* 6. Dezember 1929 - † 5. März 2016

Wenn man 86 sei, dann dürfe man wohl auch ein bisserl klapprig werden, meinte er bei meinem letzten Besuch bei ihm in St. Georgen Ende Januar. Er saß aufrecht, wie immer in seinem alten Sessel, nur das Gehen fiel ihm zunehmend schwer. Das war ungewöhnlich für den großen, agilen Mann, den geübten Kletterer und Segler, den Instrumentenbauer, den unermüdlichen Dirigenten und Forscher am pulsierenden Herzen der abendländischen Musik. Ein Mensch so voller unbändiger Energie wie kaum einer, er war ja streitlustig, er konnte trefflich raufen, wenn es um Sichtweisen, Interpretationen oder verschlampte Traditionen ging. Dann stach sein Zeigefinger in die Luft, die Augenbrauen kündigten ein Donnerwetter an, und er stieß ein fürchterliches "Woher wissen Sie das?" dem Disputanten ins Hirn, dass dieser erschrak! O weh, Nikolaus zürnte!

So hat er viel gestritten schon im Wien der fünfziger Jahre und anderswo, als er und seine verschworenen Freunde sich zusammenfanden, um die kostbarsten, schönsten Schätze der Musik wieder zu heben und zu retten: Schätze aus der unglaublichen Welt des Barocks mit seinen Heroen Monteverdi, Bach und Händel und damals noch vielen fast unbekannten Komponisten wie Telemann. Diese Orchestermusiker gründeten bald eine ganz ungewöhnliche Gruppe, nannten sich Concentus Musicus Wien (was so viel wie "Zusammenspiel" heißt), und eine lange Karriere begann. In 60 Jahren zogen sie um die ganze Welt und hinterließen überall neugierige Musiker, die ähnliche Gruppen gründeten. Viele Instrumentalisten wandten sich der Erkundung der Alten Musik zu. Harnoncourt und seine Mitstreiter hatten eine musikalische Revolution angezettelt, mit ungeahnten Folgen!

Sie wurden freilich als Spinner beschimpft, das Musikestablishment hohnlachte, besonders im schlampigen Wien des Altnazis Dr. Böhm: Allesamt Spinner, die durch staubige Scheunen krochen, um barocke Musikinstrumente zu finden, die auf Auktionen liefen und boten oder alte Folianten entzifferten und Instrumente nachbauten, die es nicht mehr gab. Ein Zöllner aus Graz, hieß es einmal, sei gestorben, und seine Witwe wolle seine Sammlung historischer Instrumente versteigern. Nikolaus fuhr mit geliehenem Auto in seine alte Heimat und kam zu spät. Sie habe nur noch ein Cello, was sie freilich behalten wolle, als Erinnerung an ihren lieben Mann. Nikolaus beredete die alte Dame, das konnte er ja, besessen von seiner Sendung, unvergleichlich. Schließlich bat er sie, nur einmal auf dem alten Instrument spielen zu dürfen. Er stimmte und spielte der Witwe vor. Nach einiger Zeit unterbrach sie: Nehmen Sie es mit, es gehört Ihnen viel mehr als mir.

Es zählt zu meinen schönsten Erinnerungen an den großen Nikolaus, als er auf meinen Wunsch hin ebenjenes Cello aus dem Schrank nahm, es stimmte und mir vorspielte, unvergessliche Augenblicke im alten Pfarrhof von St. Georgen bei Salzburg.

Die Spieler des Concentus Musicus stimmten die Musik tiefer, Harnoncourt fand die alten Bachschen Stimmpfeifen, und das Barock strahlte wieder in einem Klang wie von Mahagoni. Die Stimmen wurden freier, ganze Generationen von Musikern, Sängern, Dirigenten begaben sich auf diesen von Nikolaus Harnoncourt und seinen Freunden vorgezeichneten Weg. An seiner Seite immer und immer seine Frau, die hochbegabte Geigerin Alice, die er beim Wiener Cellostudium lieben gelernt hatte, die das Leben dieses oft auch störrischen Mannes stetig begleitete, mit gefühlvoller Hand und sanfter Klugheit. Vier Kinder hatten sie. Sohn Eberhard, Schauspieler und Liebling der Familie, starb vor Jahren bei einem schrecklichen Verkehrsunfall.

Als der Concentus Musicus begann, an der oft so verschmierten Mozartrezeption zu knabbern, um auch diese Lichtgestalt unter die musikalische Lupe zu nehmen, war wieder die Aufregung bei den Kollegen und der Presse groß. Aber auch Mozart erklang neu, wie zuvor Monteverdi, Bach, Händel und Konsorten, eben neu, als sei aller Staub abgeschüttelt, alle Scharniere geölt, andere Saiten, die aus Darm, aufgezogen, Schalllöcher neu geschnitten und Resonanzböden neu wie alt lackiert; der neue Ton aus alten Instrumenten eroberte die Ohren.

Und der ernsthafte Mann, damals aus der Piaristengasse in der Josefstadt, kündigte nach 17 Jahren als Cellist bei Karajans Wiener Symphonikern. Karajan hatte sich freilich dem begabten Streicher zugewandt und ihm eine Solostelle angeboten. Harnoncourt, die große Familie war wahrlich nicht auf Rosen gebettet, lehnte ab, er sei dieser Aufgabe nicht gewachsen. Und blieb beharrlich bei seiner Mission, eifrig, fleißig, beseelt von der Sache und Suche nach einem fernen Klang, nach den allerersten frühen Grundlagen, dem Ursprung, den Quellen. Und wollte die fade Routine, den leeren Stillstand überwinden – als ob es eine derartige Beharrlichkeit in der Kunst, so auch in der Musik, jemals gegeben habe!