DIE ZEIT: Herr Schorlemmer, ist es ein blödes Klischee, oder stimmt es, dass Sachsen-Anhalt ein Land ohne Identität ist?

Friedrich Schorlemmer: Das ist ein Klischee, aber trotzdem nicht ganz falsch. Sachsen-Anhalt existiert noch nicht lange. Es ist bis heute von einzelnen Regionen mit eigenen Identitäten geprägt. Das merken Sie an den Dialekten. Einige Bewohner sprechen Hochdeutsch, andere berlinern, die Hallenser sächseln sanft. Lange waren wir nur eine preußische Provinz, das Land selbst ist erst 1947 gegründet und 1952 schon wieder aufgelöst worden, weil es in der DDR nur noch Bezirke geben sollte. Wir können also nicht auf eine so lange Landesgeschichte zurückblicken wie Thüringen, Sachsen oder das preußisch geprägte Brandenburg. Aber deswegen sind wir nicht zu bedauern. Nein, wir sind auch freier als andere.

ZEIT: Beziehungsweise politisch experimentierfreudiger. In Sachsen regiert seit 1990 die CDU, in Brandenburg die SPD. In Sachsen-Anhalt jedoch haben die Regierungschefs und die Koalitionen häufig gewechselt. Wieso ist das so?

Schorlemmer: Vielleicht ist das Beharrungsbedürfnis der anderen Länder erklärungsbedürftiger als unsere Aufgeschlossenheit für Neues. Hier gab es schon 1994 eine von der PDS tolerierte SPD-Regierung, die ich – als SPD- Mitglied – auch begrüßt habe, weil ich sah, dass die PDS ihre demokratische Lektion gelernt hatte. Heute ist eine Regierung unter Beteiligung der Linken auch in Thüringen, Brandenburg oder Berlin möglich. Das zeigt doch auch politische Reife. Die Sachsen-Anhalter haben sich am wenigsten davon beeindrucken lassen, wie man im Westen über ihre Politik dachte. Auch die Ministerpräsidenten, ob Reinhard Höppner oder Wolfgang Böhmer, haben sich immer eine erstaunliche Unabhängigkeit bewahrt. Ich selbst lebe seit 38 Jahren und gern in Wittenberg. Hier war und hier ist Reformland, nicht allein Luther.

ZEIT: Nun wird die AfD ihren bisher größten Wahlerfolg wahrscheinlich in Sachsen-Anhalt feiern. Ist das Land ohne Maß und Mitte?

Schorlemmer: Also – diese 20 Prozent, die der AfD vorausgesagt werden, sind für mich schwer zu verdauen, die kann ich nicht begreifen. Was soll ich sagen? Politik als populistische Frustpflege funktioniert hier leider auch.

ZEIT: Jeder vierte Bewohner fühle sich dem Land kaum verbunden, steht im "Sachsen- Anhalt-Monitor". Ist die Identitätslosigkeit ein Grund für die Probleme im Land – dafür, dass es immerzu als ökonomisches Schlusslicht gilt?

Schorlemmer: Natürlich: Der industrielle Kahlschlag von 1990 an wirkt nach. Kultur kann das nicht ausgleichen. Und wer sich seinem Land nicht verbunden fühlt, setzt sich auch weniger dafür ein – etwa damit mehr Arbeitsplätze entstehen. Aber dieses Gerede vom Schlusslicht gefällt mir nicht, es erzeugt nur Zuweisungen, die sich irgendwann selbst erfüllen, bloß weil man sie beschworen hat.

ZEIT: Fühlen Sie sich als Sachsen-Anhalter?

Schorlemmer: Ich komme aus der Altmark und sehe ich mich eher als Norddeutscher: aufgewachsen in der preußischen Tradition Immanuel Kants. Das heißt aber nicht, dass ich Sachsen-Anhalt ablehne, ich möchte es mir auch nicht kleinreden lassen. Menschen, die einen Blick für Landschaften und Kulturregionen haben, werden immer sagen: Es ist wunderbar hier. Fahren Sie nach Quedlinburg, nach Halberstadt, nach Naumburg. Das ist ein Land für die Götter. Was haben wir 1989 für eine Konkursmasse übernommen, mit welchem Mut haben wir viele Orte wieder aufgebaut – fantastisch!

ZEIT: Der Mut des Landes zeigt sich auch in Imagekampagnen: "Wir stehen früher auf".

Schorlemmer: Ich würde in diesem Fall eher von Geschmacksverirrung sprechen. Man muss immer fragen: Was passt zueinander? Im Wettbewerb um die Unterschreitung des Niveaus hätten wir nicht mitmachen müssen.

ZEIT: Sie haben sich schon früher heftig über die Kampagne lustig gemacht. Haben Ihnen Ihre Landsleute den Spott übel genommen?

Schorlemmer: Nein, echt beleidigt sind die Leute hier nicht so schnell. Über die Sachsen dürfte man nicht so spotten, da werden die sauer.

ZEIT: Sie schwanken zwischen Liebe und Abneigung Ihrer Heimat gegenüber. 2006 schrieben Sie: "Der Citoyen – sofern er kurzzeitig im Herbst 1989 aufgestanden war – meldet sich ab, öffnet die Bierflasche und sieht Comedy." 2011 formulierten sie eine "Liebeserklärung" an Sachsen-Anhalt. Wie kam Ihre Wandlung?

Schorlemmer: Das eine ist wahr, das andere ebenso. Es stimmt immer auch das Gegenteil. Man darf sein Land kritisieren, muss aber auch das suchen, was schön und bewahrenswert ist. Und davon haben wir genug.