Zu den Nebenerscheinungen der Flüchtlingskrise darf der Imagewandel der deutschen Polizei gerechnet werden. Selbst Leute, in deren Milieus noch vor ein paar Jahren der Begriff "Bullenschweine" geläufig war oder zumindest nicht als völlig verpönt galt, sympathisierten mit der massiven polizeilichen Überwachung des rheinischen Karnevals. Vermutlich gibt es wenige Berufe, die je nach Interessenlage so unterschiedlich bewertet werden. Und dass kein Beruf an das Erzählpotenzial des polizeilichen herankommt, ist ohnehin klar.

Von einem Krimi muss man nicht unbedingt rechtsstaatlichen Realismus erwarten. Unsere Tatort- Kommissare leisten sich mitunter Dinge, die sie auf keiner Polizeischule gelernt haben können. Noch seltsamer geht es allerdings in jenen Doku-Serien der Privatsender zu, die sich ausdrücklich auf die authentische Polizeiarbeit berufen. Sie heißen Auf Streife (Sat.1), Der Blaulicht-Report (RTL) oder Die Straßencops (RTL 2). Alle fünf Minuten fällt der Satz: "Sie kommen jetzt erst mal mit aufs Revier!" Die Beamten rücken schon an, wenn ein Sorgenbürger glaubt, die Erscheinung seiner Nachbarin lasse auf Prostitution schließen. Während eine betont seriöse Hintergrundstimme den Fernsehzuschauer über die Rechtslage der Prostitution informiert, sieht man zwei Uniformierte in die Wohnung einer locker bekleideten Dame marschieren, die nachmittags gern Sekt trinkt. Dann fällt der zweite Standardsatz: "Wir schauen in ein paar Tagen noch mal vorbei." Warum? Um den Sektkonsum zu beobachten?

Offensichtlich ist es gar nicht so einfach, die Arbeit der Polizei abzubilden, ohne sich ihrer Stilisierung zu bedienen. Auch der Schauspieler Marek Erhardt, dessen Gesicht aus diversen Serienkrimis bekannt ist, geht in diese Falle. Zwei Jahre lang begleitete er Zivilfahnder im Hamburger Stadtteil Billstedt und schrieb darüber ein Buch. Sein Interesse am Polizeialltag ist überhaupt nicht zu bezweifeln. Nur begegnet der Leser eher einer zum Thriller frisierten Version dieses Alltags. "Ich bewaffne mich mit meinem Handy und gehe raus in den Großstadtdschungel", heißt es auf Seite sechs. Das Verb "bewaffnen" in Verbindung mit einem Handy klingt schon arg dramatisch. Und "Großstadtdschungel" verklärt Billstedt zur hanseatischen Bronx. Das sind nur sprachliche Kleinigkeiten. Sie lassen aber den reißerischen Erzählton erkennen, der einer dokumentarischen Darstellung im Weg steht. Dazu passt der schiefe Buchtitel: Undercover. Ein Zivilfahnder ist nicht dasselbe wie ein Undercover-Ermittler. Aber der amerikanisierte Jargon macht eben mehr her.

Schade, dass das Buch die Chance, sich mit Polizeirealität realistisch zu befassen, nicht nutzt. Gerade jetzt könnte das interessant sein.

Marek Erhardt: Undercover. Mit Zivilfahndern unterwegs im härtesten Revier der Stadt; Ullstein Verlag, Berlin 2015; 269 S., 14,99 €