Gib den Wolken Zucker

Fieses kleines Buch. Kommt daher wie ein aufgeblasener Blog-Eintrag, mit ebendiesem lässigen Bescheidwisser-Ton, und das ist Ronja von Rönne ja auch, neben ihrer Rolle als Feuilleton-Redakteurin der Welt: eine Netz-Autorin, die ihren Account mit Bonmots befüllt. Die sind größtenteils exzellent; Frau Rönne kann, sollte aus der Literaturkarriere nichts werden, in jedem Fall als Texterin für Comedians oder Talkshows arbeiten. Bei Böhmermann die besseren Pointen liefern, das wäre ein Job für sie.

"Poetry-Slam ist der Segway der Literatur", "Weihnachten ist, wenn Papa das WLan ausmacht", "Meine Mitbewohner haben Namen auf das Essen im Kühlschrank geschrieben. Ich esse jetzt Käse namens Julia" – das ist der Rönne-Sound, erprobt vor allem im empörungsbildenden Pamphlet. Man denke nur an den Artikel Warum mich der Feminismus anekelt, mit dem die damals 23-Jährige im April letzten Jahres über Nacht zum Medienphänomen wurde, einschließlich Shitstorm und angeblicher Morddrohungen. Aber in diesem Stil ein ganzer Roman, auch wenn er schmal ist, 206 Seiten? Das wird kokett sein, dachte man, und auf altkluge Weise aufmüpfig, ein Recycling der popjournalistischen Idee, dass einer nur defätistisch auftreten und seinen Stil einem Stammtischgespräch angleichen muss, um als schlau und ambitioniert zu gelten.

Und der Plot von Wir kommen ist ja auch eine Zumutung, unter dem Gesichtspunkt konventioneller Dramaturgie jedenfalls: Zwei Paare aus der Großstadt, eine Ménage-à-quatre. Die Ich-Erzählerin Nora hat Depressionen, geht in Therapie, was die Gruppe nicht von einem gemeinsamen Strandurlaub abhält. Gegen Ende gibt es eine Party mit viel Drogen und Streit und dann im Finale eine Reminiszenz an die Jugendfreundin, eine gewisse Maja, die man in Rückblenden kennengelernt hat, Typ Tschick, nur in weiblich und sehr neurotisch.

Das alles holpert so hintereinanderweg, ein Episoden-Potpourri mit den üblichen Verdächtigen des modernen Wohlstands-Ennuis: Leonie, eine Ernährungsberaterin, die heult, weil sie das Wort Poststrukturalismus nicht kennt. Jonas, der Grafikdesigner mit enormem Talent zur passiv-aggressiven Gängelung seiner Umwelt. Karl, Autor von Ratgebern übers Glücklichsein und entsprechend unglücklich.

Und eben Nora, Moderatorin einer Fernsehsendung namens Die Supershopper. Da werden Übergewichtige für die Vorher-nachher-Bloßstellung zurechtgemacht, und allein für diese Berufswahl der Hauptfigur hätte man das Lektorat gern gefragt, ob so ein Faible für Trash nicht doch sehr gestrig ist. Oder haben wir wieder 1990, und der Typus des medial depravierten Menschen gilt als letzter Schrei der Kulturkritik?

Aber dann schaute man noch mal aufs Cover. Da ist ein Streichholz zu sehen, und man erinnert sich, dass Nora von ihrem Therapeuten ein Notizheft zwecks Aufzeichnung ihrer Nöte erhalten hat, ein Heft mit einem Streichholz darauf, was den Psychologen zum Wortspiel verleitet: "It’s a match!" (match von Streichholz, aber auch Volltreffer). Der vorliegende Roman ist also Noras Tagebuch, und in dieser Perspektive ist das Sprunghafte und Episodische, der Mangel an erzählerischer Stringenz, der Überschuss an Assoziation und Zerstreuung kein Manko, sondern Teil des Konzepts. Außerdem erinnert man sich an eine Stelle, wo sich Noras Verzweiflung gegen Kinder richtet: "Vielleicht sagt es (das Kind) später 'zum Bleistift' statt 'zum Beispiel' und findet das lustig." Das Wortspiel, die rhetorische Masche sind also nicht nur titelgebend, sie markieren auch einen Grundkonflikt der Hauptfigur.

Und dann sondiert man den Text noch einmal auf diese Idee hin, dass es neben den vielen hübsch zeitgeisthaft aufgetakelten Problemen der Figuren vielleicht eine strukturelle, das Sprechen und Schreiben selbst betreffende Krise geben könnte. Dass es womöglich nicht nur um diese verstrahlten Späthipster geht, die koksen und Sex zu viert haben (sehr keusch, in Fontane-hafter Dezenz angedeutet) und irgendwie versuchen, aus der Ironie heraus- und in eine Form charakterlicher Integrität hineinzukommen, sondern auch um die Frage, wie das moderne Selbst noch von sich und seinen Zuständen berichten kann, wenn die Sprache leer geworden ist über ihren amüsanten Anwendungen.

Das Misstrauen gegen die eigene Rede

In dieser Hinsicht ist Rönnes Roman ein Kraftakt der Selbstreflexion und Sprachkritik, das Glanzstück eines sich selbst im Vollzug demontierenden Schreibens. Das beginnt schon mit der Herleitung und Begründung existenzieller Dilemmata aus dem Drang, sie zu verwörtern. "Unglück ist etwas für Leute mit Talent, die darüber Bücher und Songs schreiben können, von denen sich dann Leute ohne Talent wie ich verstanden fühlen", sagt die Erzählerin. Da wird die Vorstellung, dass Leiden nur dann einen Sinn ergibt, wenn man es narrativ zurichtet, brutal und zynisch auf die Spitze getrieben.

An anderer Stelle notiert Nora: "Ich versuchte mich zweimal so zu äußern, dass ich hier 'Und dann brach es mir heraus' schreiben kann" – so klingt das gespaltene Bewusstsein des Narziss, der sich konsequent auf die Verzifferung im sprachlichen Zeichen hin entwirft.

Das Misstrauen in die eigene Rede, der permanente Einspruch gegen die eigene Möglichkeit, etwas zu vermitteln jenseits des verbalen Passepartouts – sie machen diesen Text in unerhörter Weise konsequent. Das Drama der seelisch zerbeulten Heldin, die sich in den Moden und Allüren der Zeit abhandenkommt, deckt sich mit der Not einer Erzählerin, der hundert Jahre nach Lord Chandos die Worte nicht mehr wie modrige Pilze im Mund zerfallen, sondern als Stereotype schwer im Magen liegen. "Draußen flog Landschaft vorbei, wie es sich für Landschaften gehört", heißt es von einer Autofahrt. Und wenn ein Haus beschrieben wird, ist von Fenstern die Rede, "die man als lugende Augen beschreiben würde. Wenn einem keine bessere Beschreibung einfiele." Die radikale, über die Poetik der Moderne hinausweisende Geste ist hier nicht die Bloßstellung einer Groschenheft-Diktion, sondern dass der Text tatsächlich innehält und die ästhetische Innovation aussetzt. Es kommt keine bessere Beschreibung – es bleibt beim Sturz ins Klischee.

"Da war Nachmittag, viel Nachmittag, ein ganzer Nachmittag voller Nachmittag." Auch so eine großartige Wendung, die das Gefangensein in der Rhetorik, das Eingesperrtsein im Text deutlich macht. Nicht die Idee des Nachmittags wird mit Inhalt angereichert, sondern ein Begriff wird mit sich selbst gemästet, ohne dass irgendwie Bedeutungsschwere entstehen würde. Die Rede als Kannibalisierung von Sinn.

Virtuos inszeniert wird auch der Hass auf das Sprachbild als zentrales Mittel zur Kolorierung der Vorstellungswelt. "Wie viele Metaphern noch für die Liebe? Wie viele Schlösser an Brücken und wie viele leise Versprechen, wie viele laute Beteuerungen, bis es endlich mal ruhig werden würde?" Ruhe gibt es nur jenseits der Differenz, dort, wo der Zwang zur Sinnherstellung aufhört, und so gesehen ist es mehr als eine Marotte des Textes, dass die kleine Tochter von Noras Freundin nicht spricht, obwohl sie längst alt genug ist. Wer sieht, was die Rhetorik anrichtet, dem verschlägt es die Sprache.

Schließlich ein Satz, den man erst einmal überlesen hat, der aber in lediglich sechs Wörtern das sprachkritische Programm dieser Prosa durchspielt. "Nur vereinzelt zuckerten Wolken den Himmel." Das ist die Metapher, die ein Bild entwirft und gleichzeitig von ihrer saccharinhaften Kitschigkeit berichtet. Ein Image, das mit sich selbst abrechnet. So hat man das noch nicht gelesen: eine einzige, knappe Formulierung, und schon begreift man, was ein Roman vermag, wenn er sein dekonstruktives Potenzial ausreizt. Er kann die Literatur gegen ihre eigenen Verfahren antreten lassen, den ästhetischen Prozess mit seinen Fallen und Untiefen, in all seiner Virulenz und kämpferischen Anstrengung anschaulich machen.

Herrje, Dekonstruktion? War das nicht diese Etepetete-Idee von Leuten, für die es genug ist, wenn ein Text sich selbst widerspricht und man am Ende "Ätschbätsch!" sagen kann, weil man begriffen hat, wie das genau funktioniert im Einzelnen? Ist dieses Buch nur das zerebrale Spielchen einer talentierten Journalistin, die ihren Erkenntnisekel anstatt in Feuilletons nun im Roman zur Sprache bringt?

Ja und wenn?

Ronja von Rönne: Wir kommen
Aufbau Verlag, Berlin 2016; 208 S., 18,95 €