Der Konditionstrainer hat zwei Slacklines gespannt. Mit beiden Füßen muss Fenninger auf die schmalen Bänder steigen und in die Abfahrtshocke gehen. Ihr Oberkörper berührt fast die Oberschenkel, die Beine zittern vor Anstrengung. Um die Übung zu verschärfen, versetzt der Trainer die Bänder in Schwingungen. Als die verletzte Sportlerin schon hohle Backen hat, befiehlt er: "Noch zehn Sekunden."

"Spitzensportler sind nicht gemacht fürs Geduldigsein", sagt Peter Meliessnig. "Nach fünfeinhalb Wochen konnte Fenninger die Krücken weglegen. Aber darüber hat sie sich genau einen Tag gefreut. Am nächsten hat sie gesagt: Warum kann ich noch nicht laufen?"

Seit Sotschi arbeitet Meliessnig mit der ehrgeizigen Skifahrerin. Nach dem Sturz hat er eine andere Person erlebt: "Sie stand die letzten zwei Jahre nur auf der Sonnenseite. Diesen Winter hab ich sie auch anders erlebt. Manchmal traurig, grübelnd oder unsicher. Vorher hat sie nie an ihrem Körper und ihrem Können gezweifelt."

Auch wenn Österreich Anna Fenninger als öffentliche Person vereinnahmen möchte: Sie gehört nicht zu den Menschen, die jedem vertrauensselig um den Hals fallen. Der Konditionstrainer sagt: "Sie überlegt lang. Aber wenn sie eine Entscheidung getroffen hat, zieht sie die Dinge hundertprozentig durch." Die beiden haben keinen Vertrag unterschrieben, sie haben ihre Zusammenarbeit per Handschlag besiegelt. Nach der Abfahrtsübung auf der Slackline wird klar, dass er zum engen Kreis der Vertrauten gehört, die Athleten in der Scheinwelt des Sports so dringend brauchen. Fenninger schenkt ihm nicht nur ihr professionelles Medienlächeln. Er kriegt ein offenes, fröhliches Lachen.

Das Team von Eurosport ist aus Paris angereist. Auf Französisch bespricht es, was es drehen will. Die Augen von Anna Fenninger werden zu misstrauischen Schlitzen. "Interview auf Französisch?", fragt sie ihre Pressesprecherin, und in diesem Moment klingt die Klage aus ihrem Umfeld glaubhaft, sie behandle ihren Skiservicemann wie einen Dienstboten, wenn es nicht wunschgemäß läuft.

Die Pressesprecherin wiegelt ab: Keine Sorge, das Gespräch wird auf Deutsch geführt.

"Anna ist extrem facettenreich", schwärmt Florian Krumrey. "Das macht sie so interessant. Sie kann eine Schmusekatze sein, aber auch die Krallen ausfahren." Krumrey ist seit Dezember Fenningers Manager, und wie sein Vorgänger Klaus Kärcher kommt er aus Deutschland. Um atmosphärische Störungen zu vermeiden, suchte er gleich das Gespräch mit Peter Schröcksnadel. Heute sagt er: "Ich glaube, der Verband hat akzeptiert, dass sie an unabhängiger Beratung festhalten und über den Tellerrand des Verbands hinausschauen will."

Von einem Marktforschungsinstitut hat der Manager ihre Sympathiewerte messen lassen. Obwohl sie diesen Winter kein einziges Rennen fährt, kommt sie in Österreich, Deutschland und der Schweiz im Schnitt auf selten erreichte 80 Prozent.

Anna Fenninger hat ein Privatteam um sich aufgebaut: Konditionstrainer, Manager, eigene Pressesprecherin. Das Team kontrolliert das Bild, das die Menschen von Anna zu sehen bekommen. Ein Fotograf der ZEIT darf im Kraftraum Porträts aufnehmen. Aber diese werden vom Team nicht freigegeben – sie zeigen nicht die Ikone der Sponsorenfotografie. Sondern eine verletzte Sportlerin, die darum kämpft, wieder ins Starthaus zu kommen.

Nach dem Sturz hat Anna Fenninger sechs Kilo abgenommen. Um wieder Muskelmasse aufzubauen, zwängt sie sich in die Beinpresse und drückt mit dem verletzten Knie 80 Kilo weg. Bei jeder Wiederholung bläst sie vor Anstrengung die Backen auf. "Das ist ein komischer Winter", sagt die Rekonvaleszentin. Sie ist nicht wie sonst um die halbe Welt zu den Rennen gereist. Ausnahmsweise konnte sie Dinge tun, die für die meisten Menschen alltäglich sind. Aber von den Möglichkeiten der normalen Welt hat sie erstaunlich wenig Gebrauch gemacht. Dreimal war sie auf dem Christkindlmarkt, zweimal im Kino. Das waren die größten Extravaganzen. Nichts sollte den strengen Rhythmus des Trainings in der Kraftkammer stören. Das Skifahren bestimmte auch in diesem verlorenen Winter ihr Leben. Für ihren Sponsor flog sie zu Werbeaufnahmen nach New York. Doch der Trip war zu kurz für den Jetlag: Dienstag hin, Donnerstag zurück. Sie war in keinem Club, hat nicht den Broadway besucht, ist nicht zum Shoppen über die Fifth Avenue flaniert.

Im August will Fenninger wieder auf die Ski. Und in zwei Jahren möchte sie bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang Gold im Riesenslalom gewinnen. An dieser Disziplin hängt ihr Herz, weil hier nicht die Mutigen aus der Abfahrt gefragt sind und auch nicht die Artisten aus dem Slalom, sondern die technisch besten Skifahrer. Aber schnell bremst sie ihre Träumerei wieder ein und sagt: "Es ist ja kein Wunschkonzert."

Was, wenn sie in Korea nur Fünfte wird? Ist das die Schinderei im Kraftraum wert?

Anna Fenninger überlegt nicht lang. Sie sagt rasch und resolut: "Ich muss keinem mehr was beweisen. Ich bin ja Olympiasiegerin."