Im 14. Jahrhundert entwickelte sich ein Platz im belgischen Brügge zu einem Zentrum der europäischen Wirtschaft. Makler aus Venedig oder Florenz, später aus Deutschland, England oder Spanien trafen sich zu festen Uhrzeiten, um Wechselkurse zu ermitteln. Bettlern war der Zutritt verboten, ein Vogt wachte über das Geschehen. Der Platz hieß Beursplein, nach einem Gasthaus, das den Händlern bei Regen als Unterschlupf diente und der Familie van der Buerse gehörte.

Später verlor Brügge an Bedeutung. Die Bezeichnung lebte fort: in England als Bourse, in Italien als Borsa, in Spanien als Bolsa, in Deutschland als Börse.

Seither ist viel geschehen. Börsen bezogen eigene Gebäude, benutzen heute Computer. Sie handeln mit allem, mit Aktien, Rohstoffen und Derivaten, sie verwahren Wertpapiere, entwickeln Indizes. Längst sind sie Bausteine einer globalen Finanzarchitektur, mit deren Hilfe in Mikrosekunden Milliarden transferiert werden. Der Ort, an dem der Transfer vollzogen wird, scheint keine Rolle mehr zu spielen. Ist von "den Börsen" die Rede, hat manch einer vielleicht noch das Handelsparkett in Frankfurt vor Augen oder die fuchtelnden Makler in New York. Die meisten aber dürften an Computer und Bildschirme denken. Börse, das ist heute Technik, das sind Daten und Zahlen. Oder?

Es ist auch diese Frage, die derzeit in Europa verhandelt wird – seit die Deutsche Börse und die London Stock Exchange über eine Fusion sprechen. Gemeinsam kämen die zwei Unternehmen auf knapp 10.000 Mitarbeiter und fast 28 Milliarden Euro Marktwert. Das brächte sie auf Augenhöhe mit den größten Börsen der Welt, der Chicago Mercantile Exchange und der Intercontinental Exchange.

Beide Handelsplätze, Frankfurt wie London, sollen bestehen bleiben. Die Holding aber soll an der Themse sitzen – und daran entzündet sich eine Debatte: Verliert der Finanzplatz Frankfurt an Bedeutung? So wie einst Brügge, das heute fast nur noch Touristen anlockt? Beantworten lässt sich das erst, wenn die Details bekannt sind. Mit dem offiziellen Angebot der Deutschen Börse wird täglich gerechnet, bis zum 22. März muss es vorliegen. Nach dem, was bis Dienstag dieser Woche bekannt war, dürfte der Plan zwar der Börse und ihrem Chef nutzen – dem Standort Frankfurt aber weniger.

"Die industrielle Logik ist eindeutig zu bejahen", sagt Hubertus Väth, Geschäftsführer der Vereinigung Frankfurt Main Finance, die für den Standort Frankfurt wirbt. Börsen leben von Größenvorteilen, je mehr Geschäfte über dieselbe IT laufen, desto besser. Dennoch stoßen die Pläne unter Hessens Bankern und Politikern auf Kritik. Jan Pieter Krahnen, Direktor des Center for Financial Studies an der Goethe-Universität, ist erstaunt, dass London erklärt haben soll, der Sitz der Holding sei nicht verhandelbar. "Es ist bemerkenswert, dass einfach gesagt wird: Das ist eine rote Linie. Dafür würde ich gern Argumente hören." Für ihn gleichen London und Frankfurt zwar zwei Zügen, die seit einigen Jahren "in die entgegengesetzte Richtung" fahren, London eher bergauf und Frankfurt eher bergab. Doch die Deutsche Börse ist immer noch größer.