Vor 9000 Jahren lernte das Schwein, was falsche Freunde sind – Seite 1

Vor gut neuntausend Jahren lernte das erste Schwein, was falsche Freunde sind. Es mag sich nie darüber gewundert haben, warum es allein unter allen Nutztieren nichts tun musste für die Gunst des Menschen, warum er es bei sich hielt und hegte ohne den Gegenwert von Wolle oder Milch. Doch gewiss fühlte das Schwein sich verraten, als die Hand, die es genährt hatte, ihm nun die Kehle durchschnitt. Und der Mensch, der erste Schweinemetzger? Sicher empfand er nicht den Stolz eines Jägers, als das Blut seines Gefährten ihn bespritzte und er die erbärmlichen, fast menschlichen Schreie hörte. Vielleicht war da ein Moment von Scham, ehe der Pragmatismus siegte. Was soll’s, ich habe Hunger.

Mit dem Schwein verbindet uns eine lange, dramatische, zutiefst verlogene Freundschaft. Sie begann wohl damit, dass wir einander ähneln. Das Schwein ist gesellig und anpassungsfähig. Es fühlt sich im Haus so wohl wie im Freien. Vor allem aber ist es wie der Mensch ein robuster Allesfresser mit Neigung zum Fettansatz. Es verwandelt Abfälle in kostbaren Speck. Hier liegt auch seine Tragik. Man kann es nicht scheren oder melken. Die ganze Zuwendung zum Schwein zielt auf seinen Tod.

Grund genug, dem Tier zu danken, durch dessen milliardenfaches Opfer wir selbst Speck ansetzen konnten. Doch in unseren Gefilden bekam es nie einen Platz auf der Ehrentribüne neben dem treuen Hund, der schlauen Katze oder dem edlen Pferd. Wir finden es bestenfalls drollig, öfter aber widerlich. Als müssten wir unser Gewissen beruhigen: Um die Viecher ist es nicht schade.

Man muss die deutsche Sprache nicht lange nach Belegen durchforsten. Schweine stehen für Dummheit und Triebhaftigkeit, für Faulheit und Schmutz. All das Verdrängte unserer Zivilisierung – wir haben es unseren Wegbegleitern aufgehalst. Sehr zu Unrecht, wie Cora Stephan in den Memoiren einer Schweinezüchterin schreibt: "Sie sind klug wie Delfine, zart und ausdauernd in der Liebe und sensibel genug, um es nicht mit jedem oder jeder zu treiben. Sie sind verspielt und genusssüchtig, frech und anhänglich, gute Läufer, ausgezeichnete Schwimmer und wären des Menschen bester Freund, erschräke dieser nicht vor seiner Ähnlichkeit mit dem sprachgewandten Borstentier. Es wäre nicht das erste Mal, dass Ähnlichkeit zu erbitterter Feindschaft geführt hätte."

Nun hat das Schwein plötzlich neue Freunde. Die CDU-Fraktion in Schleswig-Holstein forderte vergangene Woche, die Grundversorgung öffentlicher Küchen mit Schweinefleisch sicherzustellen. Für Krawall sorgte die Begründung: Es gehöre zu unserer Kultur.

Stimmt doch, könnte man sagen. Die Deutschen sind von jeher ein Volk der Schweinefleischesser. Über hundert Gramm davon nimmt der Durchschnittsbürger pro Tag zu sich; Rind und Huhn spielen daneben kaum eine Rolle. 28 Millionen Schweine leben hier, um diesen Bedarf zu decken. Man könnte sagen: Dieses Land hat fast so viel Schweine- wie Menschenfleisch. Und wenn im Ausland einer ein deutsches Lokal eröffnet, dann stehen auf der Karte garantiert Haxe, Bratwurst und Schnitzel.

Aber sollten wir stolz sein auf diesen Teil unserer Kultur? Wie die Welle von Hohn auf den Antrag beweist, sind viele Deutsche es nicht. Der Erstunterzeichner Heiner Rickers ist Landwirt. Sicher dachte er auch an seine Branche. Die Schweinefleischproduktion steigt, der heimische Konsum aber sinkt seit vier Jahren. Die Erzeugerpreise fallen auch; und das liegt nicht nur am sprichwörtlichen Schweinezyklus. Das Schwein hat ein Imageproblem.

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Das ist nicht verwunderlich, wenn man den Niedergang dieser fragwürdigen Freundschaft verfolgt. Seit der Jungsteinzeit formt der Mensch das Schwein – nicht gerade nach seinem Ebenbild, aber doch nach seinem Bedarf. Er machte durch endlose Selektion aus dem vitalen, widerborstigen Wildschwein das träge Hausschwein. Es wurde rosiger und kahler, fetter natürlich auch. Kein anderes Tier außer den Affen ist dem Menschen anatomisch so verwandt. Das machte Schweine zu unseren Platzhaltern in makaberen Experimenten. Man steckte sie schon in Gaskammern, erstickte sie in simulierten Lawinen, schoss auf sie, damit Militärsanitäter am lebenden Objekt üben konnten. Dieser Tage wird viel darüber geforscht, ob sie auch als Organspender taugen.

Tragischerweise hat seine Anpassung dem Schwein keinen Respekt eingebracht. Es ist uns zu nahegekommen. Konrad Lorenz beklagte in den vierziger Jahren die "Verhausschweinung" des Menschen, seine Degeneration. Etwa zur selben Zeit füllte sich die Populärkultur mit grotesken Mischwesen – von den revoltierenden Ebern in Orwells Farm der Tiere bis zur beliebten Karikatur des Bonzenschweins mit der Zigarre. Man spürt dahinter ein Unbehagen, ein Bedürfnis, auf Abstand zu gehen.

Die Schweinemenschen unserer Tage haben das Albtraumhafte verloren. Die Bühne gehört den putzigen Vertretern von Miss Piggy bis Peppa Wutz. Aber die echten Tiere sind ja auch schon längst aus unserer Wahrnehmung verbannt. Sie fristen ihr kurzes Leben in Betrieben, wo von der Geburt in der "Abferkelbucht" bis zum Tod per "Entblutestich" alles industriell abläuft. Bei der Zurichtung wird ausgesondert, was der moderne Verbraucher eklig findet, weil es zu sehr nach Schwein aussieht. Die Füße, Schwänze, Köpfe erzielen bessere Preise in China, wo man noch Rezepte für so etwas kennt. Auch das früher hochbegehrte Fett ist lästig geworden; es passt nicht zu den Ernährungsgewohnheiten gesundheitsbesorgter Büroangestellter. Darum hat man es weggezüchtet.

So verliert das Produkt wie das Lebewesen allmählich seinen Charakter. Misswirtschaft und Kundengeiz haben es zur Holland-Tomate unter den Fleischsorten gemacht. Das optimierte Industrieschwein legt pro Tag bis zu einem Kilogramm zu. Der Geschmack ist entsprechend, aber sei’s drum, man hat ja Gewürze. Das erklärt diesen Zug ins Formlose, der für Schweinefleisch notorisch geworden ist. Es verkrümelt sich in Frikadellen, Würsten, Mett, den Füllungen obskurer Fertiggerichte. Schwein präsentiert man nicht mehr stolz auf dem Silbertablett. Es ist Unterschichtfleisch geworden. 2,79 Euro das Kilo Hack, manches Katzenfutter ist teurer.

Umso bunter blüht der Kitsch. Da gibt es in der Werbung den blonden Recken, der sich in der Dorfmetzgerei mit einem Dutzend Teewürsten eindeckt, die er später mit seinen Kameraden im Schatten einer Mühle verspeist. Eine Marke übrigens, die eben erst wegen Hygieneproblemen zurückgerufen wurde. Oder die noch blondere Spitzenköchin, die so tut, als füttere sie ihre am Waldrand herumtollenden Kinder am liebsten mit Billigschinken. Inszeniert wird eine heile Landwelt, nur eben ohne Tiere. Die sind jetzt abgepackt.

Aber wie die Umweltgifte trägt die Nahrungskette auch unsere verdrängten Schuldgefühle zu uns zurück. Wir fürchten zu werden, was wir essen. Wir fürchten die Rache der Schweine. Werden sie uns im Tod mit Keimen besudeln oder durch blankes Körperfett dem Kollaps zutreiben? Schweinepest und Schweinegrippe, Trichinen, Bandwürmer und Krebswurst – jede noch so kleine Gesundheitswarnung genügt, und wir sehen anstelle von rosa Ferkelchen jenen schaurigen aufgespießten Schweinekopf, der in Goldings Herr der Fliegen das Böse in uns verkörpert.

Es gibt durchaus den Weg zurück in eine etwas heilere Welt. Seit einigen Jahren werden alte, teils fast ausgestorbene Rassen wiederentdeckt: das gefleckte Bentheimer Landschwein, das stabile Schwäbisch-Hällische, das knuffige ungarische Wollschwein, das halbwilde Schwarzfußschwein ... Ihr Fleisch ist alles andere als mager, aber es hat Biss. Es behält beim Braten seine Form, statt eine Wasserlache abzusondern. Und wenn man es kaut, dann schmeckt man diese nussige Süße, wie kein anderes Fleisch sie hat – zumindest dann, wenn die Tiere wie früher im Herbstwald Eicheln, Pilze und Bucheckern fressen durften.

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Dieses Fleisch ist sehr gefragt in den Gourmetrestaurants. Für Deutschlands Kantinen taugt es nur bedingt. Denn es hat seinen Preis, und man bekommt es nicht jederzeit. Doch gerade wer Schweinefleisch für eine Säule unserer Kultur hält, sollte froh sein, wenn es rarer wird, ein Sonntagsessen wie früher. Dann lernen wir es vielleicht wieder schätzen – und mit ihm das Tier, das wir wie den Dreck behandeln, in dem es schon längst nicht mehr wühlen darf.

Daniel Günther wäre damit wahrscheinlich sogar einverstanden. Der Fraktionsvorsitzende der CDU in Schleswig-Holstein sagte selbst in einem Interview, die Deutschen äßen zu viel Fleisch. Aber worum geht es dann in seinem Antrag? "Um erfolgreiche Integration." Man wünschte, Christoph Schlingensief hätte das noch hören dürfen. Der hätte gleich einen Film gedreht: "Das deutsche Keulenmassaker – Schweine gegen Migranten".

Natürlich war kein Politiker so töricht, die viel zitierte "Schweinefleischpflicht" zu fordern. Doch wen haben die Antragsteller wohl vor Augen, wenn sie vor "falsch verstandener Rücksichtnahme" warnen, "auch aus religiösen Gründen"? Wenn sie weinerlich Toleranz für die Esskultur der Jetzt-noch-Mehrheit fordern? Eigens betont wird der Handlungsbedarf in unseren Schulen und Kitas, so, als müsse das deutsche Kind von der Wiege an schon ans Schwein herangeführt und gegen ausländische Einflüsse (Lammfleisch! Tofu!) imprägniert werden. Man fühlt sich anscheinend wie ein Fremder am eigenen Herd.

Was für absurde Ängste werden hier geschürt, ausgerechnet in einem Bundesland, das kulinarisch bislang vor allem durch Fischbrötchen auffiel? Wenn man in Deutschland heute großartig essen kann, dann liegt das an der Offenheit, die wir zumindest auf diesem Feld entwickelt haben. Und an den Migranten, die eben nicht zum Kotelett konvertiert sind, sondern uns als Händler und Köche an ihrem Geschmack teilhaben ließen. An all den Franzosen, Italienern, Griechen, Türken, Libanesen, Indern, Japanern, die gut ohne Schwein auskommen. Dieser Tage kommen einige der spannendsten Rezepte von Vegetariern und Veganern. Die deutsche Esskultur braucht keine Schweinstümelei. Sie braucht diese Einflüsse.

Essen verbindet Menschen; darin liegt seine Kultur. Und darum ist es so perfide, wenn versucht wird, das umzudrehen. In Spanien gibt es einen berühmten Kichererbseneintopf, den cocido madrileño. Er ist jüdischen Ursprungs, aber übervoll mit vier Sorten Schweinefleisch. Man erklärt es sich so, dass während der Inquisition die aus Angst übergetretenen Juden ihren neuen Glauben beweisen wollten. Man nannte sie marranos, was so viel heißt wie "Dreckschweine".

Auch in neuerer Zeit ist Schweinefleischzwang mehr als ein schlechter Scherz. In Maos China und dem Kambodscha der Roten Khmer übte man ihn zur Demütigung muslimischer Minderheiten aus. Im Folterkeller von Abu Ghraib machte ein Soldat den Gefangenen weis, er habe ihr Essen mit Schweinefleisch versetzt. Schweine töten, um Menschen zu foltern – das ist der Tiefpunkt einer langen Geschichte des Missbrauchs.

An nichts davon dachten wohl die Christdemokraten, als sie Lobbyismus und Ressentiment so unappetitlich verquickten. Doch das ist, was sie heraufbeschwören, wenn sie ausgerechnet diese Kreatur zum Wappentier einer deutschen Leitkultur machen. Armes Schwein! Du hast wieder einmal die falschesten Freunde gefunden.