Kaum eine Partei ist so oft totgesagt worden wie die Grünen. Als sie 1990 aus dem Bundestag flogen, als Joschka Fischer die Parteiführung verließ, als die Kanzlerin nach der Atomkatastrophe von Fukushima die CDU zur Partei des Kernenergie-Ausstiegs machte – immer hieß es, ihre Mission sei erledigt, niemand brauche die Grünen mehr. Und jetzt?

Man sollte meinen, von Krise keine Spur. Nicht nur sind die Grünen eben im Autoland Baden-Württemberg zur Volkspartei angeschwollen. Sie haben auch noch gute Chancen, in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt an der Regierung beteiligt zu werden. Es wären dann insgesamt zehn Länder, in denen Grüne mitregieren – bei der CDU sind es gerade mal fünf.

Und doch bescheinigen die Ergebnisse der jüngsten Wahlen den Grünen etwas, das die wenigsten von ihnen wahrhaben wollen: Die Partei steckt in einer Identitätskrise. Denn ausgerechnet der untypischste von ihnen, der Baden-Württemberger Winfried Kretschmann, ein Schrat mit Hybridantrieb, hat den größten Erfolg. So ein Sieg geht an die Substanz. Kretschmann ist für die Grünen ein ähnlicher Stresstest wie Merkel für die CDU. Er strapaziert das Selbstverständnis der Partei.

Der grüne Veteran Reinhard Bütikofer, der jetzt für die Partei im Europaparlament sitzt, beschreibt das Schisma so: "Wenn ich nur auf Baden-Württemberg schau, sage ich: Es geht uns wunderbar. Wenn ich nur auf Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt schaue, sage ich: Es geht uns nicht gut." In Rheinland-Pfalz konnten die Grünen froh sein, es überhaupt noch einmal in den Landtag geschafft zu haben. Ebenso in Sachsen-Anhalt. Bei den Kommunalwahlen in Hessen eine Woche zuvor sackten die Grünen von 18,3 auf 11,3 Prozent ab. In Frankfurt, einem der Hotspots der Parteigeschichte, verloren die Grünen glatte zehn Prozent der Stimmen.

Am Montag im Parteirat in der Berliner Geschäftsstelle der Grünen, als es rote Rosen für Kretschmann regnete, wollte niemand den party pooper geben. Aber die nagenden Zweifel wurden schon laut. Warum gelingt den Grünen nirgendwo auch nur annähernd, was in Baden-Württemberg möglich war? Warum gelingt es sogar immer weniger?

Erste vorsichtige Deutungsversuche der Krise sind nur anonym zu bekommen. Für die Parteilinke gehören die beiden Phänomene – Kretschmann Superstar und grüner Abstieg – auf fatale Art zusammen. "Was Kretschmann gemacht hat – die Zustimmung zur Ausweitung der sicheren Herkunftsländer, eine Steuerpolitik rechts von Wolfgang Schäuble –, das musste er tun als Ministerpräsident eines konservativen Wirtschaftsstandorts", sagt ein führender Linker, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. "Aber es killt uns eben überall sonst."

Um Kretschmanns Wahlsieg nicht zu gefährden, hatte der linke Flügel gerade in der Flüchtlingsdebatte oft die Zähne zusammengebissen. Dass Kretschmann überhaupt bereit war, über das jüngste Ansinnen der Bundesregierung – die Erklärung der Maghreb-Staaten zu sicheren Herkunftsländern – auch nur nachzudenken, ist für eher gesinnungsethische Grüne wie die Parteivorsitzende Simone Peter eigentlich ein Unding. Aber sie hat sich, wie viele andere, eine offene Kritik am grünen Ministerpräsidenten verkniffen. Nun glaubt die Parteilinke, die grüne Glaubwürdigkeit habe unter Kretschmann gelitten. Linke Stammwähler hätten sich deshalb abgewandt.

"Von Kretschmann können wir gar nichts lernen", sagte Claudia Dalbert, die abgestrafte Spitzenkandidatin der Grünen in Sachsen-Anhalt, am Wahlabend trotzig.

In welche Richtung die Parteilinke auf dem Weg ins Wahljahr 2017 drängt, sei deshalb klar. "Im Bund", so Bundesgeschäftsführer Michael Kellner, "können wir uns nicht einfach in den Windschatten von Angela Merkel stellen. Es geht weder darum, für sie zu beten, noch die Platte ›Grün gegen Merkel‹ von 2013 erneut aufzulegen." Man müsse auch die Schwächen der CDU-Flüchtlingspolitik klar benennen: das Bündnis mit dem Autokraten Erdoğan, der einen Krieg gegen Teile des eigenen Volks führt, oder die Aussetzung des Familiennachzugs.