DIE ZEIT: Ihr neues Album Engtanz ist erschienen, es stand auf Platz eins der deutschen Charts. Jemals gedacht, dass Sie in dieser Weise Mainstream werden?

Axel Bosse: Als ich es gehört habe, dachte ich: Das ist ein Moment, wenn mir das jemand mit 14 gesagt hätte, wäre ich ohnmächtig geworden.

ZEIT: Wie haben die Leute auf Ihr Album reagiert?

Bosse: Mir haben viele schon in den ersten Tagen geschrieben, Tausende Kommentare, und ich habe auch lange Briefe bekommen von Menschen, die sehr berührt sind.

ZEIT: Vor allem Frauen?

Bosse: Ja.

ZEIT: Machen Sie Frauenmusik?

Bosse: Würde ich nicht sagen. Ich schreibe Songs, weil ich gerne texte, und die Texte sind an alle gerichtet.

ZEIT: Manche nennen die Musik, die Sie machen, Seelentröster-Pop. Können Sie damit etwas anfangen?

Bosse: Das ist okay für mich. Wenn meine Songs jemanden trösten, dann habe ich gar kein Problem damit. Ich freue mich über jeden, der angefasst ist.

ZEIT: Sind Sie ein Schmerzensmann?

Bosse: Nee, das sind doch eher Künstler, bei denen das Hauptthema ist: Ich sitze hier alleine und vermisse dich wirklich sehr. Aus diesem Gefühl machen die fünf Alben. Das bin ich nicht. Wenn ich die höre, denke ich: Alter, nimm dir ’ne Braut, verlieb dich jetzt endlich, dann kannst du sehen, dass alles gar nicht so schlimm ist. Nur kannst du dann halt nie wieder so einen Song schreiben.

ZEIT: Noch so ein Begriff: Deutschpoet. Passt das?

Bosse: Poet. Kommt mir ziemlich prätentiös vor.

ZEIT: Sie haben doch gesagt, dass Ihnen die Texte so wichtig sind.

Bosse: Klar, aber ob ich ein Poet bin, müssen die Leute entscheiden, die meine Songs hören. Das klingt für mich sehr aufgesetzt.

ZEIT: Engtanz ist Ihr sechstes Album. Sie sind jetzt 35. Ist das die erste Platte eines Erwachsenen?

Bosse: Muss man wohl so sagen. Ich lebe nicht mehr in Berlin, das Konto knallhart überzogen, und esse nachts Döner auf der Straße. Engtanz ist kein "Boah, ich such die ganze Zeit und find es aber nicht"-Album. Die Antworten sind jetzt da. Ich hab mehr Jahre auf dem Buckel, ich hab ein Kind, ein Zuhause in der Schanze. Davon war früher nie die Rede.

ZEIT: Was sind die bestimmenden Themen auf dem Album?

Bosse: Es geht um Zeit, die plötzlich anfängt zu rennen. Ich erlebe Abschiede, sogar von gleichaltrigen Freunden. Ich singe darüber, dass ich nur glücklich sein kann, wenn ich mich den Sachen stelle und nichts verdränge. Und ich feiere die eine oder andere verpasste Chance.

ZEIT: Haben Sie eigentlich Angst vor der Kitschfalle?

Bosse: Ich weiß schon, dass einige meiner Songs pathetisch sind, für mich ist das aber im extrem vertretbaren Bereich.

ZEIT: Ein Song auf Engtanz heißt Ahoi Ade. Da geht es um die Beerdigung eines Freundes von Ihnen. Der ist tatsächlich sehr pathetisch.

Bosse: Natürlich! Aber es ist die verdammte Wahrheit. Dann muss man das auch schreiben. Für mich ist es die schönste Nummer auf dem Album, nicht weil es der beste Song ist, sondern weil ich ihn in sieben Minuten runtergeschrieben habe. Ich bin nach Hause gekommen von meiner ersten Beerdigung eines meiner Buddys. Das war furchtbar und doch tröstlich, weil die ganzen alten Freunde da waren, sogar die zwei Unternehmensberater aus Dubai, die es im Leben geschafft haben. Dann fahre ich nach Hause, sehe meine Tochter, die schon Schuhgröße 35 hat, gehe in den Keller und halte diesen Abschiedsmoment fest.

ZEIT: Über Ihre Freunde schreiben Sie: "Meine Meute ist verstreut / Meistens Reihenhaus". Machen Sie jetzt Musik für Nido-Leser?

Bosse: Nido ist das Magazin für junge Eltern, oder?

ZEIT: Genau.

Bosse: Die Nido hat doch vorne immer so Fotos drauf, Hängematte, strubbeliges Kind, die Eltern sind richtig happy, und die bumsen auch noch. Nido, ja, da bin ich jetzt auch.

ZEIT: Ist das ein melancholischer Satz?

Bosse: Na ja, ist doch komisch, wenn man realisiert, wie sich das Leben verändert und was mit dem alten Freundeskreis passiert. Wir sehen uns jetzt auf ’ner Beerdigung, das muss man sich mal überlegen.

ZEIT: Eine andere Zeile auf der neuen Platte lautet: "Oh, du tanzt immer noch gigantisch schön". Hört sich an, als wären Sie der Lover von Brigitte Bardot.

Bosse: In dem Song geht es um Folgendes: Man sitzt mit jemandem an einer Bar und fängt einen Abend an, wo man sagen müsste: Wir sind eine eins a verpasste Chance. Und die Kinder, die am Fenster vorbeilaufen, könnten auch unsere sein. Ist aber nicht so. Und beide kommen darauf super klar, bis sie den fünften Rotwein drin haben. Dieser Moment der verpassten Liebe, das ist zeitlos, den kennt jede Generation.

ZEIT: Aber die Zeile wirkt doch so: Damals, vor vierzig Jahren, da sahst du umwerfend aus, und jetzt, auch wenn du schon alt bist, tanzt du immer noch toll.

Bosse: Die Szene ist aber viel abgefuckter. Ich sehe eher den Kleinen Donner an der Roten Flora. Zwei Menschen, die sich ordentlich einen reingezwirbelt haben, haben gemeinsam ein einigermaßen – wieder das schlimme Wort – erwachsenes Flashback-Erlebnis und tanzen dann gemeinsam. Für mich ist das eher hamburgisch und nicht so sehr die Grande Dame Brigitte Bardot.

ZEIT: Wir müssen noch über die Gründe Ihres Erfolgs reden. Die Süddeutsche Zeitung mutmaßt, dass es auch an Ihrem Äußeren liegt, weil Sie "so knuddelnett aussehen wie sonst nur Günther Jauch". Kompliment?

Bosse: Auf einem der Fotos, die gerade überall zu sehen sind, sehe ich wirklich ein bisschen aus wie der Jauch, da hatte der Fotograf so einen Moment. Ich habe den Satz auch nicht als Diss verstanden. Ist doch in Ordnung, mit so jemandem verglichen zu werden.

ZEIT: Die Süddeutsche schreibt auch, dass die Menschen besonders in aufgeregten Zeiten wie diesen Ihr Album kaufen. Stimmt das?

Bosse: So hoch würde ich das nicht hängen. Ich glaube, dass meine Fanbasis das Album gekauft hat und noch ein paar mehr Menschen, die Bock drauf hatten.

ZEIT: Sie schauen auf der Platte sehr stark nach innen, in Ihr Leben. In einer Zeit, in der alle nach außen schauen, auf die Politik, kann das fast etwas Entlastendes haben.

Bosse: Das würde ich unterschreiben, aber nicht nur für mich. Kunst, Sport, Musik und Bücher, aber auch Sauna und so waren schon immer dazu da, sich kurz rauszunehmen.

ZEIT: Sie geben am Wochenende zwei Konzerte in Hamburg. Die Einnahmen für den Auftritt am Sonntag spenden Sie komplett für Flüchtlingsprojekte. Warum?

Bosse: Ich will zeigen: Ich hab keinen Bock auf Rechtsruck, ich hab keinen Bock auf Idioten. Das Geld geht zu 50 Prozent an Pro Asyl und zu 50 Prozent an andere Hamburger Träger, die gute Sachen damit machen. Und im Publikum werden viele Helfer aus Flüchtlingsunterkünften sein, die laden wir ein.

ZEIT: Wird Bosse auf einmal politisch?

Bosse: Ich schraube seit etwa acht Jahren an meinem ersten richtig politischen Lied. Ich habe für Engtanz sogar einen Song geschrieben, der Engtanz hieß. Und als ich ihn wieder und wieder anhörte, dachte ich: Oh man, das Politische reißt mich aus dem Album raus, und außerdem macht es Peter Licht am Ende doch besser. Ich finde aber, wenn man in der Öffentlichkeit steht, muss sich zurzeit jeder klar äußern und klar Stellung beziehen. Das mache ich am Sonntag.