DIE ZEIT: Frau Gomringer, in Ihren Büchern gibt es Gedichte, die in China spielen, den USA, Sibirien, Island oder Venedig. Dichten Sie viel auf Reisen?

Nora Gomringer: Ich kann überhaupt nur schreiben, wenn ich woanders bin oder unterwegs. In Bamberg, wo ich wohne und die Künstlervilla Concordia leite, sind meine Arbeitstage lang und komplett durchgetaktet. Erst auf Reisen habe ich Zeit zum Dichten. Ich bin ja immer mal wieder mit einem Stipendium im Ausland. Und fahre übers Jahr ständig zu Lesungen, Auftritten, Festivals. Wenn dann die Mischung aus Übermüdung, Befremdung und Steckdose stimmt, merke ich: Oh, da hat aber lange etwas in mir gebacken, jetzt kann ich die Brötchen rausholen.

ZEIT: Steckdose?

Gomringer: Ich reise mit uralten, quasi fossilen Computern. Handschriftlich mache ich nichts mehr. Ich nehme zwar noch jedes Mal mein Notizbuch mit, aber das ist im Grunde Selbstbetrug. De facto habe ich es seit einem Jahr nicht mehr angerührt.

ZEIT: Und wie muss man sich das mit der richtigen Mischung aus Übermüdung und Befremdung vorstellen?

Gomringer: Neulich zum Beispiel sollte ich für das nächste Akzente-Heft Alltagsgedichte beisteuern. Irgendwann kurz vor der Deadline saß ich völlig übermüdet in einem Regionalexpress, so einem Fuhrwerk des Volkszorns zwischen Österreich und Deutschland, und sah, wie die Polizei arme Flüchtlinge rein- und rausschickte. Da war die Befremdung. Und eine Steckdose gab’s auch. Ruckzuck habe ich zwölf neue Gedichte geschrieben. Sieben davon gefallen mir immer noch.

ZEIT: Wie viele Tage im Jahr sind Sie unterwegs?

Gomringer: Im letzten Fahrtenbuch, das ich beim Finanzamt eingereicht habe, kam ich auf mehr als 200 Reisetage.

ZEIT: Sie haben nach eigener Aussage "Reisegene". Wer hat die Ihnen vererbt?

Gomringer: Mein Vater, Eugen Gomringer. Er ist 91 und war ein viel reisender Dichter, auch außerhalb Deutschlands sehr wahrgenommen als Begründer der Konkreten Poesie. Der wurde zum Beispiel nach Bangalore eingeladen, um eine Übersetzung zu präsentieren, reiste dann von dort weiter zu einem Kongress nach Washington ... Damals hatte auch das Goethe-Institut noch richtig viel Geld. Die haben ihn mal zwei Monate in Afrika umhergeschickt. Einen Lyriker! Mir ist lange nicht der Gedanke gekommen: Ach, das gibt’s auch in erfolglos!

ZEIT: Und so ein Reiseleben wollten Sie auch?

Gomringer: Zunächst nicht. Als Kind musste ich meine Eltern jedes Wochenende zu Lesungen begleiten. Mit neun Jahren hatte ich die Schnauze voll und hab gesagt: Ich bleibe zu Hause, basta. Mit 14, 15 bin ich dann auf eigene Faust los. Damals war ich, sooft es ging, in New York, bei einem meiner sieben älteren Brüder, und bin tagelang durch die Straßen geschlappt. Mit meinem Vater war ich in der bürgerlichen Kulturszene unterwegs gewesen, jetzt bewegte ich mich irgendwie am Rand der Gesellschaft, als mutiges lowlife- Wesen. Die gut behüteten Kids in meinem Alter trieben sich jedenfalls nicht so rum. Damals habe ich die junge Slam-Poetry-Szene entdeckt.

ZEIT: In dieser Szene sind Sie dann groß geworden. Und heute lädt man Sie – wie damals Ihren Vater – ins Ausland ein. Sie dichten ja nicht nur auf Reisen, sondern auch über Ihre Reiseerlebnisse. Sind Sie als Stipendiatin viel im jeweiligen Land unterwegs?

Gomringer: Na ja. Ich bewege mich da eigentlich selten weit vom Schreibtisch weg. Als ich 2014 für einen Monat nach Finnland kam, hatte ich mich vorher mit 16 Schreibaufträgen versorgt. Reden, Vorworte, Prosa, Lyrik ... Im Grunde führe ich bei so einem Aufenthalt das Leben eines Werktätigen, der zur Gesellschaft gehört. Endlich kann ich mich brav nur ums Schreiben kümmern. Das wirkt nicht mehr wie Reisen, sondern wie eine Verstetigung, wie eingefrorenes Reisen.