Endlich schneit’s mal wieder. Ein weißer Schimmer liegt auf dem Bergwald, an der Planai in Schladming laufen die Lifte. Aber kurz vor dem Ende der Weltcup-Saison hat die Skifahrerin außer Dienst kein Auge für die Romantik des Winters. Schaut nicht rechts, schaut nicht links, mit zugezogener Kapuze und entschlossenen Schritten geht sie zum Eingang eines nüchternen Funktionsgebäudes am Ortsrand.

"Egal, wie draußen das Wetter ist – ich geh in den Kraftraum", sagt Anna Fenninger trocken. "Wenn die Sonne scheint, ist’s schlimmer."

An den Leuten im Foyer eilt sie grußlos vorbei. Treppe runter, erst im Keller öffnet sich ihr verschlossenes Gesicht. Sie knipst ihr Lächeln an und begrüßt das Fernsehteam von Eurosport. Es wartet im grauweißen Flur vor Raum 911, an der Tür steht "Kraftkammer 3 – Beinpresse".

Vergangenen Winter filmten TV-Teams Anna Fenninger in anderer Umgebung. In Méribel hielt sie den Weltcuppokal hoch, den die beste Skifahrerin am Ende der Saison bekommt. 2014 gab es Bilder einer strahlenden Siegerin, die in Sotschi olympisches Gold im Super-G gewann.

Drei Tage vor dem ersten Bewerb dieses Winters stürzte der Star beim Training in Sölden. Im rechten Knie ging so ziemlich alles kaputt, was eine Skirennläuferin zur Ausübung ihres Berufes braucht: Kreuzband, Innenband, Patellasehne. Seit der Operation geht Fenninger sechs Tage die Woche in die Ski-Akademie Schladming zur Reha.

Wie geht es dieser jungen Frau, die vom Olymp in den Keller gestürzt ist?

In der Kraftkammer 3 sitzt Anna Fenninger auf einem Ergobike und radelt sich warm. Sie wirkt wie eine ernsthafte Studentin, die schon vor der Vorlesung etwas für ihre Fitness tut. Schmales Gesicht mit Sommersprossen, das dunkle Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Konzentrierter Blick, die Augenbrauen akkurat gezupft. Die Narbe am Knie ist so lang und so dick wie ein Bleistift und wulstig rot.

Die zierliche Frau ist 26 Jahre alt. Sie wuchs mit zwei jüngeren Brüdern in Adnet bei Salzburg auf, in Bad Gastein besuchte sie die Skihotelfachschule. Aber auch nach dem Sturz, als nicht klar war, ob sie je wieder ein Rennen fahren kann, verschwendete sie kaum einen Gedanken an Plan B. "Ich könnte nicht von heut auf morgen im Hotel arbeiten, die Ausbildung ist zu lang her. Außerdem würd mir im normalen Leben schnell langweilig werden", sagt sie. Für sie war schon in der Klinik in Innsbruck klar: "Ich gehör in die Skiwelt. Da will ich wieder hin."

Nach dem Aufwärmen beginnt Peter Meliessnig mit den Übungen für Kraft und Koordination. Er ist ihr persönlicher Konditionstrainer, wird vom Österreichischen Skiverband (ÖSV) bezahlt, kümmert sich das ganze Jahr nur um Anna Fenninger. Für diese exklusive Betreuung hat sie vergangenen Sommer im Streit mit dem Verband gekämpft.

Wie fühlt sich das an, gesund zu werden in Abhängigkeit vom ÖSV?

"Elf Jahre lang habe ich meine Konditionstrainer selbst bezahlt. Wenn man als Sportler eine individuellere Betreuung braucht, investiert man viel, gerade in jungen Jahren." Die Rennläuferin hält sich nicht mit Dankbarkeitsrhetorik auf. Sie steuert zentimetergenau das nächste Tor an: "Dass der Verband mich jetzt in Anbetracht meiner Erfolge auch hier unterstützt" – das hält sie für ein folgerichtiges Ergebnis ihrer Leistung.

Nicht viele Skifahrer in Österreich riskieren den Konflikt mit dem mächtigen Verbandspräsidenten. Woher nahm sie den Mut, mit Peter Schröcksnadel in den Clinch zu gehen?

"Der Konflikt oder der Clinch war nie mein Ziel. Mir ging es um die ideale individuelle Betreuung. Diese einzufordern, das war ganz einfach mein Instinkt. Ich hab die Erfahrung gemacht: Wenn ich nicht auf mich höre, erreiche ich meine Ziele nicht."

Fenningers Sätze klingen kompromisslos, aber nicht überheblich. Da spricht kein kraftstrotzender Athlet, sondern eine schmale Frau, die in der Machowelt des Skisports oft auf ihr hübsches Gesicht reduziert wird.