Es ist 15 Jahre her, dass sich die Bundesrepublik auf der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus im südafrikanischen Durban zu einem ehrenden Gedenken für die Opfer des Kolonialismus und des transatlantischen Versklavungshandels verpflichtete. Im öffentlichen Raum deutscher Städte hat sich dieses Bekenntnis bisher jedoch kaum niedergeschlagen. Selbst in Berlin geht man auf der Suche nach Straßen, die Persönlichkeiten des antikolonialen Widerstandes würdigen, weitgehend leer aus. Ganz zu schweigen von einem zentralen Denkmal für die Millionen Opfer kolonialer Verbrechen, wie es Deutschlands wachsende afrikanische und Schwarze Community gerade für die Bundeshauptstadt nun schon seit zehn Jahren fordert. Denn hier fand 1884/85 auf Einladung des deutschen Kanzlers Bismarck die berüchtigte Berliner Afrika-Konferenz statt, auf der sich die Europäer über die koloniale Aufteilung des Nachbarkontinents verständigten.

Damit nicht genug. Die Stadt Berlin hält auch an rassistischen Straßennamen fest.

Trotz vehementer Proteste der migrantisch-diasporischen Organisationen wird zum Beispiel die Mohrenstraße nicht umbenannt. Seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts ist sie auf dem Stadtplan der Residenz verzeichnet. Sie verewigt die diskriminierende, historisch schwer belastete Fremdbezeichnung für schwarze Menschen, die aus dem alltäglichen Sprachgebrauch zu Recht weitgehend verschwunden ist. Ihren bekanntesten bildlichen Ausdruck fand die Kolonialfantasie vom kindlichen, freudig dienenden Afrikaner im Logo der einst in der Straße ansässigen Firma Sarotti. Dem Kolonialwaren servierenden Jungen in Pumphosen wurden nach öffentlicher Kritik der Name "Magier der Sinne" und eine goldene Haut verpasst. Doch das Markenzeichen bleibt wie der Straßenname direkt verbunden mit der Entrechtung der ersten, oft minderjährigen Westafrikaner, die in der Zeit des kurbrandenburgischen Versklavungshandels an den Berliner Hof verschleppt wurden.

Auch Straßenbezeichnungen, die Kolonialakteure ehren, lassen sich hierzulande leicht finden. Das Ausstellungsprojekt freedom roads! koloniale straßennamen | postkoloniale erinnerungskultur listet bundesweit über 30 mehr oder weniger große Kolonialviertel mit Straßennamen, die einen fassungslos machen. Die zahlreichen Ehrungen für Kolonialisten stammen keineswegs alle aus der Zeit vor 1918/19. Denn nach dem Verlust der Kolonien wurde in vielen deutschen Städten Propaganda für deren Rückgewinnung gemacht. In Hamburg, Bremen und Berlin wurden die Namen von berüchtigten Sklavenhändlern wie Schimmelmann und Kolonialverbrechern wie Wissmann, Woermann, Peters und Dominik sogar noch nach 1945 auf Straßenschilder gedruckt.

Erst seit der Jahrtausendwende mehren sich die Initiativen zur kritischen Thematisierung der Kolonialzeit. 2010 forderten sie gemeinsam ein Ende der skandalösen Ehrungen und die Würdigung von Persönlichkeiten des antikolonialen Widerstands. Damit treffen sie meist auf die Ablehnung von Anwohnenden, die nicht nur die Mühen und Kosten einer Adressänderung scheuen. Obwohl die Initiativen anregen, den historischen Kontext auf Informationsstelen ausführlich zu erklären, wird ihnen vorgeworfen, Geschichte auslöschen zu wollen. Es fehlt an der grundsätzlichen Anerkennung von Kolonialismus und Rassismus als folgenschwere Verbrechen. Häufig werden diese mit dem Verweis auf den (europäischen) "Zeitgeist" und die Untaten anderer Kolonialmächte relativiert.

So ist das von den Initiativen entwickelte Erinnerungskonzept erst einmal umgesetzt worden. 2009/10 ließ sich der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg bewegen, das Gröbenufer in May-Ayim-Ufer umzubenennen. Der am Spreeufer seit 1896 geehrte Begründer der brandenburgischen Kolonial- und Sklavenfestung Groß-Friedrichsburg im heutigen Ghana wurde dabei unter dem Applaus Hunderter durch die prominente afrodeutsche Autorin und Aktivistin ersetzt. Seitdem konzentriert sich das Bündnis Decolonize Mitte auf den nächsten Schritt: Berlins "Afrikanisches Viertel" soll zu einem dekolonisierten "Lern- und Erinnerungsort" werden. Der Kreis derer, die sich vor Ort gegen eine weitere Ehrung der kriminellen Kolonialbegründer Nachtigal, Peters und Lüderitz aussprechen, ist über die Jahre deutlich gewachsen.

Auch überzeugende Alternativvorschläge, die der Idee von Durban entsprächen, liegen schon vor. So haben kamerunische Aktivistinnen die Ehrung des hingerichteten Widerstandsführers Rudolf Douala Manga Bell angeregt. Tansanische Berliner schlagen eine Maji-Maji-Allee vor, die den gemeinsamen Kampf zahlreicher ostafrikanischer Völker 1905 bis 1907 gegen die deutschen Kolonialherren ins öffentliche Bewusstsein rücken soll. Das Café Fredericks in der Lüderitzstraße erinnert bereits jetzt an den Namakaptein Cornelius Fredericks, der während des erst kürzlich eingestandenen Genozids an den Herero und Nama im Konzentrationslager auf der Haifischinsel ermordet wurde. Und ginge es nach der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, so würde die Mohrenstraße im Herzen von Berlin schon morgen nach Anton Wilhelm Amo benannt werden. Der erste afrodeutsche Gelehrte an einer preußischen Universität stritt in einer Disputation bereits 1729 für die Rechte der Schwarzen in Europa. Zu diesen Rechten gehört zweifellos auch das auf die Würdigung ihrer Geschichte im öffentlichen Raum.