Es gibt Architekten, die am Computer Gebäude planen können, die so ausgeklügelt sind, dass sie niemand mehr bauen kann, weil die Gesamtperspektive fehlt. Da muss zum Beispiel von Anfang an festgelegt werden, dass eine Tür 88 und nicht etwa 95 Zentimeter breit sein wird, obwohl noch gar nicht feststeht, ob der zugehörige Raum vielleicht besser anderswo wäre und wie sich das Ganze mit der Umgebung verträgt. Manche Architektenbüros greifen deshalb lieber wieder auf die guten alten Zeichenpläne zurück, die man auf den Tisch legen und von oben betrachten kann.

Die Politik hat ein ähnliches Problem. Der Zusammenhang, die Gewichtung scheinen für immer mehr Menschen verloren zu gehen: Was ist ein Einzelfall, was ein Symptom? Das ist der Grund, warum sich viele selbst bei Entwicklungen im eigenen Land wie der Flüchtlingskrise nicht in der Lage fühlen, zu beurteilen, ob die Sache eigentlich insgesamt eher gut oder schlecht läuft. Das ist auch der Grund, warum so aufgeregt auf die drei Landtagswahlen geschaut wurde. Alle erhofften sich Aufschluss über die Frage: Wo sind wir noch mal gerade?

Zehntausende Nichtwähler machen wieder mit. Aber sie stimmten für eine Partei, die nicht für oder gegen bestimmte Inhalte ist, sondern in großen Teilen einfach gegen das "System". Ist das nun ein Gewinn für die Demokratie oder ein Menetekel? Sowohl als auch. Das Ergebnis räumt mit einigen Irrtümern auf, aber es macht Politik noch schwieriger, als sie ohnehin schon ist.

Irrtum 1: Eine Mehrheit findet Merkels Flüchtlingspolitik gut. In Nachwahlbefragungen haben die Wähler in allen drei Ländern auf die Frage, ob sie mit Merkels Flüchtlingspolitik einverstanden sind, mehrheitlich mit Nein geantwortet.

Wenn trotzdem mehr Wähler CDU, SPD und Grüne gewählt haben als AfD, ist das lediglich ein Beleg dafür, dass die Flüchtlingspolitik nicht das einzige, ausschlaggebende Thema war. Die meisten Wähler haben sich also für den Kontext entschieden und nicht für den Ausschnitt. Das stimmt optimistisch.

Irrtum 2: Die SPD ist eine Volkspartei, hat nur Probleme, ihre Wähler an die Urne zu bringen. Die Wahlbeteiligung ist zwar gestiegen, die Werte der SPD aber sind außer in Rheinland-Pfalz in den tiefsten Keller gesunken. Dass beide Volksparteien inzwischen beträchtlich schwächeln, wurde bislang dadurch verdeckt, dass man sich im Zweifel einfach zusammentat und in Gestalt der großen Koalition gemeinsam als Volkspartei auftrat. In Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg ist diese Scheinvergrößerung nun durch die AfD unmöglich geworden.

Irrtum 3: Die AfD ist ein Randphänomen. "Müssen wir uns schon wieder mit denen beschäftigen?", lautete in mancher Redaktion die gequälte Frage, wenn es um die AfD und/oder Pegida ging, die nicht eins sind, aber doch einiges miteinander zu tun haben. Und CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder empfahl, die Konkurrenz einfach zu ignorieren. Doch eine politische Kraft, die zweistellig in Landtagen sitzt, kann man nicht ignorieren.