Bisher wurde die AfD an den Hochschulen meist von Professoren vertreten. Das reicht ihr nicht mehr. Von den ersten Hochschulteams verspricht sie sich mehr Resonanz.

Der Student der Zukunft sieht nach Vergangenheit aus: Lars Steinke trägt Jackett, wenn er die Wohnung verlässt. Auf dem Campus, in der Stadt, immer. Dazu ein Hemd, den Kragen blütenweiß und hochgestellt, den Linksscheitel wie mit dem Lineal gezogen. Selbst der Schmiss sitzt sauber. Die Narbe zieht sich genau über die Mitte der Nasenwurzel. Steinke ist Mitglied der schlagenden Studentenverbindung Hannovera. An diesem grauen Mittag läuft er über den Göttinger Marktplatz, zu einem Café, das er vorgeschlagen hat. Im Prinzip, sagt Lars Steinke, habe er kein Problem mit Flüchtlingen an der Uni. Er sei da kein Sozialneider. Solange es Eignungstests gebe, unabhängig vom Schulabschluss im Heimatland. "Der kann ja auch gefälscht sein."

Steinke ist 23, vor vier Jahren zog er aus einem Dorf in der Nähe von Osnabrück zum Biologiestudium nach Göttingen. "Aber in Bio kam mir zu wenig Genetik vor." Heute ist Steinke Politikstudent im ersten Semester und Gründer der ersten Hochschulgruppe der Jungen Alternative (JA), der Jugendorganisation der AfD. Neun andere Mitglieder hat die Gruppe laut Steinke, Frauen und Männer. Dazu kämen zehn bis 15 Sympathisanten. Steinke sagt, ein Treffen mit der Presse sei den anderen unangenehm. Am Abend wollen sie bowlen gehen.

Bei den Landtagswahlen am Wochenende landete die AfD in allen drei Bundesländern im zweistelligen Bereich, in Sachsen-Anhalt entschied sich gar jeder vierte Wähler für die neuen Rechten. Trotzdem gilt die Partei weiter als Schmuddelkind der deutschen Politik. Eine Partei für die Abgehängten, die Dumpfen und für zornige alte Männer. Soll der Sieg vom Sonntag keine Ausnahme bleiben, muss die Partei jünger und smarter werden. In einem Wort: akademischer. Bei einem Teil der Professoren sind die AfD und ihre Verbündeten schon angekommen (ZEIT Nr. 7/16). Auch Jörg Meuthen, Spitzenkandidat der Rechten in Baden-Württemberg, ist VWL-Professor. Doch wie gut ist die AfD in der Studentenschaft vernetzt?

Bisher ist die AfD keine Partei für deutsche Studenten, sondern eine, die ausländische Studenten abschreckt.

Wie viele AfD-nahe Hochschulgruppen es gibt und wie viele Mitglieder diese haben, ist schwer zu überblicken: Die Junge Alternative zählt vier aktive Gruppen, neben Göttingen in Düsseldorf, München und Münster. Wer googelt, findet auch Gruppen in Kassel und in Augsburg. Andererseits muss eine Internetpräsenz in der realen Welt nichts bedeuten. So teilt die LMU in München über die im Februar gegründete Gruppe mit: "Diese ist der Hochschulleitung nicht bekannt." Selbst der stellvertretende JA-Vorsitzende John Langkamp sagt, dass er erst spät erfahre, wenn sich ein neuer Uni-Ableger gründet. Sicher ist er nur, dass keiner von ihnen mehr als 20 Mitglieder hat. "Wir stehen in Sachen Uni-Engagement ja noch am Anfang."

Das bedeutet auch: Noch können die Hochschulen die rechten Studenten fast immer ignorieren. Nicht nur haben sie wenig Zulauf, sie suchen auch selten den Kontakt zur Universität.

"Für die Hochschulpolitik ist die AfD-Gruppe hier irrelevant", sagt Michael Swoboda, der für die Jusos im Asta-Vorstand in Düsseldorf sitzt. Die Rechten würden höchstens als Störer auffallen, wie bei einer Veranstaltung der muslimischen Hochschulgruppe, bei der sich Zuhörer mit islamkritischen Fragen gemeldet hätten. "Das waren Leute von der AfD-Gruppe, die sich abgesprochen hatten." Der RCDS winkt ebenfalls ab. "Die AfD-Hochschulgruppen existieren nur auf dem Papier", sagt der RCDS-Bundesvorsitzende Jenovan Krishnan. "Die AfD ist keine Konkurrenz für uns."

Die Marginalisierung schlägt sich auch in den Ergebnissen der Uni-Wahlen nieder. 2015 trat die AfD-Hochschulgruppe in Düsseldorf nicht einmal an – und besitzt daher auch nicht den Listenstatus, der dazu berechtigt, etwa Infostände bei Erstsemesterveranstaltungen aufzustellen. In Göttingen brachte Lars Steinke zweimal eine JA-Liste zusammen. Doch bei beiden Uni-Wahlen scheiterte diese. 2015 entschieden sich 87 Menschen für die JA-Hochschulgruppe, in diesem Jahr waren es 64. Für keine Vorschlagsliste stimmten weniger Menschen, den Einzug ins Parlament verfehlten die Rechten.

Bisher ist die AfD keine Partei für deutsche Studenten, sondern eine, die ausländische Studenten abschreckt. So warnte das Regionalblatt Mitteldeutsche Zeitung nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: "Studenten werden sich dreimal überlegen, ob sie – nach diesem Rechtsruck – hierherkommen."

Wenn sie politisch kaum erfolgreich sind – warum mühen sich die JA-Aktivisten im Studentenmilieu ab? Die Antwort hat viel mit der erhofften Zukunft zu tun. Sicher, der Campus sei links geprägt, sagt John Langkamp. "Aber es ist eben sinnvoll, da Veranstaltungen zu machen, wo wir Leute rekrutieren wollen – und das sind junge Akademiker." Steinke sagt, als patriotischer und wertkonservativer Student finde er es wichtig, mit seiner Gruppe ein Gegengewicht zum rot-grünen Klima zu schaffen, das die Achtundsechziger an die Unis gebracht hätten. Der CDU-nahe RCDS ist ihm zu zahm. "Das sind größtenteils vernünftige Leute", sagt Steinke. "Aber die haben keine Visionen, wollen nichts mehr am großen Ganzen verändern."