Zwei Kinder stehen vor einem Lastwagen in einer adretten deutschen Neubausiedlung. Der Lastwagen enthält den Hausstand, den die Familie in ihrem alten Leben zurückgelassen hat. Es sind arabische Polstermöbel darunter, "ausladend und weich und in Pastellfarben". Mehr noch als die vertrauten Gegenstände fasziniert die Geschwister aber der Duft der Umzugsladung. "Der Geruch von Chlorex und süßlicher Holzpolitur schlug uns entgegen, aber ich meine, unter der Wolke einen Hauch von Josephines Jasminparfüm zu riechen. Zu Hause."

Zu Hause. Wo ist das eigentlich?

Für Layla und Basil, die beiden Hauptfiguren in Rasha Khayats eindrucksvollem Erstlingswerk Weil wir längst woanders sind, ist diese Frage nicht so einfach zu beantworten. Sie haben – wie die Autorin auch – einen arabischen Vater und eine deutsche Mutter und viele Jahre ihrer Kindheit in Saudi-Arabien verbracht. Sie besitzen das, was man heutzutage eine "Bindestrich-Identität" nennt. Sie sind aufgewachsen in zwei Kulturen, aber doch nirgends richtig zu Hause.

In Zeiten, in denen sich lauter selbst ernannte Experten berufen fühlen, angebliche Gewissheiten über "die" Araber" oder "den" Islam" in die Welt zu blasen, könnte so ein Buch aktueller kaum sein. Denn Gewissheiten gibt es in diesem Roman ganz gewiss keine. Stattdessen schickt die 37-jährige Hamburgerin den Leser auf eine Reise, die ihn mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert.

Die Handlung setzt ein, als der 31-jährige Dauerstudent, Barkeeper und Icherzähler Basil sich von Hamburg aus auf den Weg nach Dschidda in Saudi-Arabien macht. Seine Schwester Layla will dort einen Ingenieur heiraten, den sie, ganz nach Landessitte, bislang kaum kennt. Ihre Mutter Barbara hält das für eine Laune ihrer doch eigentlich westlich geprägten Tochter und weigert sich, der Hochzeit beizuwohnen: "Was will sie denn da hinten? In einem Land, wo sie nichts darf?"

Und auch Basil ist hin- und hergerissen. Einerseits fühlt er sich von seiner kleinen Schwester verraten, die sich einst klammheimlich aus der gemeinsamen WG auf St. Pauli davongestohlen hatte, um auf Reisen zu gehen. Dass sie ihr Glück nun ausgerechnet in Saudi-Arabien gefunden haben will, "dem Land, gegen dessen politische Zustände ich alle paar Wochen Onlinepetitionen unterschreibe", fällt ihm schwer zu akzeptieren. Andererseits übt die alte Heimat auch auf ihn einen untergründig starken, emotionsgeladenen Sog aus.

"Es wird immer sofort angenommen, dass die eigene Seite die bessere ist"

"Meine Wahl wäre es nicht gewesen", sagt Rasha Khayat über die Entscheidung ihrer Protagonistin Layla. Sie habe mit dem Geschwisterpaar vielmehr zwei Figuren schaffen wollen, die unterschiedliche Strategien entwickelt haben, um mit der Sehnsucht nach Zugehörigkeit umzugehen.

Sie selbst zögert nicht, Hamburg, wo sie seit zehn Jahren lebt, als ihre Heimat zu bezeichnen. Hier arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin, von hier aus schreibt sie ihr Blog West-Östliche Diva, das sie als "deutsches Fenster zu Arabistan" bezeichnet und in dem sie ihre Erfahrung als bikulturell geprägter Mensch verarbeitet.

Denn auch sie, erzählt die Literaturwissenschaftlerin, kenne das Gefühl, von ihrer Umwelt "eher annektiert als integriert" zu werden. Und: "Es betrifft mich, wenn die Leute ständig über ›böse‹ Araber und ›böse‹ Moslems sprechen." Der Roman wiederum sei ein Resultat der Beschäftigung mit dieser Thematik, ihrer ausgedehnten Reisen und der Unterhaltung mit anderen Migrantenkindern: "Irgendwann habe ich verstanden, dass sich unsere Geschichten wiederholen. Da dachte ich, es ist an der Zeit für eine andere, eine literarische Form."

Khayat erzählt in kurzen Sequenzen aus dem Alltag einer saudischen Großfamilie und ihren Hochzeitsvorbereitungen. Sie beschreibt das siebenstöckige Haus mit seinen goldverzierten Treppenaufgängen als ganzen Stolz des Onkels, sie erzählt von einem Wochenende in einer relativ liberalen Feriensiedlung am Meer, und schließlich beginnt das große Fest, das nach Geschlechtern getrennt gefeiert wird.

Das alles kommt ohne Orient-Klischees und Schönfärberei aus. Es gibt eindringliche Dialoge und Rückblenden, die von der Übersiedelung nach Deutschland und vom viel zu frühen Tod des Vaters erzählen. Es gibt aber auch unangenehme Szenen, die das Gefühl der Entfremdung, das Basil empfindet, unterstreichen, etwa, wenn der zukünftige Bräutigam seinen Diener mit einer Barschheit behandelt, die hierzulande undenkbar wäre.

Als Leser begreift man, dass man gut daran tut, das unterschwellige Bedürfnis, sich und das andere stets miteinander vergleichen zu wollen, einfach mal abzuschalten. Layla formuliert es so: "Es wird immer sofort angenommen, dass die eigene Seite die bessere ist und dass wir das Grau, den Rollsplit und die ordentlich gestutzten Hecken mit den Vorgärten dahinter bevorzugen müssten."

Die Botschaft von Weil wir längst woanders sind ist eine andere: Nichts davon ist besser oder schlechter. Eigentlich eine einfache Wahrheit – wenn sie nur nicht so kompliziert wäre.

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind. Roman; Dumont 2016; 160 S., 19,99 €