnt sich das für den Mäster gar nicht."

Die Scheiße muss weg. Schnell. Und je mehr, desto weiter. Allein in Niedersachsen werden heute 34 Millionen Tonnen Dünger jährlich zwischen verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben hin- und hergefahren. Das entspricht der Kapazität von gut einer Million Tankwagen. Und es dürfte noch mehr werden, wenn die neuen Regeln die Bauern zu sparsamerer Düngung zwingen. Güllehändler Südholt erwartet, dass seine Tanker bald länger und weiter unterwegs sind. "Unser Aktionsradius dürfte noch größer werden", sagt er. "Vor zehn Jahren haben wir nur im Umkreis von 50 bis 60 Kilometern geliefert. Heute beliefern wir schon ganz Nordrhein-Westfalen. Manchmal fahren wir bis nach Ostdeutschland, wenn wir auf dem Rückweg etwas mitnehmen können und keine Leerfahrten haben." Leere Tankwagen sind schlechte Tankwagen, auch das ist ein ökonomisches Gesetz. Die Scheiße muss rollen. Über Feldwege, Landstraßen, Autobahnen.

Politisch sind derzeit noch einige Punkte der Gesetzesnovelle umstritten: Details zur Bilanzierung der Güllemenge, Zugriffsrechte von Behörden auf diese Daten, die Höhe von Bußgeldern sowie die Frage, ob Güllehändler wie Südholt künftig zertifiziert werden sollen. In jedem Fall müssen die Landwirte mit höheren Kosten rechnen. Das Bundesministerium für Landwirtschaft hält den Mehraufwand mit 56 Millionen Euro pro Jahr für überschaubar. Manche Bauernverbände erwarten annährend das Zehnfache.

Leicht wird diese Reform nicht. Die Interessen sind zu verschieden.

Die Agrarindustrie warnte bereits vor Versorgungsproblemen und verwies auf Dänemark. Wegen strenger Düngeregeln tauge der dortige Weizen bloß noch als Viehfutter. Zudem sei er "rund zehn Euro pro Tonne billiger als deutscher Qualitätsweizen", ließ der Saatgutkonzern Syngenta eine Agrarwissenschaftlerin vorrechnen. Eine klare Botschaft an die Politik.

Sogar das Leid der Flüchtlinge wird mittlerweile als Argument im Düngerstreit instrumentalisiert – etwa durch den CDU-Abgeordneten Johannes Röring in einer Plenarrede Ende Februar. Gerade jetzt müsse man das Maximum aus den Äckern herausholen, sagte der Politiker, der auch Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands ist: "Wir haben viele Sorgen um unsere neuen Bürger in unserem Land", sagte er, "aber niemand spricht darüber, wie wir sie ernähren sollen."

Etwas sprach aber auch Röring nicht an, und nur wenige andere tun es: Dass es außer Gülle und Gärresten noch eine dritte Ursache für die hohen Nitratwerte im Wasser gibt – den Mineraldünger. Anders als Gülle stinken die kleinen Kügelchen nicht, sind aber ein klassisches Industrieprodukt. Um sie herzustellen, braucht man Luft, Erdgas, Öl, oft auch Phosphatgestein und Kaliumsalze. Betrachtet man lediglich die jeweiligen Stickstoffanteile, spielt Mineraldünger auf niedersächsischen Äckern eine ähnlich große Rolle wie Gülle und Gärreste zusammen. Mineraldünger ist ein bedeutender Teil des Problems mit dem Grundwasser.

Wer das Wasser schützen will, muss also nicht nur weniger düngen und den vorhandenen Dünger anders verteilen. Er muss auch sagen, welchen Dünger er künftig verwenden will. Für die Gülle spricht, trotz des Gestanks, ein Argument: Sie ist da. In riesigen Mengen.

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