Was sieht ein Anthropologe, der seinen Blick auf das Leben eines westlichen Großstädters im frühen 21. Jahrhundert richtet? Papierkram. Überall Formulare, Verträge, Rechnungen, von all den E-Mails und Onlinedokumenten ganz zu schweigen! Was macht all dieser Papierkram, wo kommt er her? Gewohnt, Macht- und Herrschaftsstrukturen zu analysieren, kommt der Anthropologe zu dem Ergebnis: Dahinter steht letztlich die Macht des Staates mit dem Monopol auf blanke Gewalt. Wer bestimmten Papierkram nicht ernst nimmt, sieht sich schnell knüppelschwingenden Polizisten gegenüber. Und da der Papierkram in immer mehr Lebensbereiche vordringt, dringt auch die Gewalt, die hinter ihm steht, weiter vor.

Der Anthropologe ist David Graeber, Bestseller-Autor von Schulden: Die ersten 5.000 Jahre, und das Leben, auf das er blickt, ist sein eigenes. Graeber ist Anarchist und Professor an der London School of Economics, einer Elitehochschule, die nicht gerade für Widerstand gegen das herrschende System bekannt ist. Das allein dürfte genug Spannungen produzieren, um vielleicht den Funken für sein Buch gezündet zu haben. Und dann sind da noch seine Erfahrungen mit amerikanischen Gesundheitsbehörden, mit der Anti-Globalisierungs-Bewegung, mit "Occupy Wall Street" und seine Enttäuschung darüber, dass es immer noch keine fliegenden Autos gibt.

Aus diesen Erfahrungen und Enttäuschungen, aus historischen und psychologischen Argumenten, der Deutung von Actionfilmen und einer kräftigen Dosis Sozial- und Systemkritik webt Graeber nun in seinem neuen Buch einen fulminanten Angriff auf das Prinzip Bürokratie – und auf unsere heimliche Lust an ihr.

Bürokratie durchdringt nicht nur staatliche Institutionen, sondern auch private Unternehmen. Graeber hat recht, wenn er die Dichotomie von "bürokratischen" Staaten und "freien" Märkten als Chimäre entlarvt. In unserer "Ära der totalen Bürokratisierung" werfen Bürokraten ihre Netze immer weiter aus, weben sie immer engmaschiger. Die Explosion des Papierkrams nützt manchen gesellschaftlichen Gruppen mehr als anderen: Manche wissen seine Vorteile gekonnt zu nutzen, während andere zu einem kafkaesken Hindernislauf gezwungen werden, um grundlegende wohlfahrtsstaatliche Leistungen zu erhalten.

Viele Formen struktureller Ungleichheit werden durch bürokratische Prozesse zwar nicht erzeugt, aber auch nicht verhindert – sie verschwinden hinter einem Schleier angeblicher Neutralität. Das cui bono?, das Graeber an die Bürokratie richtet, ist vielleicht die wichtigste Botschaft des Buches. Er verbindet es mit virtuosen Überlegungen zu der ungleichen Verteilung von "Interpretationsarbeit" zwischen Privilegierten und weniger Privilegierten. Wer Macht hat – und sei es nur die geborgte Macht des kleinen Bürokraten –, muss sich nicht in andere hineinversetzen, sondern kann stur nach vorgegebenen Schemata entscheiden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

Die Bürokratie sei auch schuld, so Graebers These im zweiten Kapitel, dass Teleportation noch nicht möglich, Krebs noch nicht besiegt und das "Ende der Arbeit" durch Roboter noch nicht eingetreten sei. Auch der neoliberale Kapitalismus spiele eine Rolle dabei und das Ende der Systemkonkurrenz mit der Sowjetunion, die beide Lager zu Höhenflügen der innovativen Fantasie angetrieben hatte. Aber dass auch die öffentliche Forschung nicht so weit gekommen sei, zeige, dass es letztlich doch das bürokratische Mikromanagement sei, das der forschenden Fantasie die Luft abdrücke.

Gibt es eine Chance auf ein Ende des Ärgers? Nein, sagt Graeber. Es sei nicht zu erwarten, so das dritte Kapitel, dass wir die Bürokratie irgendwann besiegen würden, denn heimlich seien wir doch alle fasziniert von ihr – zum Beispiel von Systemen wie der Post, die schon im 19. Jahrhundert hocheffizient war. Graeber denkt sie zusammen mit den kosmischen Ordnungen der Antike und des Mittelalters, fragt nach den dahinterstehenden Hierarchien und Rationalitätsbegriffen sowie der sie begleitenden Unterdrückung fantastischer und heroischer Elemente. Die Fantasy-Literatur sieht er als Antibürokratie, als Gegenwelt, in der Charisma, Mythen und Geheimnisse ihren Platz hätten. Die Sehnsucht nach Regeln entstehe aus Angst vor allzu frei spielender Kreativität – aber die erhoffte Eingrenzung willkürlicher Autorität geht allzu oft schief.