Fangen Sie an, wo es am schönsten ist. Und zwar schön auf eine Art, wie sie in deutschen Großstädten kaum noch vorkommt, seit der Betonbrutalismus flächendeckend gesiegt hat. Halle dagegen hat noch eine mittelalterliche Altstadt, und im Künstlerviertel Giebichenstein ist nichts aus Beton.

"Da steht eine Burg überm Tale, und schaut in den Strom hinein. Unten die fröhliche Saale ..." Und oben auf dem Felsen eine Kunsthochschule, die diesen Namen verdient. Gehen Sie zuerst in den Burghof, wo sich um eine struppige Wiese die Studenten locker gruppieren, auch Rosenranken sind da, gemäß der berühmten Kunstauffassung des Novalis: "Die Welt muss romantisiert werden!" Novalis stammte aus Mitteldeutschland, das nicht nur aus Buna, Leuna und Pegida besteht, sondern ein kulturstolzer Landstrich ist, voll alter Burgen und junger Dichter, die noch den Romantikern nacheifern.

Tun Sie das auch! Gehen Sie um die Burg Giebichenstein herum, bis Sie unter sich den Fluss sehen. Setzen Sie sich auf eine Bank unter ehrwürdigen Bäumen, und googeln Sie, wie Joseph von Eichendorff die Location bewertete: "Da hab’ ich so oft gestanden, / Es blühten Thäler und Höh’n, / Und seitdem in allen Landen / Sah ich nimmer die Welt so schön!"

Wenn Sie das auch finden, bleiben Sie einfach zwei Stunden hier. Wenn Sie mehr Beweise brauchen, wandern Sie stadteinwärts zur Moritzburg, aber stärken Sie sich vorher in der Gosenschänke an der Burgstraße mit Bier und Rostbrätl. Ja, die Hallenser essen noch Fleisch, kein Carpaccio, und verbergen ihr Sentiment hinter rustikaler Lebensfreude.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Nun geht es bergab zur Saale, dann durch die weiten Auen, und bald kommt eine erste Brücke (die Stadt hat 130), dann eine größere Insel (die Stadt hat sechs). Leider tragen Sie keine Wanderschuhe (die Stadt hat neun Naturschutzgebiete), aber merken Sie sich fürs nächste Mal Reichhardts Garten, wo außer Eichendorff und Novalis noch die Kollegen Tieck, Brentano, Goethe und Jean Paul lustwandelten.

Wem das zu viel Romantik ist, der hat Pech. Denn die Galerie Moritzburg, zu der Sie über eine weitere Brücke gelangen, beherbergt zwar moderne Kunst, aber es fehlt die stählerne Kälte der Moderne. Im weiten Burghof können Sie vor Wolfgang Mattheuers Plastik Der Jahrhundertschritt meditieren, und in der Galerie selbst geben Ihnen die Gemälde seines Schülers Uwe Pfeifer Einblick in das Seelenleben unserer Zeit: einsame Menschen in S-Bahn-Tunneln, allegorische Figuren in Fußgängerzonen, schwarze Gewässer.

Falls Sie jetzt ins Licht zurückwollen, gehen Sie die Straße hinauf zur Martin-Luther-Universität. Öffnen Sie das Portal zum klassizistischen Löwengebäude und riechen Sie ins Foyer des Melanchthonianums hinein! Hier spürt man, was einst das europäische Ideal war: Weite, Höhe und Tiefe. Dann laufen Sie durch die Ulrichstraße zur Marktkirche, die Sie von den Bildern Lyonel Feiningers kennen.

Flitzen Sie weiter zu den Franckeschen Stiftungen: Sitz der Bundeskulturstiftung und auch so ein Tempel der Aufklärung. Weiß, mit Adlern und goldener Sonne am Giebel. Ja, der Aufbau Ost war teuer, und Sie haben ihn mitfinanziert. Erklimmen Sie also die Freitreppe, und kommen Sie sich vor, als hätten Sie die Freiheit erfunden. Dann rasch ein Taxi zum Bahnhof.

Dort kaufen Sie eine Hallorenkugel, zum Trost dafür, dass Sie so wenig von der 1.200-jährigen Stadt gesehen haben. Das Konfekt schmeckt zartbitter, und wie bei allen großen Errungenschaften unserer Kultur weiß man beim Kosten, man könnte noch viel mehr davon vertragen.