Nachdem die Deutschen 1940 in Frankreich einmarschiert sind, versuchen viele Pariser in den Süden zu fliehen, in die unbesetzte Zone. So auch der französische Schriftsteller und Kunstkritiker Léon Werth, weltberühmt als der Freund, dem Saint-Exupéry sein Buch Der kleine Prinz widmete. Werth will mit seiner Frau Suzanne im Ferienhaus im Jura unterkommen. Acht Stunden werden sie brauchen, denken sie, als sie am 11. Juni 1940 ins Auto steigen – und sind 33 Tage unterwegs. Jahrzehnte war die Chronik dieser Flucht verschollen und ist nun, zu einem Zeitpunkt, der passender nicht sein könnte, (zum zweiten Mal) auf Deutsch erschienen, es ist eine menschenkluge und hellsichtige Betrachtung aus einer Zeit der Not.

Léon und Suzanne Werth fahren mitten hinein in den Flüchtlingsstrom, der ameisenlangsam vorankommt. Benzin wird knapp, auch Essen. Dafür gibt es Flugzeuge, die Bomben abwerfen, und Heckenschützen mit Sturmgewehren. Tote Pferde, verletzte Menschen, Gestank, Gewalt, Chaos, verlassene Höfe, deutsche Soldaten, französische Anbiederung und pulsierende Angst. Nur Hunde wedeln noch fröhlich mit den Schwänzen.

Die Werths, in Paris respektierte Intellektuelle, sind flüchtende Fremde geworden im eigenen Land und sind nun angewiesen auf die Güte von anderen. Was sich abspielt, hat Léon Werth gleich nach der Ankunft im Jura aus dem "dichten Gewebe der Erinnerung" herausgezogen und festgehalten. Es ist kein Geschichtsbuch geworden, nicht die große Politik ist sein Thema, sondern der kleine Alltag. "Ich erzähle ... in dieser Unermesslichkeit des Krieges Geschichten von Insekten."

Werth berichtet von Flüchtlingen und Kriegsgewinnlern, von Opportunisten und Menschenfreunden, immer facettenreich, manchmal fassungslos. Er beobachtet die Deutschen ("sie tragen Badehosen und marschieren in Viererreihen singend im Gleichschritt") und zitiert freudig seinen bäuerlichen Beherberger, der schlicht erklärt, die Besatzer müsse man ertragen, weil sie nun mal da seien, aber erniedrigen müsse man sich nicht.

Da treffen sich der Landwirt und der linke Intellektuelle, die beide darum ringen, ihre Würde zu bewahren. Der Grat ist schmal. Wie ein Kartograf der Empfindungen versucht Werth, die Grenzen zwischen Stolz, Angst und Unterwerfung zu bestimmen. Als eine Frau, auf deren Grundstück die Werths kampieren, sich bei den Deutschen anbiedert und zugleich den Werths Reste vom Kaninchenbraten anbietet, lehnt Suzanne würdevoll ab. Er selber hätte die leckeren Bratenstücke wohl angenommen.

Léon Werth: 33 Tage. Ein Bericht; aus dem Französischen von Tobias Scheffel; mit einem Vorwort von Antoine de Saint-Exupéry und einem Nachwort von Peter Stamm; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016; 208 S., 19,99 €, als E-Book 18,99 €