Von den Skizzen an der Wand neben dem ausladenden Schreibtisch herab beobachten einen diese Wahnsinnsaugen, teuflisch und trotzig, und vielleicht sind es gar nicht die Augen, sondern vielmehr die erstaunlichen Augenbrauen, die das Gesicht so expressiv und etwas irre machen. Seit anderthalb Jahren beschäftigt sich Reinhard Kleist jetzt mit Nick Cave. "Der sah ja immer völlig unterschiedlich aus, das ist ganz verrückt", sagt Kleist. Im Frühjahr 2017 soll die Biografie erscheinen, und in ein paar Tagen wird er nach London fliegen, um seinem Protagonisten persönlich zu zeigen, was er bisher so gezeichnet hat.

Kleist ist nervös vor dem Treffen mit Cave, das ist eines der ersten Dinge, die er erzählt. Von selbst würde man das nicht merken, er strahlt Ruhe aus. Das letzte Telefonat, sagt er, sei nicht so gut gelaufen. Da wollte er den Musiker davon überzeugen, dass es doch toll wäre, dessen Leben in die zwanziger Jahre vorzuverlegen und ihn am Ende konsequenterweise sterben zu lassen, logisch, wenn das Ganze in der Vergangenheit spielt. "So eine verquere Idee erklären müssen – demjenigen, um den es dabei geht – und das Ganze auf Englisch ..." In Erinnerung an die Pein richtet er den Blick hilfesuchend zur Decke seiner Berliner Altbauwohnung. Aha, habe Cave nur gesagt, und: warum?, und da habe es Reinhard Kleist selbst nicht mehr so genau gewusst. "Es war furchtbar."

Kleist, derzeit einer der profiliertesten deutschen Comiczeichner, wählt gern Protagonisten, die jeden vernünftigen Menschen vor Respekt in Schockstarre versetzen würden, aber bislang musste er immerhin nicht mit ihnen telefonieren. Nach der gefeierten Johnny-Cash-Biografie vor zehn Jahren erschien Elvis, später, nach einer längeren Kubareise, Castro. Alle drei mehr Mythos als Mensch. 2011 kam dann Der Boxer heraus, die unglaubliche Geschichte des Juden Hertzko Haft, der von den Nazis im KZ dazu gezwungen wurde, zu ihrer Unterhaltung seine Mitgefangenen totzuprügeln, und der später in den USA eine leidlich erfolgreiche Profiboxerkarriere hinlegte. Sperrige Figuren mit Geschichten, die im Grunde viel zu groß sind für ein einzelnes Leben.

Dabei interessiert sich Kleist nicht für Heldengeschichten. "Das sind schon alles große, aber auch gebrochene Figuren mit dunklen Seiten. Samia ist die Erste meiner Figuren, die für mich wirklich eine strahlende Heldin ist." Ihre Geschichte erzählt er in Der Traum von Olympia, seinem jüngsten Buch, für das er jetzt den LUCHS des Jahres 2015 bekommt. Die somalische Sportlerin Samia Yusuf Omar lief 2008 in Peking ihre persönliche Bestzeit im 200-Meter-Vorlauf, kam aber immer noch fast zehn Sekunden nach den anderen Sprinterinnen ins Ziel, sie wurde Letzte. Um unbehelligt von der fundamentalistischen Al-Shabaab-Miliz weitertrainieren zu können, wagte Samia die Flucht über den Sudan und Libyen nach Europa; sie wollte es vor den Olympischen Spielen 2012 schaffen. Mit 21 Jahren ertrank sie vor der italienischen Küste, wenige Monate bevor in London die Wettkämpfe begannen.

Reinhard Kleist erfuhr in Palermo von Samias Geschichte, wo er mit einem Stipendium des Goethe-Instituts einen Monat lang zum Thema Flüchtlinge recherchierte – lange bevor das verdrängte Problem auch in Deutschland ankam und zum alles beherrschenden Titelseitenthema wurde. Wenn er nun sagt, Samia sei für ihn die erste "strahlende Heldin", tut er das ohne jedes Pathos, sondern mit der ihm eigenen nachdenklichen Zurückgenommenheit, die vermutlich einer der Gründe dafür ist, dass ihm seine Porträts so gut gelingen. Kleist schafft es, seinen Figuren in ein paar Hundert Zeichnungen wirklich nahezukommen, näher womöglich, als eine geschriebene Biografie das könnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Er rekonstruiert die Geschichte so realistisch wie möglich, lässt aber zugleich stets Raum für die Vorstellung des Lesers. Seine Zeichnungen verdichten die Szenen auf das Wesentliche, wodurch ein Sog entsteht, dem man beim Lesen Widerstand leisten muss, wenn man jedes Bild für sich wahrnehmen möchte. Strukturiert wird die Erzählung durch Facebook-Posts, die Samia so geschrieben haben könnte. Wie auch bei den vorangegangenen Biografien verzichtet Kleist auf Farbe, verwendet lediglich eine Graustufe. Mal lenkt das Weiß den Blick dabei wie ein Spot auf Samia, mal wird diese von dem schwarzen Hintergrund regelrecht erdrückt.

Zuerst veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Zeichnungen als Fortsetzungscomic, erst danach arbeitete Kleist sie um zum Buch. Und ohne den Abdruck in der FAZ wäre es wohl auch nicht entstanden. Denn Kleist ging davon aus, dass die Geschichte völlig unverkäuflich sei, das Thema habe damals schließlich keinen wirklich interessiert. "Ich überlege immer, ob ein Stoff international ankommen würde. Bei Samia habe ich gedacht: Gut, das verkauft sich zwar nicht, aber das kann ich mir jetzt mal erlauben."

An dieser Stelle sollte man einen kurzen Blick auf die letzten anderthalb Jahrzehnte werfen und darauf, was sie mit dem deutschen Comic im Allgemeinen und Reinhard Kleist im Besonderen gemacht haben. Anfang der nuller Jahre also hatte Kleist, der in Hürth bei Köln aufwuchs, sein Grafikdesignstudium an der Fachhochschule Münster hinter sich und seine ersten Comics veröffentlicht: Adaptionen des amerikanischen Schauer- und Horror-Schriftstellers H. P. Lovecraft etwa und den ersten Band der recht durchgeknallten Berlinoir-Reihe, einer Mischung aus Vampirstory und Politparabel. "2004 war dann das Jahr, in dem ich meinen Beruf an den Nagel hängen wollte, da ging gar nichts, total miese Stimmung, keiner hat irgendwas verkauft." Auf dem Erlanger ComicSalon, dem wichtigsten Branchentreffen, sei bereits gemunkelt worden, dass die Veranstaltung im nächsten Jahr wohl nicht mehr stattfinden werde. Kleist dachte daran, lieber als Webdesigner weiterzumachen.

Seitdem hat die Sparte genau den Boom erlebt, von dem Kleist zuvor immer geträumt hat: Kein Feuilleton ignoriert das Genre mehr (wobei sich Kleist besonders über Verrisse freut: "Die nehmen uns endlich ernst!"), Comicautoren bekommen Literaturpreise, die Buchhändler verstecken Comics nicht mehr in den hinteren Ecken. Was auch daran liegt, dass Verlage das Label Graphic Novel erfanden, das klingt seriöser und erwachsener und ist insofern eine kluge Vermarktungsstrategie. Kleist ist in kurzer Zeit zu einem der herausragenden Vertreter des Genres geworden. Ausländische Verlage kaufen Lizenzen seiner Bücher, Auftragsarbeiten muss er gar nicht mehr annehmen, was wohl die wenigsten Autoren von sich behaupten können.

Die Geschichte von Samia konnte er machen, weil er das wollte – und als das Buch fertig war, hätte es keinen passenderen Zeitpunkt dafür geben können. Seitdem hält Kleist regelmäßig Vorträge an Schulen, veranstaltet Zeichenworkshops in Flüchtlingsheimen. Derzeit sammelt er Originale bekannter Comickünstler ein, die im Herbst auf dem Erlanger Comicfestival zugunsten des UNHCR-Bildungswerks versteigert werden sollen.

Zu Beginn der Arbeit an Der Traum von Olympia hat Reinhard Kleist gezweifelt: Kann ich das überhaupt, die Perspektive einer kaum 20-jährigen somalischen Sportlerin einnehmen? Kann ich ihr so nahekommen, dass ich die Geschichte aus ihrer Sicht erzählen kann? Darf ich das – als Mann, weiß, Mitte 40, ein Comiczeichner aus Deutschland?

Kleist traf sich mit Somaliern, die selbst geflüchtet waren, stellte Fragen. Wie ist es, wenn man in Libyen entführt wird? Wenn Lösegeld gefordert wird, wie funktioniert das? Er hat Gespräche geführt, viel gelesen, aber er betont seine Unsicherheit: "Ich bin immer auf das angewiesen, was mir andere erzählen. Ich bin kein Journalist, ich kann auch nicht Leute überzeugen, etwas zu sagen, was sie nicht sagen wollen." Irgendetwas muss er richtig gemacht haben, immerhin gewann er gleich im ersten Gespräch das Vertrauen von Samias Schwester, die er in Helsinki getroffen hat. Ohne ihr Einverständnis, sagt er, hätte er das Buch nicht gemacht.

Seine Skrupel meint man beim Lesen zu spüren. Es ist, als halte die Geschichte, die doch ausschließlich um Samia kreist, immer einen respektvollen Abstand zu ihr. Emotionen muss der Leser sich aus dem Zusammenhang der Szene erschließen. Zum Beispiel als Samia mit anderen Flüchtlingen in einem Holzverschlag auf die Ankunft des Bootes wartet. Niemand spricht, einige haben die Augen geschlossen, aber an der Wand erkennt man Botschaften früherer Wartender, Telefonnummern, Nachrichten, die auch Hilferufe sein könnten, man weiß es nicht, und was aus denen geworden ist, die sie hinterlassen haben, weiß man auch nicht. Am intensivsten, sagt Kleist, seien oft die Sequenzen ohne Sprache, die, die einem nichts Fertiges vorsetzen, die man erst selbst entziffern muss.

Die Schüler, die er auf seinen Vorträgen trifft, lassen sich von seinen Zeichnungen stärker berühren als von den Bildern, die sie aus den Nachrichten kennen: "Fotos beeindrucken sie überhaupt nicht mehr. Fotos wollen immer sagen: Genau so war es. Aber wir alle wissen mittlerweile, wie Photoshop funktioniert und wie man Farbfilter drüberlegt. Dadurch wird die Zeichnung wichtiger, wahrhaftiger."

Eine Woche nach dem Treffen in seiner Wohnung postet Kleist auf seinem Nick-Cave-Arbeitsblog eine Zeichnung mit dem Titel Treffen in London. Zwei Männer auf einer Couch. Cave, in Cowboystiefeln, hält seine Kaffeetasse mit grandioser Lässigkeit; der andere mit einer großen Brille, Kleist, führt ihm seine Zeichnungen auf dem Laptop vor, Schweißtropfen umrahmen seinen Kopf. "Aaa ... Love it ...", sagt Nick Cave, und sein Wahnsinnsgesicht guckt ziemlich nett dabei.