Köln-Ehrenfeld, fünfter Stock, hallo Normalität. Kacheln an den Häuserwänden, im Flur Turnschuhhaufen, vor dem Fernseher eine alte Spielkonsole, Nintendo von 2005 oder so. Dazwischen: vier Jungs Anfang 20, Kapuzenpullis, egale T-Shirts, irgendwelche Turnschuhe, aber nicht so, dass es schon wieder hip aussehen würde. Die Band AnnenMayKantereit.

Wer AnnenMayKantereit noch nicht kennt, kennt sie dann bald, kommt man dieses Jahr wohl nicht drum herum. Ob man mag oder nicht. Unbedarft hatte man vorher erzählt, dass man die Band trifft, in der WG von ihrem Schulfreund und Manager Carlo. Krasse Reaktionen darauf: "Wow, ich bin so neidisch!", schreibt wer (21-jährige Kollegin). "Ich hasse die, diese schlimme Durchschnittlichkeit", schreibt wer anders (30-jähriger Musiknerd-Freund). Das mit den Hassgefühlen kann man gar nicht nachvollziehen, die nettesten Jungs überhaupt. Erst mal zusammen zu Rewe, wir wollen gleich kochen. Das war die Idee, weil es ein Musikvideo gibt, da isst die Band leckere Pasta ohne Schnickschnack vom Holztisch. Und weil das mit dem Kochen jetzt so ein Junge-Leute-Ding ist, und um die Junge-Leute-Dinge geht’s, wenn von dieser Band gesprochen wird. Pasta und als Vorspeise Blätterteig mit Füllung ist der Plan. "Schöner Blätterteig, bin ich glücklich", sagt Henning. Henning ist der Sänger, 24, Locken, blass, aber trotzdem so Fußball-sportlich. Süßer Typ, den Mädchen toll finden: schlau, aber nicht nervig nerdig, kann kochen. Er will lieber noch Sahne kaufen, keine Ahnung, was Carlo in seiner Küche hat, die sei "relativ inaktiv".

Dann erst mal eine Zigarette auf dem Balkon, wo der überfüllte Aschenbecher auf dem Kugelgrill steht. Die Band kommt gerade von den Interviewterminen, die deutsche Musikpresse war da und wollte Antworten hören. Warum das große Gedränge um die Band? Erster Grund: Ihre Geschichte klingt wie aus dem Pop-Märchenbuch abgeschrieben. Severin, 23, der Schlagzeuger, erzählt gleich mal, weil ihm das so wichtig ist: dass man immer alles selber machen wollte, das ganze Team, bis hin zum Lichtmann, seien alles Freunde, alles wie Familie, nix anonyme Musikindustriekrakenmaschine. Henning May, Christopher Annen und Severin Kantereit kennen sich aus der Schule, Gymnasium in Sülz, guter Stadtteil Kölns. Nach dem Abi die Frage: Was machen? Die drei wollten machen: ein bisschen Straßenmusik. Mit Gitarre und Cajón haben sie sich an eine Ecke gesetzt und Coverversionen gespielt. Irgendwer filmt sie, stellt das Video zu YouTube, schreibt drunter: "DSDS kann sich davon mal ne Scheibe abschneiden." Die alte Geschichte, echt gegen falsch, authentisch gegen aufgesetzt, Holz gegen Plastik. Danach eigene Songs, Videos mit zehn Millionen Klicks, Festival-Geheimtipp und ein viertes Bandmitglied, Malte.

Der Sound der Band: Schlagzeugbassgitarre, Henning spielt Klavier, wenns was zum Weinen geben soll. Eher zeitlos, oder? Severin: "Ja, da sitzt keiner mit dem Laptop, und man kann nicht nachvollziehen, wo der Sound herkommt. Wir haben halt vier Instrumente, und das kommt auch genau aus diesen Instrumenten raus!" Ein schönes Kompliment, sagt Henning, sei mal gewesen: "Hey, zu euren Konzerten könnte ich auch meine Oma mitbringen." Severin schnippelt Gemüse. Was jetzt? Henning: "Den Brokkoli kurz anbraten!"

"Wir machen das anders. Wir machen es schön klein und gemütlich", sagt Henning

Okay, aber das erklärt alles noch nicht, warum Leute durchdrehen, weil das erste richtige Album von AnnenMayKantereit erscheint: Alles Nix Konkretes, bei einem Major-Label, produziert von Moses Schneider in den Hansa Studios in Berlin, wo einst Bowie und Iggy und so weiter. Deswegen schnell Grund zwei, warum diese Band so besonders ist: weil sie so normal ist, wie es gerade noch auszuhalten ist. Wer bei YouTube ihr Lied 3. Stock anguckt und jungen Leuten gerne unterstellt, sie seien langweilig, der bekommt dann seinen gewünschten Wutanfall. Es geht um Hennings Fernbeziehung, und er singt tatsächlich, mit krass viel Sehnsucht: "Ich würd’ gern mit dir in ’ner Altbauwohnung wohn’, zwei Zimmer, Küche, Bad und ’n kleiner Balkon." Und dann, eigentlich ist das Lied schon zu Ende, singt, spricht er noch hinterher: "Ich würd’ auch manchmal morgens Brötchen holen."

Sind also alle schlimmen Geschichten über die Anfang-20-Jährigen wahr. Total verspießert, wollen nichts mehr außer ihr kleines Idyll. Oder? Frage an die Band: Altbauwohnung? So melodramatisch vorgetragen? Ist das vielleicht nicht doch, äh, ein bisschen ironisch gemeint? Nee, natürlich sei da Ironie mit drin, sagt Henning. "Ist mir auch klar, dass das naiv ist. Für einen 22-Jährigen, mit einer Freundin, die studiert. Da sind die Chancen auf eine Altbauwohnung gleich null." Moment, naiv? Nicht eher das Gegenteil? Superbürgerlich, supernormal? Henning erklärt jetzt: dass die Eltern seiner Freundin in einem riesigen Haus leben und dass er mit ihr immer darüber geredet hat, wie sie das anders machen wollen. "So wie deine Eltern das gezogen haben" – er sagt "ziehen" für "machen" – "wir machen das anders. Wir machen es schön klein und gemütlich." Neben der Zucchini liegen jetzt kurz auch die ganzen Generationenwidersprüche auf dem Tisch, über die die Band sonst nicht gerne reden möchte, weil sie, jaja, nicht für eine Generation oder so was sprechen will. Leider kann man nicht mehr weiter fragen, Essen ist fertig. Jetzt erst mal Brettchen suchen, hat Carlo Brettchen? Vielleicht da im Schrank?