Als am Sonntagabend auf der Wahlparty der AfD in Magdeburg die Ergebnisse verkündet wurden, skandierten die Anhänger: "Volkspartei!, Volkspartei!" 24,2 Prozent der Stimmen bekam die AfD in Sachsen-Anhalt, so viele wie in keinem anderen Bundesland. Mehr als SPD, Grüne und FDP zusammen. In 15 von 43 Wahlkreisen in Sachsen-Anhalt wurde die AfD sogar die stärkste Kraft.

Schaut man sich die Daten aus der Wahltagsbefragung von infratest dimap an, wird klar, dass sich mitnichten "das Volk" von der AfD angesprochen fühlt, sondern besonders zwei Wählergruppen: einfache Arbeiter und Arbeitslose. Nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern auch in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. In Sachsen-Anhalt lag die Partei in diesen Wählergruppen bei fast 40 Prozent, mit großem Abstand vor den übrigen Parteien. In jenen Wahlkreisen, in denen die AfD über die 30-Prozent-Marke kam, ist die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich hoch. In Sangerhausen beispielsweise sind 14,2 Prozent der Menschen erwerbslos; hier stimmten 30,3 Prozent für die Partei. Ähnlich sieht es in Bernburg aus (30,8 Prozent der Stimmen), in Zeitz (31,6 Prozent) und Bitterfeld (33,4 Prozent) – jenem Ort, in dem die AfD am besten abschnitt. Wo früher die Linkspartei punkten konnte, siegt heute die AfD. Aber welche Wirtschaftspolitik bietet sie diesen Wählern eigentlich?

Als die AfD vor gut drei Jahren gegründet wurde, war das wirtschaftspolitische Profil der Partei klar. Sie war eine Anti-Euro-Partei, ihre Chefs waren Ökonomen aus dem wirtschaftsliberalen Lager, angeführt von Bernd Lucke. Die meisten dieser Ökonomen haben der AfD den Rücken gekehrt. Die verbliebenen, vor allem nationalkonservativen Parteifunktionäre stürzten sich auf ein anderes Thema: die Flüchtlingspolitik. Jetzt, da die AfD bald in acht Landtagen sitzt, muss sie stärker denn je auch zu anderen Fragen Stellung beziehen.

Vor wenigen Tagen kam der Entwurf für das Grundsatzprogramm der AfD an die Öffentlichkeit. Darin geht es auch um das Wirtschaftsprogramm der Partei – und das zielt nicht darauf ab, die Lage für Geringverdiener zu verbessern. Es trägt marktradikale Züge und fordert starke sozialpolitische Einschnitte. Im Programmentwurf heißt es: "Wir erkennen dabei, dass das Umlagesystem Halt in schwierigen Zeiten geben kann, gleichzeitig aber auch die Selbstständigkeit des Bürgers untergräbt und bewährte familiäre Strukturen unterlaufen kann. Wir wollen daher eine Reform der sozialen Sicherungssysteme." Die Gewinner dieser Reformen wären vor allem Unternehmer und Vermögende – von denen die AfD eher im Westen Stimmen bekam.

Wie kaum ein anderes Bundesland profitieren die Menschen in Sachsen-Anhalt von einer solidarischen Sozialversicherung. Doch genau dieses Solidarsystem will die AfD zerschlagen. Unter anderem will sie die Arbeitslosenversicherung, konkret das Arbeitslosengeld I, privatisieren. Anstelle eines Systems, in dem die Versicherten sich gegenseitig Unterstützung gewähren, baut die AfD auf private Vorsorge und Unterstützung aus der Familie. Ausgerechnet Geringverdiener und Menschen am Existenzminimum wären bedroht, da sie sich eine private Vorsorge kaum leisten könnten.

Auch die Steuerpolitik der AfD ist keine Politik für wirtschaftlich Schwache. "Analog zur Schuldenbremse wollen wir eine verbindliche Steuer- und Abgabenbremse im Grundgesetz", steht im Programmentwurf. Und weiter: "Die Alternative für Deutschland will die Erbschaftsteuer ersatzlos abschaffen." Würde die Erbschaftsteuer gestrichen, gingen dem Staat Milliarden von Einnahmen verloren – und damit ein wichtiges Instrument zur Umverteilung und sozialpolitischen Korrektur der ungleichen Vermögensverteilung. Unter sozialer Ungleichheit leiden vor allem Menschen in strukturschwachen Regionen. Regionen wie Sachsen-Anhalt.