Bereits 1974 wurde der SPD-Bundestagsabgeordnete Achim Post zum Opfer russlanddeutscher Gewalt. Post, damals 15, spazierte durch seine Heimatstadt und aß Eis. Ein Aussiedlerjunge verstellte ihm den Weg: Gib her! Post sagte: Nein. Umstandslos flog ihm die Faust ins Gesicht.

Und dann?

Haben wir uns eine Stunde lang geprügelt.

Post stammt aus Espelkamp. In dieser ostwestfälischen Stadt lebt kein alteingesessenes Volk. Sämtliche 27.000 Bürger sind Zuwanderer, deren Kinder oder Enkel. Zunächst kamen nach 1945 die "Biodeutschen": Exilierte des verlorenen Hitlerkriegs wie die schlesische Familie Post. In den siebziger Jahren folgte die erste russlanddeutsche Einwanderung, dank Willy Brandts Entspannungspolitik. Das Ende der UdSSR bewirkte den zweiten Exodus ins Land der Väter. Die hatten sich 1763 von der Zarin Katharina als Kolonisten an die Wolga rufen lassen. Nun, 1990, rief Helmut Kohl die Nachfahren zurück. In Espelkamp, meint der Sozialdemokrat Post, könne er sich die Parteiarbeit sparen. Spätaussiedler wählten CDU.

Etwa 7.000 Russlanddeutsche wohnen in Espelkamp, in der gesamten Bundesrepublik wohl vier Millionen. Sie hätten sich, lobte 2013 das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, "geräuschlos" eingelebt. Unlängst wurden die Stillen laut. Der "Fall Lisa", eines angeblich von muslimischen Asylbewerbern vergewaltigten russlanddeutschen Mädchens aus Berlin-Marzahn, erzeugte wütende Demonstrationen. Aus Moskau reklamierte Außenminister Lawrow den Schutz "unserer Lisa". Und wehen nicht auf Pegida-Demos Russlandfahnen? Umwerben nicht AfD und NPD die heimgekehrten Volksgenossen? Flugs galten sie als rechts, autoritätsbedürftigt und Putin-hörig.

Das, sagt Achim Post, kann ich mir für Espelkamp überhaupt nicht vorstellen.

Schauen wir nach.

Der Zug schlurrt durch plattes Land und sammelt Dörfer. Wiesen, winterbrache Äcker, der Mittelland-Kanal. Ein Stündchen hinter Bielefeld steigen wir aus. Ein Bahnhof ist vorhanden, ansonsten Wald. Wo ist die Stadt?

Darinnen. Bis 1945 war Espelkamp Heeres-Munitionsanstalt, ein naturgetarnter Rüstungskomplex. Nach Kriegsende wollte die englische Besatzungsmacht die Anlagen sprengen, doch Deutschlands Flüchtlinge brauchten Obdach. Die westfälische Kirche und das junge Land NRW betrieben den Ausbau zur Kommune. Die Straßen zitieren Herkunftsgeschichte: Preußeneck, Balten- und Masurenweg, Danziger, Memeler, Breslauer Straße. Am Rathausbrunnen trauert eine Bronzefrau. Nach der Flucht heißt die Skupltur. Ein Granitkreuz widmet sich "den Opfern des Zweiten Weltkriegs, den vom Totalitarismus Gemordeten, den zwei Millionen Toten der Vertreibung der Bevölkerung aus den deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Osteuropa". Ferner erinnert es an die "Vertreibung von 14 Millionen Deutschen aus ihrer angestammten Heimat" und nennt die verlorenen Lande.

Ein gedenkpolitisches Massengrab.

Im Rathaus finden wir den Bürgermeister Heinrich Vieker (CDU). Der stadtväterliche Lutheraner waltet seines Amtes seit 1999. Er schwärmt: Menschen aus 62 Nationen haben hier eine neue Heimat gefunden und sind glühende Espelkamper geworden. Auch dank unserer Buntheit sind wir der stärkste Wirtschaftsstandort im Kreis Minden-Lübbecke. Globalisierung lebt von Kontakten in alle Welt.

Herr Vieker, was ist spezifisch russlanddeutsch?

Die starke Religiosität, die christlich-freikirchliche Bindung. Auffällig wird nur, wem die Verankerung fehlt. Viele Russlanddeutsche haben kein Problem mit Menschen anderer Nationen, allerdings mit "den Schwarzen", den Muslimen. Ansonsten orientieren sie sich auf Arbeit, Eigentum, Familiengründung, Hausbau und ein gutes Auto.

Und wählen CDU?

Wir hatten mal ein Wahlergebnis von 95 Prozent, sagt Vieker. Wahlbeteiligung: 22,5 Prozent. Etliche Religionsgemeinschaften lehnen jede politische Tätigkeit ab.