Mein Kolumnistenkollege Jan Weiler, der in der Welt am Sonntag über "Mein Leben als Mensch" schreibt, ist zurzeit mit zwei vergnüglichen Büchern über seine pubertierenden Kinder in der Bestsellerliste, sie heißen Das Pubertier und Im Reich der Pubertiere. In diesem Genre gibt es von anderen Autoren bereits die Titel Der Pubertist, Die Pubertistin, Pubertäter und Der Postpubertist. Ich selber melde, als Vater, hiermit Titelschutz an für Pubertissimo, Pubertussis, Der 13-Jährige, der aus dem Fenster stieg und pubertierte sowie, im Gedenken an Heinrich Mann, Der Pubertan.

Wie Carsten Maschmeyer neben seinen Tätigkeiten als Unternehmer und als Veronica-Ferres-Gatte noch dazu kommt, Bestseller zu schreiben, ist mir ein Rätsel. In Die Millionärsformel erklärt er den Menschen, wie man reich wird. Es kommt offenbar darauf an, dauerhaft deutlich mehr einzunehmen, als man ausgibt. Dies ist zu erreichen, indem man "arbeitet", "Kosten senkt" sowie "finanzielle Rücklagen bildet". Na ja. Das überrascht dann doch. Der Dalai Lama dagegen hat, unter Mithilfe von Franz Alt, den Appell des Dalai Lama an die Welt in die selbige gesetzt. Auf einer einzigen Seite finden sich folgende Erkenntnisse: "Wir müssen daran arbeiten, die Schöpfung zu bewahren." – "Mitgefühl ist die Basis des menschlichen Zusammenlebens." – "Wir müssen lernen, dass die Menschheit eine einzige Familie ist." Wohl wahr. Was Carsten Maschmeyer in Hannover ist, das ist der Dalai Lama in der Spiritualität des Buddhismus.

Generell ist dieses Frühjahr das Frühjahr der Religions-Bestseller, in Sonderheit der Bestseller, die sich entweder mit dem Islam, dem Islamismus oder mit dem Katholizismus befassen. Unter den Top 20, Belletristik und Sachbuch, gehören mindestens sieben Titel in diese Kategorie. Die Integration der Muslime in die deutsche Bestseller-Kultur ist erfreulicherweise schon mal gelungen. Der zweite große Trend in der Erfolgsliteratur dieser Monate sind Bücher, die erklären, wer an allem schuld ist. Bei Tim Marshall, Die Macht der Geographie, ist es die Geografie, wenn Russland und San Marino ihren Platz tauschen würden, wäre vieles anders. Bei Karen Duve (Macht) sind Männer an allem schuld. In dem überraschendsten Autoren-Comeback der letzten Jahre, abgesehen vielleicht von Harper Lees Gehe hin, stelle einen Wächter, in Mein Kampf von Adolf Hitler, sind es die Juden. Das Buch stand bei Redaktionsschluss bei den Sachbüchern auf Platz 11, wobei mich die Einordnung als "Sachbuch" verblüffte. Aus eigener Lektüre glaube ich zu wissen, dass der Autor vieles frei erfunden hat. Ich war neugierig, was Menschen, die Mein Kampf kaufen, denn sonst noch erwerben, bei Amazon kann man das sehen. Überraschenderweise gehört zu den Favoriten der Hitler-Leser das Produkt " Bactisel-HK – Ergänzungsfuttermittel für Hunde und Katzen ".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

Mein Kampf kostet im Netz, üppig kommentiert, gern mal 175 Euro und wird, trotz der hohen Verkaufszahlen, von den Leser-Rezensenten bei Amazon als bestenfalls mittelmäßig eingestuft, von 5 möglichen Sternen gibt es nur 2,5. Allgemein gelobt wird die deutsche Wertarbeit des Verlags, ein Rezensent schreibt: "Erst mal sind das wunderschöne Bände, gediegen ausgestattet, satztechnisch eine Meisterleistung", es ist quasi der Kölner Dom unter den neuen Büchern. Der gleiche Rezensent gibt allerdings zu bedenken: "Hitlers Überlegungen waren keineswegs originell." Zumindest dieser Aspekt des Hitlerschen Denkens, das Unoriginelle, hat leider trotz aller Umerziehungsmaßnahmen bis heute in vielen Köpfen überlebt. Als Idee für einen künftigen Bestseller stelle ich folgenden Titel zur Verfügung: Unsere Mauern brechen, meine Stimme nicht. Hitlers Pubertät.